Interview mit Alfters Bürgermeister Rolf Schumacher: „Planung ist dynamisch“

Interview mit Alfters Bürgermeister Rolf Schumacher : „Planung ist dynamisch“

Mehr Tempo bei manchen Projekten hätte sich Alfters Bürgermeister Rolf Schumacher für das zu Ende gehende Jahr gewünscht.

Welche Schulnote geben Sie als Bürgermeister der Gemeinde Alfter dem Jahr 2016?

Rolf Schumacher: Eine richtig gute Zwei.

Was fehlte für eine Eins?

Schumacher: Wenn man Projekte hat, die einem wichtig sind, wünscht man sich mehr Tempo. Etwa bei den Themen „Umgestaltung Herrenwingert“, „Baugebiet Buschkauler Feld“ und „Radpendlerroute“.

In Sachen Radpendlerroute – also ein gut ausgebauter Radweg zwischen Bornheim, Alfter und Bonn – haben doch alle drei Kommunen grünes Licht gegeben.

Schumacher: Die Planung läuft. Es ist ein wunderbares Projekt, aber insgesamt wünsche ich mir, dass solche Projekte schneller umgesetzt werden.

Bei großen Projekten sind immer viele Akteure beteiligt. Hätten Sie beim geplanten Baugebiet Buschkauler Feld in Witterschlick mit so viel Widerstand aus der Bevölkerung gerechnet?

Schumacher: Na klar. Das Baugebiet ist ein wichtiges sozialpolitisches Vorhaben. Wir wollen dort bezahlbaren und generationengerechten Wohnraum schaffen. Das bedeutet mehr Verkehr und dass sich für Witterschlick etwas ändern wird. Auf der einen Seite gibt es einen großen Druck von jungen Leuten, die bauen wollen. Klar ist ein Baugebiet auf der anderen Seite für die Menschen, die dort bereits wohnen, eine unangenehme Situation. Wir haben die Größe ja auch schon verkleinert. Dialog mit den Bürgern muss Fortschritte in der Sache bringen. Als Politik müssen wir vom Gemeinwohl her denken. Wir können nicht nur auf die Anwohner schauen, sondern müssen das Gesamtprojekt im Blick haben.

Das heißt, die Größe des Baugebietes mit Platz für rund 600 Menschen ist nun fix?

Schumacher: Nein! Wir sind ja noch am Beginn des Planungsprozesses. Planung ist dynamisch, aber der Bedarf für Wohnraum ist da. Ich glaube, wir werden einen guten Weg finden.

Auf die Witterschlicker werden in den kommenden Jahren mit der Erweiterung des Tonabbaugebietes Schenkenbusch auch die großen Bagger zurollen. Die Erweiterung wird die Gemeinde nicht mehr verhindern können, oder?

Schumacher: Das werden wir sehen. Auch hier sind wir mitten in einem Prozess. Es deutet sich ja schon an, dass es Erörterungsbedarf zwischen der antragsstellenden Firma und der Bezirksregierung Arnsberg als Genehmigungsbehörde geben wird – etwa in der Frage des Abstandes zu den Wohnhäusern oder bei der Entwässerung. Aus Sicht der Gemeinde ist ein Abstand von 300 Metern zur Wohnbebauung eine Bedingung, ohne die es nicht geht.

Sie haben das Tempo auch bei der Umgestaltung des Herrenwingerts angesprochen. Dass die Menschen in Alfter-Ort das 950-jährige Jubiläum des Orts 2017 auf einem neugestalteten Platz feiern können, ist unrealistisch, oder?

Schumacher: Das ist völlig unrealistisch. Das wäre aber auch nicht machbar gewesen, wenn die ursprünglichen Ideen sofort umgesetzt worden wären. Der Herrenwingert soll der zentrale Platz von Alfter-Ort bleiben. Dazu muss sich auch etwas in Sachen Nahversorgung tun. Im jetzigen Gebäude hat der Edeka nach Auskunft des Betreibers keine Zukunft. Daher muss der Nahversorger neu positioniert werden – zusammen mit einem Drogisten. Auch die jetzige Dominanz der Pkw-Stellplätze ist nicht zukunftsfähig. Aber auch beim Herrenwingert werden die Bürger intensiv beteiligt. Es soll eine gute Lösung für die nächsten 20 bis 30 Jahre gefunden werden.

Das Thema Flüchtlinge scheint in Alfter im Jahr 2016 auf der Agenda weit nach unten gerutscht zu sein. Täuscht dieser Eindruck?

