Unfälle im Rhein-Sieg-Kreis: So arbeiten Spurenleser nach Unfällen in der Region

Unfälle im Rhein-Sieg-Kreis : So arbeiten Spurenleser nach Unfällen in der Region

Frank Glabian vom Unfallaufnahmetrupp der Kreispolizeibehörde Siegburg ermittelt mit seinen Kollegen nach schweren Kollisionen. Gaffer behindern oft die Arbeit.

Die Ampel auf der Bonner Straße in Sankt Augustin zeigte rot. Doch den Fahrer des VW Polo hielt das nicht auf. Er ignorierte das Leuchtsignal vor dem Fußgängerüberweg genauso wie die beiden Autos, die bereits vor der Ampel warteten. Der Fahrer scherte auf den Linksabbiegerstreifen aus, um von dort geradeaus über die Kreuzung in Richtung Siegburg zu fahren. Mit rund 75 Kilometern pro Stunde erfasste sein Auto einen 74-Jährigen, der wenig später seinen schweren Verletzungen erlag (der GA berichtete).

Für Frank Glabian von der Polizei des Rhein-Sieg-Kreises ist der Unfall vom 18. Dezember 2013 und die Ereignisse, die darauf folgen sollten, einer der Fälle seiner Laufbahn, die er wohl nie vergessen wird. Glabian arbeitet in der Unfallaufnahmegruppe der Polizei im Rhein-Sieg-Kreis. Er oder seine drei Kollegen des sogenannten VU-Teams werden immer dann gerufen, wenn sich schwere Verkehrsunfälle ereignen, Verkehrsteilnehmer dabei schwer verletzt werden oder zu Tode kommen, Verursacher vom Unfallort fliehen oder sich auch bei leichteren Unfälle ein schwieriges Spurenbild ergibt.

„Der Name 'Unfallaufnahmegruppe' ist eigentlich ein bisschen irreführend, denn oftmals sind die Kollegen des Wachdienstes bereits vor Ort, um den Unfall aufzunehmen und Zeugen zu befragen“, so Glabian. „Unsere Aufgabe besteht vor allem in der Sachbeweisführung.“ Kommt Glabian an einer Unfallstelle an, gilt sein erster Blick meist den beteiligten Fahrzeugen und der Frage „in welcher Position sie auf der Straße zum Stehen gekommen sind und wie sie zueinander stehen“.

Am Unfallort hätten die Arbeiten von Rettungskräfte und Feuerwehr zunächst absoluten Vorrang. „Erst, wenn die Ersthelfer sich zurückziehen, werden die Spuren nach und nach sichtbar“, so Glabian. Es folgt einer der wichtigsten Schritt für die anschließende Unfallanalyse: „Wir müssen dann die Kollisionsstelle finden.“

Mögliche Spuren werden markiert, vermessen und anschließend mit einem Kamerasystem dokumentiert – je nach Unfallstrecke kann sich diese Arbeit über Hunderte Meter ziehen. Was die Mitglieder des VU-Teams von anderen Kollegen unterscheidet? „Vor allem jede Menge Erfahrung mit Unfällen“, so Glabian, der seit 36 Jahre im Polizeidienst ist.

Nicht selten trifft er am Ort eines Unfalls auf Menschen mit schwersten Verletzungen oder in seelischem Ausnahmezustand. Für Betroffene oder deren Angehörige handelt es sich bei einem solchen Verkehrsunfall meistens um ein dramatisches Ereignis. „Stressig“ bezeichnet der 55-Jährige diese Situation, die er in seinem Beruf regelmäßig vorfindet.

Mache Erlebnisse lassen auch einen erfahrenen Polizisten nicht kalt. „Jeder Notarzt oder Feuerwehrmann muss einen Weg finden, um mit diesen Bildern klar zu kommen, sonst kann man seinen Job nicht machen“, so Glabian. Was ihm hilft? „Ich konzentriere mich auf die sachliche Ebene und auf meine Routine bei der Spurensicherung“, sagt Glabian. Im besten Fall tragen er und seine Kollegen des VU-Teams so dazu bei, dass der Hergang eines Unfalls zweifelsfrei geklärt werden kann – so wie es im Fall des tödlichen Unfalls auf der Bonner Straße gelang.

