Bonner Kunstverein

Ein Hauch von Jurassic Park

BONN. Mit einem Paukenschlag startet die letzte Ausstellung, die Oriane Durand für den Bonner Kunstverein kuratiert (siehe unten): Raphaela Vogel stellt eine sowohl sperrige wie fragile, plakative wie differenzierte, aggressive wie zerbrechliche Installation in das vordere Drittel des Ausstellungsraumes.

Besser: Die Kunst stellt sich dem Besucher buchstäblich in den Weg, bombardiert ihn mit hektischen, bedrohlichen Bildern und bayuwarischem Rock - "Mogst mi du ned, mog i di". Wenn du mich nicht magst, ich mag dich. Man muss diese gleichermaßen zupackende wie schüchterne Arbeit mögen, in der die gebürtige Nürnbergerin Raphaela Vogel - sie ist Jahrgang 1988 und lebt in Amsterdam - im Video in dem Mondlandschaft-ähnlichen Marmorsteinbruch von Carrara gegen eine Drohne kämpft, die immer wieder aus dem Himmel herabstößt.

In der Mitte der Projektionswand nimmt man ein Fadenkreuz wahr, Zielvorrichtung für die Drohne. Es könnte aber auch die Silhouette eines archaischen Wesens sein, so wie die High-Tech-Drohne als Zwitter zwischen einem militärischen Aufklärungs- und Mordinstrument sowie einem urtümlichen, nicht minder fiesen Rieseninsekt daherfliegt.

Ohnehin scheint hier einiges durcheinandergeraten zu sein, einiges in prekärem Zustand: Vogel durchzieht den Raum mit einer Seilbahnkonstruktion, deren Gondel - der umgedrehte Messing-Kofferwagen eines Hotels - wenig vertrauenseinflößend wirkt. Überhaupt steht die ganze Konstruktion auf wackeligen Füßen - auf einer Nesquick-Dose. Löchrige Planen hängen herab, finden ihr Gegenstück in expressiv und archaisch bemalten Ziegenhäuten.

Vogel spart nicht an Eindrücken und Assoziations-Quellen. So verwundert es nicht, dass sie - Jurassic Park lässt grüßen - um die Ecke einen riesigen Dino aufgestellt hat, den sie auf einer winzigen Projektion als Pin-Up-Modell mit neckischen Posen - à la King Kong und die weiße Frau - zu besänftigen versucht. Ein Raumschlauch mit einer klaustrophoben, wackelnden, um sich kreisenden Projektion und ruinösen Vasen-Abgüssen aus Plastik komplettiert den Klasse-Auftritt der Künstlerin.

Der Pariser Jonathan Binet (Jahrhang 1984) hat es mit seiner eher minimalistischen Kunst im hinteren Raumdrittel schwer, sich gegen die Eindrucksflut der Kollegin durchzusetzen. Dabei führt er ihre Irritationen, ihre Vorstellungen fragiler Räume mit anderen Mitteln fort. Eine gelungene Umsetzung.

Es geht bei ihm um Bilder, die vielleicht gar keine sind, um Räume, die zum begehbaren Bild werden, und um Gemälde, die aus sich selbst produziert werden. Binet hat Stahlrahmen an die Wand gehängt, die demonstrativ auf den rechten Winkel verzichten, er hat Schrauben in die Wand versenkt, die keine erkennbare Funktion haben, und Leinwände ohne Keilrahmen hingetackert. Wenn ein Bild einmal "komplett" ist, wird es mit der Vorderseite gegen die Wand gehängt. Oder es weist eine Beule auf, die von einer Farbsprühdose herrührt, über die sich der Stoff spannt - so stark, dass er den Sprühknopf aktiviert: Das Bild malt sich selbst.

An einer Stelle wird der Boden markiert, woanders spannt sich ein roter Faden durch den Raum, Binet legt auch den Teil eines Pfeilers frei. Der Franzose hat sein Raumdrittel gründlich analysiert und bearbeitet. Doch manches wirkt etwas gequält, akademisch und nicht sehr spannend.

Bonner Kunstverein, Hochstadenring 22; bis 9. August. Di-So 11-17, Do 11-19 Uhr. Eröffnung morgen, Freitag, um 19 Uhr. Führung durch die Ausstellung von Jonathan Binet am 6. Juni, 15 Uhr

Kunstvereins-Kuratorin Oriane Durand wechselt nach Dortmund

Die gelungene Doppelschau Raphaela Vogel/Jonathan Binet ist die letzte Ausstellung der Französin Oriane Durand (33), die sich nach eineinhalb Jahren als Kuratorin am Bonner Kunstverein verabschiedet. Durand übernimmt am 1. Juli die Leitung des Dortmunder Kunstvereins. Nach dem Kunstgeschichtsstudium an der Sorbonne in Paris und an der FU Berlin hatte sie einen Projektraum in Berlin. Durand wechselte an den Nürnberger Kunstverein Albrecht Dürer Gesellschaft , ging dann nach Bonn. Hier hat sie die Ausstellung von Klaus Merkel kuratiert, war beteiligt an der Ars-Viva-Schau und der von Jana Euler.

In den Dortmunder Kunstverein will sie "Power reinbringen". Sie habe das Ziel, ein international anspruchsvolles Programm zu konzipieren, wolle sich aber besonders auch um die lokale Szene kümmern, sagte die kompetente und charmante Kuratorin. Der Dortmunder Kunstverein gehört mit seinen 30 Jahren zu den jüngeren Institutionen dieser Art. Derzeit hat er 250 Mitglieder. Starten wird Oriane Durand mit Jessica Gispert, die sie auch schon nach Bonn zu einer Performance eingeladen hatte. Sie freue sich sehr auf die neue Aufgabe, sagte sie - und auf den BVB, den sie schon bei Kloppos Abschiedsspiel im Dortmunder Stadion erlebt hat.