Wohnen für Geflüchtete: Rheinbacher Flüchtlinge leben in Senioren-WGs

Wohnen für Geflüchtete : Rheinbacher Flüchtlinge leben in Senioren-WGs

In Rheinbach sind Flüchtlinge Teil der Familie. Der Helferkreis vermittelt das "Wohnen mit Herz". Der GA ist zu Besuch bei fünf Damen, die mit Geflüchteten unter einem Dach leben.

Wieder einen Mann in ihr Leben, respektive sogar in ihre Wohnung zu lassen, war für Erika Dunker kein leichter Gedanke. Der Schatz von 86 Lebensjahren lässt in der verwitwete Mutter und Großmutter aber den Gedanken reifen, dass der junge 22-Jährige mit den guten Manieren und dem ansteckenden Lachen ihr Leben bereichern kann. Dass ihr WG-Bewohner nicht das perfekte Deutsch spricht, Ausländer ist und als Flüchtling von Syrien nach Deutschland kam, minderte die Bereicherung keineswegs. „Ich sehe das als meine Christenpflicht an“, sagt Erika Dunker mit fester Stimme. „Und ich habe Enkelkinder, die sind genauso alt wie Gulkhan.“ Der General-Anzeiger traf fünf, zum Teil verwitwete Damen, die auf Vermittlung des Rheinbacher Flüchtlingshelferkreises junge Geflüchtete bei sich zu Hause aufnehmen. „Wohnen mit Herz“ nennt das Dirk M. Frankenberger vom Flüchtlingshelferkreis.

„Wir bekommen sehr viel zurück“, sagt Mechthild Schimmelpfennig. Ihre WG mit Tarek (25) und Harri (20) aus Syrien sei alles andere als eine Einbahnstraße. „Ich habe mich als Frau lange nicht mehr so wertgeschätzt gefühlt wie jetzt“, berichtet sie. Seit die jungen Syrier vor rund zwei Jahren ihre Plätze in einer Sammelunterkunft gegen ein Zimmer in ihren vier Wänden eingetauscht haben, ist ihr Leben wie auf den Kopf gestellt. „Da ist jemand, der mich fragt: ‚Wie war dein Tag“, berichtet Schimmelpfennig. Gleich die zweite Frage laute stets: „Haben Sie Hunger?“

Wie bei Tarek seien allen Geflüchteten von „Wohnen mit Herz“ zu eigen, dass sie stets ungefragt Dinge erledigen, die ihren Vermieterinnen von Alters her zunehmend schwerer fallen. Schwere Gießkannen zum Blumengießen zu schleppen oder getreu dem Müllkalender die Tonnen an die Straße zu stellen, all dies und so vieles mehr geschehe in den Wohngemeinschaften mit Herz nahezu von alleine. „Wir wollen andere Menschen ermutigen, es uns gleich zu tun“, sagt Schimmelpfennig. „Die Aufgabe empfinden wir im höchste Maße als sinnstiftend.“

Ausgiebig beschnuppern

Für Dirk M. Frankenbergs ist es wichtig, dass sich Vermieter und Geflüchtete bevor sie eine Wohngemeinschaft eingehen, erst ausgiebig beschnuppern, um zu schauen, ob die Chemie stimmt. „Wir bieten über unsere Bürokratielotsen den potenziellen Vermietern unsere Hilfe bei der Bewältigung der administrativen und bürokratischen Herausforderungen an“, berichtet Frankenberger. Er wünscht sich, dass noch mehr Menschen dem Beispiel folgen, um noch mehr Flüchtlinge in private Unterkünfte zu vermitteln. Räumliche Voraussetzungen, um ein Obdach mit Familienanschluss zu bieten, gibt es nicht. „Diese Unterkunft muss noch nicht einmal das große Anwesen mit vielen Zimmern oder einer Einliegerwohnung sein, sondern kann auch eine großzügige Miet- oder Eigentumswohnung sein“, weiß Frankenberger.

Mit „Oma“darf Gulkhan Erika Dunker ansprechen. Sie selbst habe so viel von der Welt gesehen, um zu erkennen, dass es für Vorurteile seltenst einen Grund gibt. „Mein Mann hat im diplomatischen Dienst gearbeitet. Unter anderem haben wir lange in Brasilien gelebt“, erklärt die 86-Jährige. „Nie ist etwas weggekommen.“ Maria Rausch (75) gibt den jungen Geflüchteten Deutschunterricht, als sie hört, dass ihr Schüler Bedrous (23) aus Syrien „in seiner Sammelunterkunft sehr unglücklich ist“. Sie fragt sich, ob sie es wagen würde, ihn bei sich aufzunehmen? Sie wagt es. Während eines längeren Klinikaufenthalts überlässt sie Bedrous die Obhut ihres Hauses und ihres Jack-Russell-Mischlings für mehrere Tage. Längst ist der 23-Jährige, der einmal Filmregisseur werden möchte, Teil der Familie. Sie sprechen viel zusammen. Irgendwann gibt der 23-Jährige sogar seine traumatischen Erlebnisse des Bürgerkrieges und der Flucht aus seinem Heimatland preis. „Ich habe ihm gesagt, dass er bei mir ein Zuhause hat, solange ich lebe“, berichtet Rausch.

Souterrainwohnung vermietet

Zumeist an Schüler und Auszubildende der Glasfachschule vermietet Rita Klaes ihre Souterrainwohnung. Mit den Worten ‚Das ist der Liebste, den ich in Rheinbach habe‘, lobt Doris Kübler vom Flüchtlingshelferkreis ihren Mitbewohner Abdo aus Afghanistan. Gemeinsam kochen sie, er pflegt fürsorglich die Rosen seiner 74 Jahre alten Mitbewohnerin. „Wir sind eine Familie“, sagt auch Mechthild Schimmelpfennig, die mit den Eltern ihres WG-Mitbewohners schon des öfteren über das Internet gesprochen hat. „Ich habe seiner Mutter gesagt, dass ich ihr nicht den Sohn wegnehmen möchte“, sagt Schimmelpfennig. Elena Greuel betont, wie sehr ihr geflüchteter Mitbewohner Teil Ihrer Familie geworden ist. „Er bleibt unser fünftes Kind“, sagt sie. Neben ihren beiden Kindern gehören zwei Pflegekinder zur Familie.

Wie schnell mögliche Grenzen, etwa sprachlicher oder religiöser Art fallen, zeigt das Weihnachtsfest, wie Schimmelpfennig berichtet. „Da haben wir die Weihnachtsgeschichte in deutscher und in arabischer Sprache gelesen.“ Schließlich seien Teile der Weihnachtsgeschichte auch im Koran zu finden, weiß sie. „So ergriffen war ich Weihnachten noch nie.“

An den Flüchtlingshelferkreis können sich Ratsuchende immer Montags von 10.30 Uhr bis 12.30 Uhr im Café International im LIVE an der Bachstraße wenden.

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