Der Fahrer des VW Polo war zunächst vom Unfallort geflüchtet. Nachdem die Beamten einen Verdächtigen ausfindig gemacht hatten, leugnete er bei der Befragung dreist die Tat. Die Kaltblütigkeit, die der Todesraser an den Tag legte, ärgert Glabian auch heute, rund fünf Jahre danach, noch. „Wir bearbeiten jeden Unfall mit der gleichen Sorgfalt, aber in solchen Fällen spürt man schon einen zusätzlichen Ehrgeiz.“

Insgesamt ereigneten sich im vergangenen Jahr im Zuständigkeitsbereich der Kreispolizeibehörde Siegburg rund 9400 Unfälle. Damit ist die Gesamtzahl im Vergleich zum Vorjahr um 6,3 Prozent angestiegen, bei ebenfalls leicht gestiegener Zahl der Einwohner und der zugelassenen Fahrzeuge. Neun Personen verunglückten 2017 tödlich – im Vorjahr lag die Zahl der Opfer bei zwölf, allerdings stieg die Zahl der schweren Unfälle deutlich um 13,5 Prozent, die Zahl der Unfälle mit schweren Sachschäden sogar um 20,6 Prozent an, während sie NRW-weit um rund 14 Prozent sank. Insgesamt verunglückten im vergangenen Jahr im Kreis 1335 Personen im Straßenverkehr, dabei verletzten sich 185 schwer. Damit stieg die Zahl der Schwerverletzten um rund 16 Prozent.

Vor allem zum Start der Motorradsaison, bei Wetterwechseln und längeren Hitzephasen steige die Einsatzhäufigkeit. „Die Menschen trinken dann zu wenig“, erklärt Glabian. Häufigste Unfallursache waren Vorfahrts- und Vorrangverletzungen (rund 20 Prozent), Fehler beim Abbiegen oder Wenden (rund 19 Prozent) sowie überhöhte Geschwindigkeit(rund 14 Prozent).

Gaffer sind ein Problem

Immer öfter müssen sich Glabian und seine Kollegen am Unfallort zudem mit einem ganz anderen Problem auseinandersetzen: Gaffer, die die Beamten, Retter und sogar Opfer fotografieren oder filmen. Nicht selten behindern sie die Arbeiten der Helfer. „Es ist mir völlig unbegreiflich, wie Menschen aus solchen Aktionen so etwas wie Befriedigung ziehen können“, sagt Glabian. Auf ihr Verhalten angesprochen, reagierten manche Gaffer einsichtsvoll, andere aggressiv.

2008 wurde die VU-Einheit im Rhein-Sieg-Kreis gebildet. Seitdem ist auch Glabian dabei. „Ich kann jeden Tag das machen, weshalb ich einmal Polizist werden wollte: Den Menschen helfen, zu ihrem Recht zu kommen.“ Auch wenn eine Unfallstelle geräumt ist, ist die Arbeit des VU-Teams längst nicht beendet. Unter Umständen geht die Arbeit der Spurensicherer an und in den Wracks dann erst richtig los – nämlich dann, wenn die Beamten auf die Suche nach DNS-, Faser- oder Lackspuren gehen müssen. Am Computer werden später die Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammengesetzt.

Im Fall des Todesfahrers von Sankt Augustin führte die Akribie der Beamten schließlich zum Erfolg. Noch vor Gericht blieb der 43-jährige Angeklagte dabei, dass er das Auto gar nicht gefahren habe. Verurteilt wurde er dennoch. Die Beamten stellten die Kleidung des Mannes sicher. Darauf fanden sich Glassplitter der zersplitterten Frontscheibe des Unfallwagens.

Doch nicht nur in der Aufklärung von Unfällen, sondern auch in der Prävention arbeitet das Team um Glabian. Gemeinsam mit Rettungskräften und auch Unfallopfern gehen sie in Schulen, um auf mögliche Folgen von Unfällen hinzuweisen und für verantwortliches Handeln im Verkehr zu sensibilisieren. „Crash Kurs“ nennt sich die Aktion, die 2017 Jahr rund 1500 Schüler erreichte.

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