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70 Jahre Kriegsende: Väter und Söhne

70 Jahre Kriegsende : Väter und Söhne

Geboren in Bamberg, Abitur in Meckenheim. Katholisch erzogen. Sein Vater: ein hoch-dekorierter Kriegsheld und Holocaustleugner. Bernd Wollschlaeger konvertiert zum Judentum, wandert nach Israel aus, lebt heute in den USA. Er engagiert sich für den jüdisch-arabischen Dialog. Er nennt es: "Ein deutsches Leben".

Der Kreis hat sich geschlossen. Bernd Wollschlaeger, der seinen Namen schon längst nicht mehr mit "ä" schreibt, wirkt ruhig und ausgeglichen. Und das, obwohl er wieder unterwegs ist. Diesmal hält er einen Vortrag in Syracuse im US-Bundesstaat New York.

Er lebt schon seit vielen Jahren mit seiner Familie in Miami, Florida, wo er als Arzt praktiziert und an der Medizinischen Hochschule lehrt. Bernd Wollschlaeger hat eine Geschichte, die alles andere als alltäglich ist und die er lange für sich behielt.

Der gebürtige Bamberger, Jahrgang 1958, der seine Jugendjahre in Meckenheim verbrachte, wo er Abitur machte, ist zum Judentum konvertiert, nach Israel ausgewandert, diente in der israelischen Armee - und ist der Sohn eines hochdekorierten deutschen Kriegshelden. Eines bekennenden Nazis.

Seine deutsche Vergangenheit war lange Zeit tief vergraben. Mit ein Grund dafür war sicherlich, dass sein Vater ihn vor die Wahl gestellt hatte: Entweder deine Eltern oder das Judentum.

Bernd Wollschlaeger hatte sich für seinen Glauben entschlossen. Heute sagt er: "Ich bin Jude aus dem Herzen." Ein anderer Grund aber war, dass er mit der dualen Identität nicht fertig wurde. Also hat er erst mal einen Strich gezogen.

Viele Jahre später, die Familie war mittlerweile in die USA übergesiedelt, wurde er von seinem Sohn Tal, der mittlerweile 26 Jahre alt ist, gefragt: "Dad, wer ist eigentlich mein Großvater? Also erzählte ich ihm die Geschichte. Aber wie erzählt man diese Geschichte einem netten, kleinen Jungen, der auf eine jüdische Schule geht und in den USA lebt. Wie erkläre ich ihm, dass mein Vater, sein Großvater, ein Nazi war?"

In seiner Familie gab es immer dieses dunkle Geheimnis, etwas, das totgeschwiegen wurde. "Mein Vater erzählte immer wieder die gleichen Geschichten aus dem Krieg. Er diente stolz für sein Vaterland, wie er immer wieder betonte."

Er kämpfte an jeder Front: Frankreich, Polen, Russland. Und in den Geschichten, die er seinem Sohn erzählte, ging es immer nur um Helden und um Ehre. Artur Wollschläger zur Wehrmachtselite. Er diente unter Heinz Wilhelm Guderian, dem Kommandeur großer Panzereinheiten - und Vater des deutschen Blitzkriegs.

"Major Artur Wollschläger. Kein Veteraneninterview, wo nicht sein Name genannt wurde. Beinahe ehrfürchtig, einem Kriegsgott gleich", schreibt ein Internet-Blogger voller Respekt. "Kampfgruppe Wollschläger, Winter ‘41, Ritterkreuzträger, Briansk, jüngster Abteilungskommandeur, einer der geliebten Jungs von General Heinrich Eberbach."

"Richtig, das Ritterkreuz, das trug er bei jeder sich ergebenden Gelegenheit und erzählte mir stolz, dass es ihm von Adolf Hitler verliehen wurde", erinnert sich Bernd Wollschlaeger. Seine Mutter erzählte ihm von dem anderen Gesicht des Kriegs. Vom Horror.

Sie hatte als Sudetendeutsche, im tschechischen Karlsbad geboren, ganz andere Erfahrungen gemacht. Sie hatte eine andere Perspektive erlebt. Die der zivilen Opfer. Sie musste mit der Familie fliehen und die Heimat hinter sich lassen.

"In dem Bamberger Haus, wo ich aufwuchs, lebte eine adlige Dame", erzählt Bernd Wollschlaeger. Im Treppenhaus hing ein Porträt ihres verstorbenen Mannes. Für das Kind sah der Mann so aus wie der Vater auf alten Fotografien: Uniform, Offiziersabzeichen auf den Schultern, das Ritterkreuz um den Hals.

"Als ich meinen Vater fragte, wer der Mann denn sei, antwortete er nur: “Ein Verräter„. Von der Dame erfuhr ich schließlich den Namen: Claus Graf von Stauffenberg."

Sie war die Witwe des Mannes, der seit dem misslungenen Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler in den Geschichtsbüchern steht. Er wurde hingerichtet; seine Frau, Nina Freiin von Lerchenfeld, kam ins KZ, die Kinder wurden zur Adoption freigegeben. Wollschlaeger: "Diese Frau erzählte mir völlig andere Geschichten, und zum ersten Mal kamen mir Zweifel an dem, was mein Vater da erzählte."

Dann kam das Jahr 1972. Die Olympischen Sommerspiele in München. Sie hatten alles verändert. Acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September überwältigten am 5. September 1972 die israelische Olympiamannschaft.

