Rundgang mit ehemaliger Stadtarchivarin: Wie authentisch ist der Siegburger Mittelaltermarkt?

Rundgang mit ehemaliger Stadtarchivarin : Wie authentisch ist der Siegburger Mittelaltermarkt?

Wer über den Siegburger Weihnachtsmarkt flaniert, fühlt sich ins Mittelalter zurückversetzt. Doch wie authentisch ist der Markt mit Gauklern, Musici und dem Büttel? Wir haben mit der ehemaligen Siegburger Stadtarchivarin Andrea Korte-Böger einen Rundgang gemacht.

Gut gelaunt und fasziniert flanieren Besucher zurzeit über den Siegburger Markt, fühlen sich in das Mittelalter zurückversetzt. Händler und Handwerker bieten ihre Waren feil, an den Tavernen trifft man sich bei „süffig Met und fruchtig Wein“ oder in der Bierschänke, um „das Gülden Nass“ zu kosten, während Gaukler und Musici auf der Bühne für Kurzweil sorgen oder sich unter das Volk mischen. Der Büttel sieht nach dem Rechten und wirft immer wieder einen Blick auf die „Kindlein“, die vergnügt einige Runden auf dem hölzernen Karussell drehen. Beste Unterhaltung für alle, aber war das damals wirklich so? Der GA hat die ehemalige Siegburger Stadtarchivarin Andrea Korte-Böger zu einem Rundgang und um ihre Meinung zur Authentizität des Spektakels gebeten.

Treffpunkt war der Stand vom „Moccamaker“. So lecker Kaffee und Kuchen auch seien, so etwas habe es im Mittelalter ebenso wenig auf Märkten gegeben wie irgendwelche Kinderbelustigung oder „Fress- und Saufbuden“, stellte Korte-Böger gleich zur Begrüßung fest. Rund um den Siegburger Markt gab es nach ihren Worten aber zahlreiche Gaststätten und Kneipen, wo ordentlich gezecht worden sei. Auf dem Markt hätten sich die Saufbrüder lediglich Schlägereien geliefert.

Oben auf dem Markt holt gerade ein Bäcker frisch gebackene Brote aus dem Ofen. „Ebenfalls undenkbar: Brotbacken und Bierbrauen war im Mittelalter Aufgabe der Hausfrau“, so die ehemalige Archivarin. Dass man bei großen Jahrmärkten mit Kirchweihfest, also Kirmes, ein Schwein am Spieß gegrillt habe, sei durchaus denkbar. Nicht aber die Zubereitung von verschiedenen Suppen, die ein weiterer Stand derzeit anbietet.

Wie sahen eigentlich die Stände aus? Waren das auch Zelte und kleine Holzbuden? Die Frage kann Korte-Böger nicht genau beantworten. Überliefert sei aber beispielsweise, dass Waren – etwa Fleisch – auf Bänken abgelegt und zum Kauf angeboten wurden. Waren Handwerker vertreten? „Nur, wenn sie nichts Schweres anzuschleppen hatten“, sagt Korte-Böger. Also ein Steinmetz auf gar keinen Fall und ein Schmied zum Beschlagen von Pferden sicher auch nicht. Allein schon deshalb, weil der ein riesiges Feuer hätte entfachen müssen, erklärt die Fachfrau. Eher ein Kleinschmied, der Kupferkessel flickte.

"Schon damals waren Taschendiebe äußerst aktiv"

Die Ware, die neben Gebrauchsgegenständen und Lebensmitteln verkauft wurde, kann man laut Korte-Böger so beschreiben: „Alles, was edel und außergewöhnlich war.“ Unter anderem Schmuck und Seidentücher, feine Spitze und ebensolche Lederwaren. Die Dinge hätten die Menschen im Mittelalter einmal gekauft und dann vererbt. Unechten Schmuck wie heute gab es natürlich nicht. Glas und Porzellan konnte sich niemand leisten, Geschirr bestand aus Ton. Beliebt waren seltene Gewürze wie Safran. Da man Kerzen damals ausschließlich aus Bienenwachs fertigte und diese daher sehr teuer waren, fanden sie im Gegensatz zu heute auch keinen Abnehmer beim gemeinen Volk. In dessen Räumen sorgten lediglich sogenannte Tranfunzeln für spärliches Licht. Kerzen illuminierten nur die Kirchen.

Die indische Kauffrau mit bürgerlichem Namen Petra Diekmann-Veltmann hätte ihren Stand am heutigen Hühnermarkt außerhalb der Stadtmauern aufstellen müssen. Denn im Mittelalter galten Menschen wie sie als Heiden, als Ungläubige, berichtet Korte-Böger. Ob die Kleidung der Marktleute authentisch ist, kann Korte-Böger schwer einschätzen. Die entspringe eher der Fantasie und der Vorstellung, wie sie damals ausgesehen haben könnte.

Und was ist mit der Sprache? Mit der verhält es sich nach Ansicht der Archivarin wie mit der Kleidung und habe mit der Realität wenig zu tun. Die im Mittelalter gesprochene Sprache würde heute niemand mehr verstehen, weil auch die Buchstabenkombination oft eine andere gewesen sei.

Dankbar, dass nicht alles den wahren Gegebenheiten vergangener Tage entspricht, wird man spätesten bei den Annehmlichkeiten der Neuzeit, besonders in Bezug auf die Hygiene. Denn: „Die Menschen sind damals ja nicht umsonst so früh gestorben“, meint Korte-Böger dazu.

Es ging also rauer, derber, schmutziger und weniger romantisch zu. Oder frei nach Loriot und Opa Hoppenstedt ausgedrückt: Früher war weniger Lametta. Über die Jahrhunderte erhalten hat sich eine unangenehme Begleiterscheinung von Märkten. „Schon damals waren Taschendiebe äußerst aktiv“, erklärt die ehemalige Stadtarchivarin.

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