Im Elend gefangen: Mario Salazars "Die Welt mein Herz" in Köln uraufgeführt

Im Elend gefangen : Mario Salazars "Die Welt mein Herz" in Köln uraufgeführt

Der Mensch will leben. Der Mensch hat Hoffnung. Da kann man nichts machen." Derart lakonisch skizziert der Berliner Autor Mario Salazar das existenzielle Dilemma seiner Figuren. Die mexikanischen Einwanderer Princesa und Zapata träumen in der Bronx von der US-Staatsbürgerschaft für ihr Kind, das sie dann doch abtreiben.

Viviana und Manuel suchen das Glück ausgerechnet beim Zuhälter El Rey in den vermüllten Slums von Buenos Aires, während Janine und Steve versuchen, der Kernreaktor-Ruinenstadt Stendal und dem Fluch ihres toten Sohns zu entrinnen.

Schön ist das Leben nur in den Schneekugeln, die Rainer immer seiner Waltraud schenkte - freilich als "Beweis" für angebliche Geschäftsreisen, während er sie tatsächlich mit ihrer besten Freundin Irmgard betrog. All diese und andere Verlierer versammelt Salazars Stück "Die Welt mein Herz", das nun im Depot 2 des Kölner Schauspiels uraufgeführt wurde.

Auf der zwischen amerikanischem Diner, Favela-Verschlag und Billigwohnzimmer zerklüfteten Bühne (Sara Giancane) wirft Regisseur Rafael Sanchez grelle Schlaglichter aufs globalisierte Elend. Die Scherben im Rinnstein dürfen schillern, wie ja auch Salazars Text zwischen Büchner und Tarantino, surrealer Sozialstudie, TV-Soap und Endzeit-Comic irrlichtert.

Mit zunehmendem Tempo jagt Sanchez sein enorm spielfreudiges Ensemble in den eskalierenden Aberwitz: Da stürzen Zapata & Co. durch ein Wurmloch mitten durchs Erdinnere nach Stendal-Süd, wo sich eingebildete wie wirkliche Leichen häufen. Unterdessen wird das Demenzduo Waltraud und Irmgard beim endlosen Warten auf den 112. Geburtstag des Hündchens Willi irgendwann von NS-Schatten eingeholt und Willis Artgenosse Rudi vergast.

Mit Kolportage-Abstrusitäten ist Salazar nicht zimperlich, lässt sein kühn konstruiertes Stück aber auch zwischen Trash und Traurigkeit atmen. Für diese spröde-poetische Verlustprosa ("Alle Hoffnung wird hinter den Horizont fallen") bleibt die Regie leider fast durchweg taub.

Als ob die Vorlage nicht Brüche genug hätte, verordnet ihr Sanchez munteren Geschlechterrollentausch. Ist Guido Lambrecht als einziger für die maroden Machos (Polizist, Zuhälter, Steve und Captain America) zuständig, so leisten die anderen Travestie im Akkord. Niklas Kohrt etwa mimt den Schurken Pri, die grazile Viviana, die feiste Mama und auch noch die alte Irmgard.

arissa Aimée Breidbach mutiert von der kaltschnäuzigen Janine zum Schmerzensmann Manuel, und auch Nikolaus Benda und Mohamed Achour sind mal Männlein, mal Weiblein. Technisch wird alles bewundernswert präzis umgesetzt, doch außer hektischen Kostümwechseln und tuntiger "Käfig voller Narren"-Komik bringt der Kunstgriff wenig.

Erst wenn das Stück schon fast über die Slapstick-Klinge gesprungen ist, hält Sanchez inne. Dann träumt Nicola Gründel als serienmörderische Princesa auf der Grenze zwischen Mexiko und den USA selbst im Kugelhagel eines Scharfschützen noch vom besseren Leben. Solche Seiltänze zwischen Groteske und Tragödie hätte man sich häufiger gewünscht, doch der offenbar zufriedene Autor reihte sich in den prasselnden Schlussbeifall ein.

Info: Nächste Termine: 4.; 13., 18.-20 Februar, jeweils 20 Uhr. Karten bei Bonnticket oder in den GA-Zweigstellen.

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