Prozess gegen Baby Pauls Mutter: Geständnis unter Tränen

Prozess gegen Baby Pauls Mutter : Geständnis unter Tränen

Vor dem Bonner Landgericht hat am Montag die Mutter von Baby Paul gestanden, ihren neugeborenen Sohn ausgesetzt zu haben. Am ersten Prozesstag spricht die 21-Jährige von panischer Angst vor ihren Eltern.

Als die zierliche junge Frau mit einer Kapuze über dem Kopf den Saal betritt, steht sie im Blitzlichtgewitter der Fotografen. Und sofort wird die 21-Jährige, die am 28. Juni ihr heimlich geborenes Kind in einem Rucksack am einsamen Schießbergweg in Küdinghoven aussetzte, von ihrer Verteidigerin abgeschirmt.

Wie ein Häufchen Elend sitzt die Studentin neben ihrer Anwältin Nadine Krahé vor dem Schwurgericht, als Staatsanwältin Sandra Düppen die Anklage verliest und ihr versuchten Totschlag vorwirft. Denn Düppen geht davon aus, dass der Paul genannte Säugling nur überlebte, weil drei Jugendliche zufällig den völlig verlassenen Weg entlanggingen, ein Wimmern hörten und den Rucksack, der "optisch nicht wahrnehmbar" war, fanden. Damit hat die 21-Jährige laut Anklage den Tod des Kindes billigend in Kauf genommen.

Die 21-Jährige weint, und ihre Anwältin erklärt: "Meine Mandantin wird die Vorwürfe der Anklage voll umfänglich bestätigen." Dann verliest Krahé den Lebenslauf der jungen Frau, aus dem hervorgeht: Sie stammt aus einer gutbürgerlichen Familie mit einer Lehrerin als Mutter. Sie war stets eine gute Schülerin, liebte Musik und Sport, spielte Fußball im Verein.

"Ich war ein Bilderbuchkind", sagte die Angeklagte zur psychiatrischen Sachverständigen, die sie nach der Tat begutachtete. Warum aber verheimlichte das "Bilderbuchkind" ihre Schwangerschaft und setzte ihr Baby aus?

Es gab Konflikte in der Familie und alte Wunden, über die nicht gesprochen wurde: den Tod eines Sohnes im Kindsalter, die Trennung der Eltern, als die Angeklagte Schulkind war. Weil die Eltern arbeiteten, versorgte eine Kinderfrau sie und ihre ältere Schwester. Nach einem guten Abitur begann die Angeklagte ein Sportstudium in Köln, zog in eine Wohngemeinschaft und war am Wochenende in Beuel bei ihrer Mutter.

Über den Sport lernte sie den Mann kennen, von dem sie dann schwanger wurde. Er ist zwölf Jahre älter als sie, lebt in Koblenz - und wurde von ihr überall verheimlicht. Dabei war er frei und wollte sie, wie sie sagt. Aber sie habe ihn nicht gewollt, erklärt sie unter Tränen. Das habe sie ihm aber nicht sagen können, um ihn nicht zu verletzen. Er habe nicht in das Bild gepasst, dass ihre Eltern von einem Mann für sie hatten. Dass sie es immer allen recht machen wollte und Konflikte scheute, sei ihr erst jetzt in der Therapie bewusst geworden. "Wann haben Sie denn gemerkt, dass Sie schwanger sind?", fragt der Richter.

"Da kam irgendwann ein Bauch und ich merkte, dass sich was bewegte", sagt sie weinend. "Es ist alles total verschwommen." Und schluchzend: "Ich war nicht bereit dazu." "Wie ging es weiter", fragt Kammervorsitzender Josef Janßen. "Ich wollte es nicht wahrhaben, es hat mir total Angst gemacht." Angst, dass die Eltern denken könnten: "Was haben wir nur für eine Tochter."

Heute unterstützten die Eltern sie. Sie belog jeden, der sie auf eine Schwangerschaft ansprach: Mannschaftskolleginnen, Mutter, Trainer. Und ihren Freund, der sie direkt vor der Geburt besuchte, als sie allein im Haus der Mutter war. Sie hatte starke Wehen, und Angst, dass das Kind kommt und er alles erfährt. "Warum diese Angst?", fragt der Richter.

Weinend sagt sie: Angst, dass er dann eine Familie gewollt und sie in was reingezogen hätte, was sie nicht konnte. Wäre der Freund eine Stunde länger geblieben, hätte er alles erfahren. So brachte sie vor 19 Uhr allein ihr Kind zur Welt. Sie weint und weint, als sie schildert, wie sie es säuberte, in ein Tuch wickelte und in den Rucksack steckte. "Es ist schrecklich, aber ich hatte gar keine Beziehung dazu."

Dann habe sie im Internet nach einer Babyklappe in Bonn gesucht und nicht gefunden. Mit dem Rad und dem Kind im Rucksack sei sie durch die Gegend gefahren auf der Suche nach einem Ablageplatz. Doch überall seien Leute gewesen. Und sie habe immer mehr Panik bekommen, dass ihre Mutter heimkommt und sie nicht da ist. So habe sie "es" am Schießbergweg abgelegt.

"Das ist wie ein Film", weint sie. Sie fuhr heim, ging ins Bett, wo nachts die Nachgeburt kam. Was sie gedacht habe, als sie vom Babyfund erfahren habe, fragt der Richter. Froh sei sie gewesen - und voller Angst, dass sie auffliege. Habe sie mal daran gedacht, ihr Kind zurückzunehmen, wird sie gefragt. Sie weint: Daran gedacht schon. Das Kind lebt bei Pflegeeltern.

Einer der drei Jungen, die es fanden, schildert als Zeuge, wie sie bei dem Wimmern erst an eine Katze dachten. Dann riefen sie die Polizei, das Baby landete stark unterkühlt in der Klinik, erholte sich aber schnell. Nach der Mutter wurde gefahndet, bis eine Mannschaftskollegin zur Polizei ging, wie die nun dem Gericht schildert.

Am 8. August um 6.30 Uhr klingelte die Polizei bei der Angeklagten in Köln. Und wie ein Beamter nun als Zeuge berichtet, bestritt die 21-Jährige erst alles. Dann sei sie weinend zusammengebrochen und habe gesagt: "Wenn meine Mutter das erfährt, bringt sie mich um."

Nach der Verhandlung liegt sie ihrer Anwältin weinend in den Armen. Auch ihre Eltern und der Kindsvater sind im Prozess als Zeugen geladen.