Wirtschaftsmagazin: Gut Ding will Weile haben

Wirtschaftsmagazin : Gut Ding will Weile haben

Innenstadtentwicklung: Nach 40 Jahren entsteht jetzt das neue Bahnhofsumfeld

„Die Stadt gefällt mir, hier kann man sich gut aufhalten, bummeln, verweilen.“ Das sagen Neu-Bonner regelmäßig über ihren ersten Eindruck von der Innenstadt. Wohlfühlatmosphäre herrscht auf den Plätzen, auf denen beinahe rund ums Jahr auch Außen-Gastronomie möglich ist, und in der Fußgängerzone, die nicht nur eine der größten Europas ist, sondern auch mit ihrer typisch bönnschen Mischung aus anheimelnden historischen Gebäuden und schicken Neubauten ihr eigenes Flair besitzt, ist die Kauflust groß. Darüber hinaus gibt es viel Natur direkt in der Stadt, zu nennen sind hier insbesondere der Hofgarten, die Poppelsdorfer Allee und natürlich der Rhein, auch wenn man sich hier noch bessere Zugänge aus der City heraus wünscht.

Das kulturelle Angebot mit Oper, Theater und Beethoven-Orchester, ist immer noch auf Hauptstadtniveau, dazu kommen viele private Bühnen, attraktive Museen und – noch ganz frisch – das architektonisch herausragende „Haus der Bildung“ mit Volkshochschule und Stadtbibliothek. Zur besonderen Atmosphäre tragen natürlich auch die Menschen bei: Bonn ist aufgrund der Großkonzerne und der UN-Organisationen international, behält dabei aber nicht nur an Karneval seinen rheinischen Charakter, und bleibt immer jung durch die Universität: 37 700 Studentinnen und Studenten sind hier zurzeit eingeschrieben.

Als lebendiges Zentrum verfügt die Bonner City auf kurzen Wegen über eine Vielfalt an Einkaufsmöglichkeiten: Kleine Geschäfte konzentrieren sich in der Sternstraße, der Friedrichstraße und der Bonngasse. Am Münsterplatz und am Friedensplatz dominieren Händler mit größeren Flächen. Auch wenn in den vergangenen Jahren so manches inhabergeführte Traditionsgeschäft verschwunden ist, so sind doch immer neue attraktive Läden an ihre Stelle getreten. „Ja, die Innenstadt bleibt attraktiv“, sagt City-Marketing-Vorstandsmitglied Karina Kröber. „Im Vergleich zu Nachbarstädten gibt es nur wenig Leerstand.“ Und sie lobt den „guten Mix“. Gutachten empfehlen, weitere Flächen mit Einzelhandel zu errichten.

Quartier in bester Lage

In diesem Zusammenhang beschäftigen zwei Areale, die neu gestaltet werden und die Innenstadt weiter aufwerten sollen, seit vielen Jahren die Politiker, Planer und Bürger: das Viktoriakarree zwischen Rathausgasse, Belderberg, Franziskaner- und Stockenstraße, in dem sich unter anderem das seit sieben Jahren geschlossene Viktoriabad, das Stadtmuseum und die Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus befinden, und das Bahnhofsumfeld. Beide Standorte werden im Masterplan Innere Stadt Bonn, den das Planungsamt 2013 vorgelegt hatte als Citybereiche genannt, die der Umgestaltung harren. Über das Viktoriakarree, rund 5300 Quadratmeter in bester Lage, heißt es da, es biete „Potenziale, in ein Quartier mit gemischter Nutzung, mit Einzelhandel im Erdgeschoss, universitären, Wohn- und weiteren Nutzungen in den Obergeschossen umgestaltet zu werden.“ Zudem gelte es, hier attraktive Zugänge an den Rhein zu schaffen. Ein lebendiges Stadtquartier nach diesen Vorgaben wollte die Signa GmbH, der ein Großteil der Gebäude im Karree gehört, hier errichten – mit einer klassischen Shopping-Mall mit drei großen Ankermietern und kleineren Geschäften. Außerdem sollte dort die Philologische Bibliothek der Uni untergebracht werden. Doch die Pläne wurden vor zwei Jahren durch ein Bürgerbegehren gestoppt. Der Rat der Stadt hat sich durch seinen Beschluss im November 2015, dem Bürgerbegehren beizutreten, dahingehend gebunden, die Grundstücke für die Dauer von zwei Jahren nicht an den betreffenden Investor zu verkaufen.

