Wirtschaftsmagazin: Wer soll das bezahlen?

Wirtschaftsmagazin : Wer soll das bezahlen?

Immer weniger Privatkunden kaufen Neuwagen – Umweltprämien sollen gegensteuern

Niemand wird bezweifeln, dass auf deutschen Straßen ziemlich viele Mittel- und Oberklasse-Pkw der Marken Audi, BMW oder Mercedes unterwegs sind. Doch wenn man ins benachbarte Ausland fährt, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Den Deutschen muss es also offensichtlich ganz schön gut gehen. Doch ist das wirklich so?

Preise rauf, Privatkunden runter

Vor 35 Jahren kostete ein Neuwagen umgerechnet 8500 Euro im Schnitt, über alle Typklassen hinweg. Im vergangenen Jahr aber mussten laut der Deutschen Automobil Treuhand (DAT) knapp 28 600 Euro für ein neues Fahrzeug hingeblättert werden, und fast 42 000 Euro für einen Mercedes. Verglichen mit dem Jahr 1980 stiegen die Preise von Personenwagen im Mittel um satte 240 Prozent. Damals startete die einstige „Familienkutsche“ VW Passat bei 12 850 D-Mark. Heute beginnt die Preisliste des Wolfsburger Mittelklässlers bei 27 000 Euro in der spartanischen Basisausstattung.

Die Preispolitik der deutschen Autobauer kennt seit Jahrzehnten nur eine Richtung: nach oben. Natürlich verfügen moderne Pkw über eine viel höhere Komfort- und Sicherheitsausstattung als ältere Modelle. Auf der anderen Seite ist die Fahrzeugproduktion auf Grundlage gemeinsamer Plattformen, eines hohen Automatisierungsgrades und ausländischer Produktionsstätten im Laufe der Zeit extrem rationalisiert worden. So werden heute fast die Hälfte aller Autos „Made in Germany“ im Ausland (vor allem in Osteuropa) produziert.

Darüber hinaus ist klar, dass die Neuwagenpreise im Vergleich mit anderen langlebigen Gütern wie Haushaltsgeräten, Fernsehern oder Möbeln weitaus stärker gestiegen sind. Dass die Einkommen der Deutschen mit den rasant steigenden Autopreisen nicht mithalten können, ist ebenfalls unbestritten. Laut Bundesfinanzministerium hat eine vierköpfige Familie heute 27 Prozent mehr Geld zur Verfügung als noch zur Jahrtausendwende. Währenddessen aber wurden die Neuwagenpreise um mehr als 40 Prozent angehoben.

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Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes benötigt ein lediger Arbeitnehmer heute fast 17 Monatseinkommen (nach Abgaben und Steuern), um sich markenübergreifend einen durchschnittlichen Neuwagen anschaffen zu können. Dabei sind die Kosten für Miete, Strom, Lebensmittel und Co. noch nicht einmal eingerechnet. Der Kauf eines fabrikneuen Autos bleibt damit für weite Teile der Bevölkerung ein Wunschtraum. In der Folge entwickelte sich der bundesweite Privatkundenmarkt gerade im Mittelklassesegment stark rückläufig und macht bei den deutschen Premiumherstellern nur noch knapp ein Drittel des Gesamtumsatzes aus.

Autos an sich selbst verkaufen

An wen verkauft die immer noch boomende Autoindustrie ihre Neuwagen, speziell Mittelklassewagen, überhaupt noch? In erster Linie an die Besserverdiener und Wirtschaftseliten im In- und Ausland sowie an Unternehmen und Flottenbetreiber. Ein Blick in die Statistiken des Kraftfahrt-Bundesamtes zeigt aber auch, dass die Autobauer mehr als eine Million Autos pro Jahr an den Handel und an Mietwagenfirmen ausliefern – und damit praktisch an sich selbst. Fast ein Drittel der Neuwagenproduktion entfällt auf Vorführ-, Firmen-, Geschäfts- und Testwagen, die die Autohändler und ihre Vertragshändler auf den eigenen Namen zulassen. Man darf laut einem Bericht in der „Zeit“ davon ausgehen, dass dies in aller Regel „taktische Zulassungen“ sind, mit denen amtliche Statistiken frisiert und Marktanteile schön gerechnet werden sollen.

Verboten sind derartige Tricksereien nicht, aber sie decken das Dilemma der deutschen Autoindustrie auf. In der Praxis sieht das so aus: Neuwagen, die für Normalbürger unbezahlbar geworden sind und deshalb unverkauft herumstünden, werden als Eigenzulassungen auf die Straßen gebracht, um sie ein paar Wochen später als billigere Gebrauchtwagen verkaufen zu können. „Für Tageszulassungen oder Vorführwagen sind Nachlässe von bis zu 25 Prozent möglich“, berichtet Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer in diesem Zusammenhang der Tageszeitung „Die Welt“.

Hinzu kommen verlockende Finanzierungs- und Leasingangebote sowie aktuell die sogenannten Umweltprämien, die den privaten Autokauf wieder ankurbeln sollen. Denn unter der Dieselgate-Affäre leidet der private Absatzmarkt nur noch mehr. Ob die beschriebene Rechnung also weiterhin aufgeht, darf im Zuge der anstehenden Neuausrichtung der gesamten Automobilbranche bezweifelt werden. Solange das Auto der Deutschen „liebstes Kind“ und wichtigstes Statussymbol bleibt, muss sich die hiesige Autoindustrie aber offensichtlich keine allzu großen Sorgen machen. ⋌fb