"Hart aber fair" in der ARD: Talkrunde diskutierte über Verdienst von Frauen

"Hart aber fair" in der ARD : Talkrunde diskutierte über Verdienst von Frauen

Frauen verdienen weniger als Männer. Frank Plasberg lässt bei “Hart aber fair” zum Equal Pay Day über Lohndifferenzen diskutieren. Ungleich ist nicht ungerecht, findet Ex-Ministerin Kristina Schröder. Für Journalist Hank ist alles eine Frage der Macht.

Darum ging’s

Frauen verdienen in Deutschland 21 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Der 18. März ist daher in diesem Jahr Equal Pay Day, denn die Kalendertage bis zu diesem Tag arbeiten Frauen faktisch umsonst. Frank Plasberg will wissen warum. Muss der Staat mit Quoten und Gesetzen eingreifen?

Darum ging’s wirklich

Es war weder ein Politiker noch ein Arbeitgeber eingeladen, über Maßnahmen wird daher nicht gesprochen. Die Gäste tauschen überwiegend Ansichten aus. Psychologe Grünewald liefert ein Stimmungsbild und erklärt Rollenverhalten.

Die Gäste

  • Kristina Schröder, ehemalige Bundesfamilienministerin, CDU
  • Henrike von Platen, Unternehmensberaterin, Mit-Initiatorin des Equal Pay Day
  • Rainer Hank, Wirtschaftsjournalist (FAZ)
  • Collien Ulmen-Fernandes, Schauspielerin, Moderatorin
  • Stephan Grünewald, Psychologe, Rheingoldinstitut
  • Insa Thiele-Eich, Meteorologin, angehende Astronautin
  • Daniel Eich, Spitzenvater 2019, IT-Produktentwicker in Elternzeit

Frontverlauf

Plasberg stellt zum Auftakt klar, wie vielfältig die Gründe für die existierende Lohnungleichheit von 21 Prozent sind: Frauen sind seltener in Führungspositionen, arbeiten in schlechter bezahlten Berufen oder Teilzeit. Doch selbst wenn man nur vergleichbare Tätigkeiten berücksichtigt, bekommen Frauen sechs Prozent weniger Geld. Kristina Schröder, von 2009 bis 2013 Bundesfamilienministerin, empören die Lohnunterschiede nicht: Häufig sei diese Ungleichheit auf freie Entscheidungen der Frauen zurückzuführen. Sie selbst zum Beispiel habe sich ohne Druck dafür entschieden, sich nicht mehr ums Kabinett sondern ihre drei Töchter zu kümmern. Wählten Frauen Studiengänge, die zu schlechter bezahlten Jobs führten, sei ja auch das ihre eigene Entscheidung. „Ungleichheit ist nicht immer Ungerechtigkeit.“

Rainer Hank plädiert ebenfalls für weniger Opferrollen-Verhalten und mehr Eigenverantwortung: „Wenn Frauen mehr verdienen wollen, müssen sie eben in die Berufe, in denen besser bezahlt wird”, sagt der Wirtschaftsjournalist. Henrike von Platen, Mit-Initiatorin des Equal Pay Day, warnt: Wenn plötzlich alle nur noch in besser bezahlte Ingenieursjobs drängten, sähe es zum Beispiel in der Pflege schlecht aus. Man solle sich lieber darüber unterhalten, welche Arbeit der Gesellschaft welchen Preis wert ist.

Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes entdeckt einige Haken an den sogenannten freien Entscheidungen: „Von Frauen wird erwartet, dass sie alles unter einen Hut bekommen”, sagt sie. Sei das Kind krank, werde fast automatisch nach der Mutter gerufen. „Ganz so freiwillig ist all die Teilzeitarbeit nicht”, findet sie.

Stephan Grünewald erklärt das Rollenverhalten durch seine Studien, zu denen er die Deutschen seit 20 Jahren auf die Couch bittet. Für Männer sei der Beruf nach wie vor eine Fluchtburg, vor allem in den oberen Etagen sei „Mann” nach wie vor gern unter sich. Befrage er Männer zu privaten Anliegen, wandelten die sich häufig rasch von extra-stark zu unsicher. „Da geht Funktionspotenz in Privatinsolvenz über”, kalauert Grünewald.

Kuriose Belege dafür, dass Rollenklischees in der Gesellschaft längst nicht überwunden sind, hat Moderator Plasberg mitgebracht: rosa Nabelschnurscheren, Baby-T-Shirts für Super-Helden, hellblaue Atlanten für Jungs. Dieses Thema hat auch Collien Ulmen-Fernandes für ihr ZDF-Neo-Programm unter die Lupe genommen: In Kinderbüchern wird Mädchen erklärt, wie sie ihr Haar glänzen lassen, Jungs, wie sie Taschengeld verhandeln. Letzteres offenbar mit Erfolg: Jungen bekommen laut Statistik sechs Prozent mehr Taschengeld als Mädchen. Ein Zufall?

Kristina Schröder ist nicht überzeugt, im Gegenteil: „Wir Frauen haben doch im hohen Maß das Privileg, auswählen zu können”, findet die Mutter von drei Töchtern. Viele Frauen seien ganz glücklich, wenn sie um 16 Uhr nach Hause gehen könnten und die Männer die Überstunden kloppten. Für Henrike von Platen macht das keinen Sinn: „Das ist doch kein Grund, Frauen pro Stunde weniger zu bezahlen.” Vor allem in Führungsetagen seien die Gehaltsunterschiede enorm, oft verdienten Frauen in Vorständen kaum die Hälfte. Hank rät: Frauen müssten lernen, die Chefs länger zu nerven und besser zu verhandeln. Sie würden das Thema Lohn nicht klar genug als Machtthema anerkennen.

Hier die Sendung online sehen

Werden Rollen anders verteilt, ist das offenbar auch nicht immer einfach - Das erzählen die angehende Astronautin Insa Thiele-Eich und ihr Mann Daniel, der sich für Insas Raumfahrt zur ISS Elternzeit nimmt. Dass sie nicht nur einen anspruchsvollen Beruf, sondern auch drei Kinder hat, „irritiert die Menschen mehr als ich dachte”, so die Meteorologin, die die Erziehung ihrer Kinder seit neun Jahren mit Daniel partnerschaftlich leistet. Ihr Mann wurde dafür „Spitzenvater des Jahres”, eine Auszeichnung, die viel Kritik in sozialen Medien auslöste: Schließlich werde keine Frau zur „Spitzenmutter“ wenn sie ihrem Mann den Rücken freihalte. Auf diesen Shitstorm hätte Thiele-Eich gut verzichten können: Ihr und ihrem Mann sei es bei der Annahme des Auszeichnung weniger um den Preis gegangen, als darum, zu zeigen, dass es eben auch anders geht.

Dieser Text ist zuerst bei RP Online erschienen.

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