Ende September gab die Empfehlungskommission der Bürgerwerkstatt Viktoriakarree „Viva Viktoria“ ihre Empfehlung für die städtebauliche Zukunft des Karrees bekannt: Demnach soll es durch eine neu zu schaffende Gasse zwischen Franziskanerstraße und Rathausgasse in zwei Hälften geteilt werden. Entlang der so neu entstehenden Gasse ist eine Geschäftszeile mit darüber liegenden Wohnungen geplant, im Innenbereich soll eine Markthalle entstehen. Das Stadtmuseum könnte ins Viktoriabad am Belderberg umziehen. Inwieweit diese Bemühungen allerdings noch einen Sinn ergeben, steht in den Sternen, da sich die Signa GmbH aus der Kommission zurückgezogen hat: Signa-Chef Christoph Stadlhuber und sein Projektleiter Bernhard Jost halten das Konzept nicht für wirtschaftlich vertretbar. Auch Oberbürgermeister Ashok Sridharan ist skeptisch, will aber „alles daransetzen im Viktoriakarree endlich zu einer positiven Entwicklung zu kommen.“ Die Bindungsfrist der Stadt endet am 30. November. Dann kann der Rat neu entscheiden. Er wird sich voraussichtlich im Dezember mit dem Vorschlag der Empfehlungskommission befassen.

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Während hier also weiter Geduld gefragt ist, haben am Bahnhof endlich die Bauarbeiten begonnen. Die Diskussion um den Bahnhofsvorplatz reicht zurück bis in die 70er Jahre, nachdem 1969 die Gründerzeit-Häuser für den Bau der U-Bahn abgerissen worden waren. Es sollte mehr als vier Jahrzehnte dauern, bis sich zwischen Kaiserplatz und Thomas-Mann-Straße eine Projektidee durchsetzen konnte und die viel geschmähte Südüberbauung in diesem Frühjahr endlich abgerissen wurde. Jetzt entstehen gegenüber dem Bahnhof das Maximilian-Center des niederländischen Investors Albert Ten Brinke und auf dem Nordfeld samt Parkplatz zwischen Poststraße und Thomas-Mann-Straße das Projekt „Urban Soul“ von „die developer Projektentwicklung GmbH“ aus Düsseldorf.

Der viergeschossige Neubau des Maximilian-Centers wird im Erdgeschoss eine Einkaufspassage und in den weiteren Stockwerken ein Kaufhaus des britischen Mode-Discounters Primark beherbergen. Die Architekten haben eine helle Fassade und großzügige Fenster geplant.

„Urban Soul“ wird 2019 fertig

„Urban Soul“ besteht aus drei Gebäuden: An der Poststraße entstehen Flächen für Einzelhandel, Gastronomie und Wohnungen, in einem schlankeren Bau zur Thomas-Mann-Straße hin ein Hotel mit 230 Zimmern und Bistro, an der Rabinstraße sind Räume für Büros und Einzelhandel sowie ab dem ersten Obergeschoss Parkplätze für 250 Autos geplant. Beide Projekte sollen 2019 fertig werden.

Auf der anderen Seite des Hauptbahnhofs, an der Quantiusstraße, ist ein Teil des Wandels bereits vollzogen. Seit vier Jahren betreibt Steigenberger dort das Intercity-Hotel. Unter demselben Dach sind auch Arzt-Praxen und ein Biomarkt. Auf dem angrenzenden Grundstück Richtung Südstadt sind über einer neuen Tiefgarage 234 Studenten-Apartments im Bau. Dort werden neben der von der Caritas betriebenen Radstation auch zwei gastronomische Betriebe eröffnen.