Wirtschaftsmagazin: World Wide Stollen

Wirtschaftsmagazin : World Wide Stollen

Das Café Profittlich in Rhöndorf ist ein Global Player in Sachen Weihnachtsstollen – Versand in über 40 Länder weltweit

Im Café Profittlich hängt eine Weltkarte. Jedes Land, in das die Rhöndorfer Bäckerei Christstollen schickt, wird mit einem roten Fähnchen gespickt. Vergangenes Jahr waren es 42 Staaten. Und auch in der aktuellen Saison ähnelt die Landkarte bereits einem Wimmelbild. Von der kleinen Bäckerei mit dem urigen Café entwickelte sich der Betrieb quasi zum „Global-Player“ in Sachen Stollen.

Einzigartige Mandelhülle

Diese Pfundsdinger sind eben weltweit begehrt. „Sechzig bis siebzig Prozent unserer Christstollen gehen in den Versand“, berichtet Bäckermeister und Konditor Peter Profittlich, der mit seiner Schwester Karla den Betrieb in vierter Generation führt und 2017 das 125-jährige Firmenbestehen feierte.

Die Kartons im Packzimmer verzeichnen Adressen aus allen Kontinenten. Ob in zahlreiche europäische Länder oder in die USA, nach Mexiko, Bolivien, Chile, China, Japan, Australien, Neuseeland – überallhin bringt die Post die beliebten Weihnachtsstollen. „Letztes Mal beschwerte sich ein Kunde, weil das Fähnchen für sein afrikanisches Stollen-Ziel Togo vergessen worden war“, lacht der Meister.

Vor 50 Jahren schob Profittlichs Vater Karl-Heinz pro Saison um die 300 Stollen in den Backofen. Heute liegt die Produktion bei rund 14 000 Stück. Von Anfang Oktober bis Mariä Lichtmess ist Saison. In der Adventszeit wird täglich drei- bis viermal, sonntags sogar fünfmal gebacken. Fast zwei Tonnen Mehl werden verarbeitet, weit mehr als eine halbe Tonne Butter ordert Peter Profittlich.

Das Rezept ist Geschäftsgeheimnis. Profittlichs Opa, „Peter der Erste“, dessen „Seilbahn-Krieg“ mit Bundeskanzler Konrad Adenauer ihm einst Schlagzeilen einbrachte, erhielt es vor hundert Jahren von einem Kriegskameraden aus Zittau. „Ich habe jeden Stollen dreimal in der Hand“, sagt der Enkel. Gekonnt schlägt er die Teiglappen übereinander. Top secret ist auch das Drumherum. Weil sich der Großvater stets über den Staubzucker auf dem Anzug ärgerte, legte er dem Kuchen ein Mandelkrustenkleid an. Diese Schicht wurde stetig verfeinert. Als Peter Profittlich jüngst am Stollen-Weltrekord-Backen teilnahm, war unter 360 verschiedenen Sorten seiner der einzige mit bester Mandelhülle.

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„Früher war das ein Festtagsgebäck, das in der Regel in der Weihnachtswoche gekauft und gegessen wurde.“ Heute gehen im Mai oder Juni die ersten Bestellungen ein – etwa die Hälfte per Mail. Andere rufen an oder bringen ihren Bestellzettel. Manchmal ist Detektivarbeit erforderlich, weil die Adresse nicht vollständig ist. Überhaupt ist das Verschicken aufwendig. Innerhalb Deutschlands und der Europäischen Union – kein Problem, aber die Zoll-Formalitäten etwa nach Australien oder in die Schweiz sind immens.

Der Versand erschließt neue Kunden. „Der Beipackzettel ist goldwert“, so Peter Profittlich. Wem der Rhöndorfer Stollen gemundet hat, lässt sich nicht selten die Spezialität im nächsten Jahr selbst kommen. Dass diese Stollen ihren Siegeszug durch die Welt antraten, hat auch mit der Nähe Rhöndorfs zur früheren Bundeshauptstadt zu tun. Angefangen hatte alles mit der Bestellung von 20 Stollen, Herrentorten und Gebäck durch den Kulturattaché der Deutschen Botschaft in Moskau für die dortige Weihnachtsfeier. Für diese köstliche Kalorienbombe war der Eiserne Vorhang durchlässig. Andere Botschaften zogen nach. Die Waren wurden damals von der Bäckerei zum Weitertransport ins Auswärtige Amt nach Bonn gebracht. Profittlich: „Heute noch senden wir Stollen in einige diplomatische Vertretungen.“ Unternehmen erfreuen damit Geschäftsfreunde oder Mitarbeiter, selbst in Japan. Und selbst der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks verschenkt Profittlich-Stollen.

Niemals Massenware

Zehn Prozent des Gesamtjahresumsatzes macht die Stollenbäckerei mittlerweile aus. Sonderschichten sind erforderlich. Und: Peter Profittlich schaffte einen elektronisch gesteuerten Elektro-Etagen-Backofen an, der eine höhere Produktion zulässt. Nur eines lehnt er ab: Massenware. „Das Angebot, unsere Stollen über einen Katalog anzubieten, haben wir nicht angenommen. Diese Menge könnten wir nicht produzieren. Bei uns ist alles Handarbeit.“