Schumacher: Ich glaube, wir hatten viel Glück. Mit dem Bau der Unterkunft am Rathaus haben wir eine vorausschauende Entscheidung getroffen, die uns viel geholfen hat. Auch ist das Konzept der dezentralen Unterbringung aufgegangen. Zusätzlich haben wir durch die Notunterkunft im Schloss unabhängig von der konkreten Belegung 150 Plätze als Bonus gehabt. Nach deren Schließung werden uns die Plätze nun nicht mehr angerechnet, wir haben aber Vorsorge getroffen – zumindest für das erste Halbjahr 2017, es sei denn, die Flüchtlingszahlen nehmen wieder rapide zu. Mit Blick auf die Integration ist es Gold wert, dass alle Flüchtlinge unter 18 Jahren eine Kita oder eine Schule besuchen. Auch die Arbeit der Ehrenamtlichen funktioniert ausgezeichnet.

Gibt es für die Unterkunft am Rathaus ein langfristiges Konzept?

Schumacher: Wir haben sie bewusst so gebaut, dass sie multifunktional ist. Man kann sie als Büro- oder Wohngebäude nutzen, aber auch versetzen.

Wird es in dieser Kommunalwahlperiode, also bis 2020, noch eine Dependance der Gesamtschule Rheinbach in Alfter geben?

Schumacher: Ich gehe fest davon aus, dass wir das schaffen können. Wir haben das Gebäude, wir haben die Schülerzahlen und wollen im Frühjahr die Eltern der folgenden Jahrgänge unverbindlich befragen, ob es ein Interesse an einem solchen Angebot gibt.

Besteht die Gefahr einer Konkurrenz zwischen einer Dependance und der Gesamtschule der Freien Christlichen Schulen Bonn/Rhein-Sieg in Oedekoven?

Schumacher: Die Gefahr sehe ich nicht. Die Eltern unterscheiden klar zwischen einer öffentlichen und einer privaten Schule.

Was steht 2017 in Alfter an?

Schumacher: Wir müssen weiter an der Umsetzung des Akutpogramms Wohnraum arbeiten. Auf dem Grundstück am Ahrweg soll in diesem Jahr der Baubeginn für 13 geförderte Wohnungen sein. Auch an der Châteauneufstraße soll in diesem Jahr mit dem Bau der Häuser begonnen werden sowie an der Nettekovener Straße auf dem Gelände der alten Moschee. Auch ist mir ein wichtiges Anliegen, die Kommune demografiegerecht weiterzuentwickeln. Dazu gehören neben der geplanten Tagespflege im Neubau an der Châteauneufstraße und der stationären Pflege an der Bahnhofstraße auch der barrierefreie Ausbau von Bushaltestellen und der weitere Ausbau der Hangbusse. Und natürlich die neue Kita in Impekoven.

Wie sieht es in Sachen Gewerbegebiete aus?

Schumacher: Da haben wir ein Mega-Projekt vor uns. Wir werden in diesem Jahr die Anstrengungen zur Entwicklung des Gewerbegebietes Alfter-Nord zusammen mit Bornheim und Bonn nochmals verstärken. Dort werden etwa 35 Hektar Gewerbeflächen entstehen können. Mein großes Ziel für dieses Jahr ist, dafür das Baurecht zu schaffen.

Ein Gewerbegebiet zu entwickeln, kostet zunächst einmal Geld – ebenso wie etwa der barrierefreie Ausbau von Bushaltestellen. Wie groß ist der Spielraum der Gemeinde Alfter mit Blick auf das Haushaltsicherungskonzept, das 2021 einen Haushaltsausgleich vorsieht?

Schumacher: Man muss zwischen investiven und konsumtiven Maßnahmen unterscheiden. Bei konsumtiven Maßnahmen – also etwa bei Zuschüssen – ist der Spielraum wirklich extrem gering. Bei Investitionen muss darlegt werden, ob es sich langfristig für die Kommune rechnet. Das Gewerbegebiet wird sich rechnen.

Wie viel ist den Bürgern bei Steuererhöhungen noch zuzumuten?

Schumacher: Das ist eine schwierige Frage, denn jeder ist ja von Steuererhöhungen betroffen. Wir haben aber die Pflicht, in Generationen zu denken. Wir können die Verschuldung nicht unseren Kindern und Kindeskindern überlassen. Wenn das, was durch die Alfterer erwirtschaftet wird, auch in der Gemeinde bliebe, könnte ich die Bürgersteige vergolden. Wir leben aber in einem Solidarverband mit dem Land und dem Bund. Es gibt Regionen, denen es nicht so gut geht wie uns. Daher muss man einfach Verständnis haben, dass wir weniger Zuweisungen bekommen als uns von der Steuerkraft her zustünden.

Wie muss 2017 ablaufen, damit Sie dem Jahr die Note Eins geben?

Schumacher: Das Wichtigste ist, dass wir in Frieden und ohne Naturkatastrophen zusammenleben können. Daher schaue ich auch voller Dankbarkeit auf 2016 zurück.