Reiten als Therapie: Voltigierzentrum Rheinbach fehlt es an finanziellen Mitteln

Reiten als Therapie : Voltigierzentrum Rheinbach fehlt es an finanziellen Mitteln

Für das therapeutische Reiten beim Voltigierzentrum Rheinbach zahlt der Kreis nur noch in Ausnahmefällen Zuschüsse. Auch wenn das Alltagsgeschäft auf Gut Waldau dank des unermüdlichen Einsatzes von rund 30 Ehrenamtlichen weiterläuft, fehlt dem Verein mit seinen mehr als 200 Mitgliedern nach wie vor eine finanzielle Planungssicherheit.

Dass Stadt und Land knapp bei Kasse sind und in allen Bereichen Gelder gekürzt oder Zuschüsse komplett gestrichen werden, ist bekannt. Häufig bedeutet die fehlende finanzielle Unterstützung für Vereine und kulturelle Einrichtungen das Aus. Auch der Fortbestand der Voltigier- und Reitsportfreunde Rheinbach (VRF) galt als ungewiss, als zum 1. Januar 2018 die Neuregelung von Zuschüssen des Rhein-Sieg-Kreises in Kraft trat.

Als Pädagogisch therapeutisches Voltigiersportzentrum (PTV) hatte sich der Verein neu gegründet, intern umstrukturiert und mit der Gründung eines Fördervereins auf die neue Situation vorbereitet. Nach einem Jahr nun ist die Bilanz allerdings ernüchternd. Auch wenn das Alltagsgeschäft auf Gut Waldau dank des unermüdlichen Einsatzes von rund 30 Ehrenamtlichen weiterläuft, fehlt dem Verein mit seinen mehr als 200 Mitgliedern nach wie vor eine finanzielle Planungssicherheit.

„Es gibt uns noch“, erklärt Marius Dörr fast beschwörend. „Aber wir leben von der Hand in den Mund“, ergänzt seine Frau Astrid als Vorsitzende des PTV und erläutert, wie sich der Verein nach der Kürzung der finanziellen Mittel für heilpädagogisches Reiten mit Spenden über Wasser hält. Auch die Aktion Mensch unterstützt das PTV. „Ansonsten schöpfen wir aus dem gleichen Fördertopf, aus dem auch die Mittel für die Schulbegleitung zur Realisierung der Inklusion zur Verfügung gestellt werden“, resümiert Reittherapeutin Petra van Groningen, die den Verein gemeinsam mit ihrer Schwester Birgit Schneider-te Grotenhuis vor gut zehn Jahren gegründet hat.

Die Bewilligung der Zuschüsse hängt vom Grad der Einschränkung der Therapiebedürftigen ab. Entscheidend ist, inwiefern das Grundrecht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erfüllt ist. „Fehlen einem die Beine, man hat aber einen Elektro-Rollstuhl, mit dem man überall hin kommt, wird die Einschränkung als gering eingestuft“, erklärt van Groningen.

Zusammen mit dem multiprofessionellen Team arbeitet sie mit Herzblut weiter an ihrer Vision. „Wir wollen einen Physiotherapeuten ins Team holen und suchen immer nach neuen Möglichkeiten, um mehr Kompetenzen in das Projekt und damit für die Menschen zu mobilisieren“, sagt van Groningen. Das müsse aber auf einem finanziellen Gerüst stehen.

Das Angebot des PTV ist vielfältig und steht mit dem Vereins-, Turnier- und Therapiesport auf drei Säulen. Mit zwei Pferden und 70 Beteiligten im Alter von drei bis rund 50 Jahren hat der Verein gerade in Essen auf der Equitana, der Weltmesse des Pferdesports, den ersten Platz bei dem Bleyer-Volti-Magic-Cup in der Kategorie Amateure erzielt. „Wir waren da komplett integrativ“, berichtet Marius Dörr. Betreut werden im Verein nicht nur die Menschen mit Handicap, sondern die ganze Familie. „Wenn das Kind zur Therapiestunde kommt, kümmern wir uns von A bis Z“, bestätigt van Groningen, die als gelernte Krankenschwester alle Arbeiten übernimmt, die sich akut ergeben. Auch die Geschwister dürften aufs Pferd, berichtet sie von den „Schattenkindern“, denen ebenfalls Aufmerksamkeit geschenkt wird.

„Für die Menschen sind die Pferde bei uns der Eisbrecher“, veranschaulicht Marius Dörr und erläutert, dass die Tiere sowohl auf Autisten, Traumatisierte und körperlich oder geistig Behinderte positiv wirken. Körperliche Spastiken lösen sich, emotionale Barrieren werden auf dem Pferd aufgebrochen. Die laufenden Kosten für Pferde, Hallennutzung und die Therapeuten sind hoch. „Wir haben aktuell nur eine Planungssicherheit für die nächsten sechs bis zwölf Monate“, sorgt sich Astrid Dörr.

Die Kosten für eine Therapiestunde liegen bei 60 Euro. „Von heute auf morgen mussten die Familien damals diese komplett selbst finanzieren“, erläutert ihr Mann. In diesen Fällen sei der Förderverein eingesprungen, um die Kosten nach Einkommen gestaffelt abzufedern. Lediglich bei zehn Prozent der Therapiekinder übernähmen der Rhein-Sieg-Kreis, die Stadt Bonn oder die Krankenkasse heute die Kosten, so Dörr. „Finanzielle Unterstützung gibt es nur, wenn eine 100-prozentige Behinderung anerkannt wird“, berichtet Juliane Engelmann, die mit ihrer zweijährigen Tochter Mia regelmäßiger Gast in der Reithalle ist. Aufgrund ihrer ausgeprägten Muskelschwäche steht bei Mia der Muskelaufbau im Fokus. „Allerdings gibt es durch die Bewegung auf dem Pferd anders als bei der Logopädie oder der Physiotherapie ein ganzheitliches Komplettpaket“, zollt die Mutter der Vereinsarbeit höchste Anerkennung, „das Kind ist glücklich und wir Eltern haben mal eine kleine Pause.“

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