Interview zum Thema Scheidungskinder an Weihnachten: „Eltern sollten einen Waffenstillstand vereinbaren“

Interview zum Thema Scheidungskinder an Weihnachten : „Eltern sollten einen Waffenstillstand vereinbaren“

An diesem Samstag ist Heiligabend. Was machen aber Kinder, deren Eltern getrennt oder geschieden sind? Vor allem, wenn sich einige ehemalige Paare vehement ums Sorge- und Umgangsrecht streiten. In solchen Fällen tritt die Rheinbacher Kinder- und Familientherapeutin Karin Staab in Aktion.

Was machen Kinder, deren Eltern nicht mehr zusammenleben, an Festtagen wie Weihnachten?

Karin Staab: Weihnachten ist ein Fest der Familie und des Friedens. Kinder sehnen sich nach Harmonie. Für Kinder aber, deren Eltern getrennt leben, ist es schwierig, Harmonie zu erleben. Das gilt besonders in Familien mit hochstrittigen Eltern, die nicht mehr miteinander reden und keine Kommunikation haben. Hochstrittige Eltern sind solche, die ihre Konflikte auf der Paarebene noch nicht be- und verarbeitet haben. Solche Eltern leben ihre Konflikte auf Kosten der Kinder aus und benutzen diese als Druckmittel.

Welche Probleme können bei solchen Familien besonders auftreten?

Staab: Besonders an solchen Feiertagen wie Weihnachten verspüren die Kinder oftmals Trauer. Sie erinnern sich an frühere schöne Zeiten mit Mama und Papa. Diese Trauer sollen und müssen Eltern den Kindern auch zubilligen, indem sie versuchen, sie zu trösten. Sie dürfen dieses Gefühl nicht einfach ignorieren, sondern sollten Empathie und Verständnis zeigen. Es gibt frisch getrennte Eltern, die mit den Kindern sogar gemeinsam Weihnachten feiern wollen. Das sehe ich allerdings kritisch, weil die Kinder dann die Hoffnung hegen, dass sich ihre Eltern wieder versöhnen könnten, was einen falschen Impuls setzt. Denn dann können die Kinder die Trennung nicht verarbeiten. Gerade Weihnachten ist eine enorme Herausforderung für Heranwachsende und führt zu einem seelischen Gefühlschaos. Das gilt besonders für jüngere Kinder, Jugendliche können mit der Trennung ihrer Eltern kognitiv besser umgehen, da das Abstraktionsvermögen größer ist.

Wie können Eltern eine Regelung an Weihnachten erzielen, ohne ihre Kinder psychisch zu belasten?

Staab: Väter und Mütter sollten gemeinsam mit ihren Kindern das Weihnachtsfest planen. Schön wäre es, wenn auch die Großeltern in die Planungen einbezogen werden würden. Denn es geht ja darum, wer sich bei wem wo aufhält. Die Eltern müssen ihre Erwartungen an den Festtagen runterschrauben. Es ist nicht mehr so perfekt, wie das gemeinsame Fest einst war. Dabei kann Trennung auch etwas Neues bergen. Neue Rituale können ihre Anfänge nehmen. Statt zur Christmette zu gehen, besuchen die getrennten Eltern vielleicht beide das Krippenspiel, um die Aufführung des Kindes zu sehen.

Was raten Sie Kindern bei solchen Festtagen?

Staab: Ich rate ihnen, jeweils bei Papa und Mama glückliche Weihnachtstage zu verleben. Sie sollen kein schlechtes Gewissen dem Elternteil gegenüber haben, bei dem sie gerade nicht sind. Kinder spielen bewusst oder unbewusst die Eltern gegeneinander aus. Und das gelingt, wenn die Eltern nicht miteinander reden.

Versuchen die Eltern gerade an Weihnachten, mit ihren Geschenken zu punkten?

Staab: Ja. Es gibt Eltern, die wetteifern mit den Geschenken, um die Kinder an sich zu binden. Besonders bei Eltern, die nicht kommunizieren, kann der Wettstreit fatale Folgen haben. Ich hatte mal einen Fall mit einem siebenjährigen Mädchen, die von ihrem Vater einen Flachbildfernseher geschenkt bekam, der dann bei ihrem Vater im Kinderzimmer stand. Sie setzte diesen bei ihrer Mutter als Druckmittel ein mit den Worten „Dann gehe ich eben zum Papa. Da darf ich das sehen“. Mit dem Geschenk wollte der Vater der Mutter eins auswischen, weil sie den Fernseher in dem Alter nicht guthieß.

Was passiert, wenn die Eltern sich auf keine Regelung für die Feiertage einigen können?

Staab: Wenn beide starr ihre Interessen vertreten, entscheidet das Familiengericht, bei wem und wann das Kind die Feiertage verbringen wird. In solchen Fällen bestellt mich das Gericht, um die Interessen des Kindes zu vertreten. Die Eltern wissen gar nicht, was sie mit einem solchen Verhalten ihren Kindern antun. Außerdem geben sie mit einem solchem Verhalten ihren Kindern ein schlechtes Vorbild. Die Kinder sind dann zerrissen, weil sie im Spannungsfeld ihrer Eltern stehen. Das sollten sich Eltern vor Augen halten und gerade an Weihnachten einen Waffenstillstand vereinbaren. Das ist das größte Geschenk, das Eltern ihren Kindern machen können. Zu den Folgen gehört nämlich auch, dass die Kinder als Waffe gegen den Ex instrumentalisiert werden.

Kennen Sie Fälle aus ihrer Praxis, die letztlich gelöst wurden?

Staab: Ich kannte mal zwei Jungen, Geschwisterkinder, die bei der Mutter lebten. Die versuchte, das Umgangsrecht mit dem Vater zu unterbinden. Der Vater pochte beim Familiengericht auf den Umgang mit seinen Söhnen. Ich habe die Familie zwei Jahre lang begleitet. Heute leben die Kinder beim Vater. Von der Umgangsregelung her lief das letztlich gut. Getrenntlebende oder geschiedenen Eltern sollten sich klarmachen, dass, auch wenn die Paarbeziehung auseinander gegangen ist, sie immer Eltern bleiben.