Ferdinand von Schirach: Darum geht es im neuen Buch "Kaffee und Zigaretten"

Ferdinand von Schirach : Darum geht es im neuen Buch "Kaffee und Zigaretten"

Ferdinand von Schirach serviert im neuen Buch „Kaffee und Zigaretten“ autobiografische Schnipsel. Quasi zwangsläufig kommt der Strafverteidiger Schirach immer wieder auf die Juristerei zurück.

Unweigerlich denkt man bei Ferdinand von Schirachs neuem Buch „Kaffee und Zigaretten“ an den herrlichen Episodenfilm „Coffee and Cigarettes“ von Jim Jarmush (2003) mit Bill Murray als Diners-Kellner und zwei schweren Jungs oder mit Iggy Pop und Tom Waits, die sich qualmend über die Rauchentwöhnung unterhalten. In Schirachs Buch brennt quasi auch ständig eine Zigarette, geht es vom Café del Flore ins Deux Magots – und der Mann kommt beim Plaudern vom Hölzchen aufs Stöckchen. Aber „Kaffee und Zigaretten“ ist vom Kultstatus weit entfernt. Schirach hat wirklich viel zu erzählen, jedoch ein begnadeter Stilist und origineller Dramaturg seiner Geschichten ist er nicht.

Hatte der Münchner Autor und Strafverteidiger zuletzt in „Strafe“ (2018) noch zwölf Schicksale und juristische Fälle mit der Präzision, Kühle und schriftstellerischen Nüchternheit einer Gerichtsakte aufgelistet, geht er nun mit „Kaffee und Zigaretten“ ins Autobiografische – und hin zu flüchtigen Momentaufnahmen und Alltagsimpressionen, die immer dann auftauchen, wenn's biografisch interessant werden könnte. Zum Beispiel, wenn er auf seinen Großvater, den NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach, zu sprechen kommt.

Der 55-Jährige flattert dann zum nächsten Thema, plaudert über ehemalige Mandanten, outet sich dann aber auch als großer Kinofan und -kenner, für den Michael Hanekes Filme „wie Haikus“ sind. Schön analysiert Schirach etwa die cineastische Sprache des österreichischen Regisseurs. Beim Anschauen von dessen Film „Caché“ habe er – „Ich war damals schon über zehn Jahre Strafverteidiger“ – erstmals ganz verstanden, was Schuld eigentlich sei.

Gerechtigkeit und Schuld

Wie in Schirachs berühmtem und kontrovers diskutiertem Stück „Terror“ geht es in dem Buch streckenweise um die Komplexe Gerechtigkeit und Schuld: „Ich habe zwanzig Jahre lang Mörder und Totschläger verteidigt, habe Zimmer gesehen, in denen das Blut stand“, schreibt er, „und nach all diesen Jahren habe ich begriffen, dass die Frage, ob der Mensch gut oder böse ist, eine ganz und gar sinnlose Frage ist.“ Der Mensch könne alles sein, „er kann Figaros Hochzeit komponieren, die Sixtinische Kapelle erschaffen oder Penicillin erfinden. Oder er kann Kriege führen, vergewaltigen und morden. Es ist immer der gleiche Mensch, dieser strahlende, verzweifelte, geschundene Mensch.“

Solche geradezu philosophischen Passagen wechseln sich in den 48 durchnummerierten Kapiteln mit wirklich banalen, belanglosen Einschüben ab. Auf intime und beklemmende Kindheitserinnerungen folgen Schilderungen spektakulärer Gerichtsfälle und flüchtiger, letztlich oberflächlicher Begegnungen mit Zeitgenossen wie Lars Gustafsson oder Imre Kertész. Schirach erzählt von Lesereisen und von der Frau, die ihren verhassten Gatten mit einer Zahnpasta um die Ecke brachte, die sie mit einer Schierlingspflanze aus dem Garten versetzt hatte. Der Mann erstickt bei vollem Bewusstsein, sie nimmt die Haft in Kauf, beginnt anschließend ein neues Leben.

Quasi zwangsläufig kommt Schirach immer wieder auf die Juristerei zurück. Offenbar interessieren ihn berühmte und berüchtigte Vertreter dieser Zunft. Roland Freisler etwa, seit 1942 Präsident des Volksgerichtshofs der Nazis, verantwortlich für 2500 Todesurteile. 1945 wird Freisler in Berlin tödlich von einem Bombensplitter getroffen. In Freislers Aktenmappe fanden sich die Unterlagen des Prozesses gegen den Hitler-Attentäter Fabian von Schlaberndorff – den Freisler sicherlich noch zum Tode verurteilt hätte. Nach dem Krieg wurde Schlaberndorff Richter am Bundesverfassungsgericht, das damals „den Begriff der Würde des Menschen für das Recht“ entwickelte.

Schirach folgt den Lebensläufen der Kollegen Otto Schily, Christian Ströbele und Horst Mahler, die als RAF-Verteidiger begannen und so unterschiedlich endeten, der eine als Innenminister, Verteidiger des Rechtsstaats, der andere als freundlicher Fundi, der Dritte als ultrarechter Hetzer. Schirach berichtet hier nicht über eigene Erfahrungen, er referiert aus einer Kino-Dokumentation. Aus einer großen Distanz. Man spürt sie überall in diesem Buch.

Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten. Luchterhand, 191 S., 20 Euro

Mehr von GA BONN