Zwei Sportler starben an ihren Verletzungen, die anderen später bei einem gescheiterten Befreiungsversuch der deutschen Behörden in Fürstenfeldbruck; auch fünf Terroristen und ein deutscher Polizist wurden getötet. Am nächsten Tag lautete eine Schlagzeile: "Wieder sterben Juden auf deutschem Boden".

Als Wollschlaeger seinen Vater darauf ansprach, habe der nur kurz geraunt: "Wir sprechen in diesem Haus nicht darüber."

"Mein Vater hat den Holocaust geleugnet. Alles, was die Nazis getan hatten, war aus seiner Sicht aus Notwendigkeiten geschehen." Natürlich wurde in der Schule über Auschwitz-Birkenau und über den Holocaust gesprochen. Und der junge Bernd Wollschlaeger fragte sich, wie tief sein Vater in all diese schrecklichen Dinge verwickelt gewesen war.

"Für meinen Vater waren die Lehrer, die vom Holocaust sprachen, Kommunisten. Alles war eine einzige Lüge. Ich wollte mich damit nicht abfinden. Also las ich alles über diese Zeit, was mir in die Hände fiel."

Eines Tages nahm er, vermittelt über einen Lehrer, an einem Friedensprojekt teil, an dem auch junge Israelis teilnahmen. Das war 1978. Mit einigen freundete er sich an. Sie luden ihn ein, sie in Israel zu besuchen. Bernd trampte nach Griechenland, nahm in Piräus die Fähre und setzte nach Haifa über.

Am ersten Tag erfuhr er beim Abendessen, dass der Gastvater seines neuen Freundes ein Holocaust-Überlebender war. "Auf so etwas bist du genauso wenig vorbereitet wie auf Auschwitz", sagt er heute, in der Rückschau, nachdenklich. Der Gastvater zeigte ihm die tätowierte Nummer auf seinem Unterarm und fragte ihn, was er darüber wüsste. "Nur das, was ich gelesen habe", antwortete Bernd Wollschlaeger.

Am nächsten Tag fuhren sie nach Yad Vashem. "Was ich dort erfuhr, erschütterte mich, emotional und seelisch. Aber gleichzeitig beschäftigte mich die Frage, wie diese Menschen weitermachen konnten, wie konnten sie weiterleben?"

Die Antwort darauf weiß er heute, 36 Jahre nach der Begegnung: "Überzeugung, Glauben, Identität; die Stärke einer ethnischen Gruppierung, die unter dem Druck der Vernichtung steht und sagt: Wir werden uns nicht unterkriegen lassen. Aber was mich besonders beeindruckt hat, dass so viele ihren Hass überwinden konnten." Er habe gespürt, dass da etwas Einzigartiges an den Juden sei. "Und ich wollte herausfinden, was das war."

Zurück in Bamberg wandte er sich an die kleine jüdische Gemeinde, die ihn als Shabbat goy akzeptierte. "Ich wusste damals nicht, was das war. Aber von da an war ich jeden Freitag und Samstag, an jedem Feiertag für die nächsten Wochen und Monate der Shabbat goy."

Diese werden in einem jüdischen Haushalt am Sabbat-Tag eingesetzt, um Dienste zu verrichten, die religiösen Juden an diesem Tag verboten sind.

Da gab es einen Herrn, der den jungen Bernd Wollschlaeger ein wenig unter seine Obhut nahm, wohl auch, weil er selbst keine Kinder hatte. "Und als er starb, da sollte ich das Kaddisch beten, eines der wichtigsten Gebete im Judentum. Als ich dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde sagte, dass ich das nicht tun könnte, weil ich kein Jude sei, sagte er: Du bist einer von uns."

Bernd Wollschlaeger konvertierte zum orthodoxen Judentum. Es war ein langer Prozess, der mit der Frage nach Schuld und Sühne begann. Über die soziokulturelle Annäherung kam auch die spirituelle. "Sie füllte ein Vakuum, das ich gefühlt hatte", sagt er heute.

1987 wandert er nach Israel aus, sechs Monate später stirbt sein Vater, der längst mit ihm gebrochen hat. Der junge Arzt arbeitet zunächst in einem Krankenhaus, wird dann in die israelische Armee eingezogen.

"Und dann stand ich da, in der Uniform der israelischen Armee - als Sohn eines Nazi. Also schloss ich meine Geschichte in eine Box ein und warf den Schlüssel weg. Ein großer Fehler, wie sich später herausstellen sollte."

Bernd Wollschlaeger kann heute darüber lachen, wenn er erzählt, wie der Sohn in der jüdischen Schule in Miami seine "coole Geschichte" über seinen berühmten "Nazi-Opa" erzählte.

"Das kam gar nicht gut an, und ich wurde in die Schule gerufen. Die Lehrer wollten wissen, was mit meinem Sohn nicht stimmte. Als ich dem Schulleiter und dem Rabbi meine Geschichte erzählte, drängten sie mich, diese in der Klasse wiederzugeben."

Der Kreis hat sich geschlossen. Zu seiner jüngeren Schwester und seiner Heimat Bamberg hat er wieder eine Bindung aufgebaut. Wichtiger ist ihm aber sein Engagement, darum zu werben, Brücken zwischen unterschiedlichen Kulturen zu bauen. Bernd Wollschlaeger engagiert sich für den jüdisch-arabischen Dialog.

"Wenn ich meine Geschichte erzähle, dann geht es nicht darum, Deutsche und ihre Geschichte anzuprangern. Es geht mir darum, die Vergangenheit für die Zukunft zu nutzen. Ich finde, ich bin ein Beispiel dafür, dass man Brücken bauen kann. Nur dann kommt man dem Frieden näher."