Wirtschaftliche Lage: Frankreich schlägt Exportweltmeister Deutschland

Wirtschaftliche Lage : Frankreich schlägt Exportweltmeister Deutschland

Zum ersten Mal seit vielen Jahren steht Frankreich im Vergleich zu Deutschland wirtschaftlich besser da. Doch das Wachstum hat seinen Preis. Auch deshalb hält sich Paris mit Spott gegenüber dem Nachbarn zurück.

Eine gewisse Schadenfreude können sich die französischen Kommentatoren nicht verkneifen. Während in Frankreich die wichtigsten Wirtschaftsindikatoren nach oben zeigen, droht der mächtige Nachbar Deutschland in eine Rezession abzurutschen. Über sehr viele Jahre musste sich Paris immer wieder anhören, reformunwillig und schwerfällig zu sein – und nun das. Die Konsumenten in Frankreich sind in Kauflaune, die Industrie steigert die Produktion, und auch der Arbeitsmarkt zeigt sich freundlich.

Wirklich entspannt wirken die französischen Beobachter angesichts der positiven Nachrichten aus dem eigenen Land allerdings nicht. Denn sie wissen, dass die guten Zahlen nur eine Seite der Medaille sind und das Schwächeln Deutschlands ein Problem nicht nur für Frankreich, sondern für ganz Europa werden kann. So hat sich angesichts der Konjunkturschwäche der größten Volkswirtschaft in der EU das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone im zweiten Quartal halbiert. Das Bruttoinlandsprodukt legte von April bis Juni nur noch um 0,2 Prozent zum Vorquartal zu, wie das Statistikamt Eurostat jüngst mitteilte. Von den großen Euro-Ländern schnitt Deutschland am schlechtesten ab: die Wirtschaft schrumpfte um 0,1 Prozent.

In Frankreich sieht man also auch mit einiger Sorge, dass der „Exportweltmeister Deutschland“ die internationalen Handelskonflikte mit voller Wucht zu spüren bekommt. Da wird von den französischen Analysten sogar das Statistische Bundesamt zitiert, das feststellt, dass allein im Juni die Ausfuhren binnen Jahresfrist um acht Prozent geschrumpft sind - so stark wie seit fast drei Jahren nicht mehr. Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass nicht alle Probleme durch externe Faktoren zu erklären ist. So wird in einer ausführlichen Analyse im Wirtschaftsteil der Tageszeitung „Le Figaro“ erklärt, dass die deutsche Autowirtschaft vom selbst verschuldeten Dieselskandal schwer gebeutelt wurde und zum Beispiel Daimler massive Schwierigkeiten bei der Umstellung vom Verbrennungsmotor auf alternative Antriebstechniken hat.

Frankreich verkraftet die aktuellen internationalen Spannungen auch leichter, weil die Wirtschaft weniger vom Weltmarkt abhängig ist. „Frankreich ist dem Abschwung im globalen Güterhandel weniger stark ausgesetzt als Deutschland“ sagt Tristan Perrier, Ökonom bei der französischen Investmentgesellschaft Amundi. So machen Güterexporte in Frankreich nur 22 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) aus, in Deutschland 38 Prozent. Und die Fertigungsindustrie ist laut Perrier ebenfalls weniger wichtig. Sie trage nur etwa 10 Prozent zum BIP bei und sei damit nur halb so wichtig wie im Nachbarland.

Natürlich wird von der französischen Regierung auf der Haben-Seite immer wieder betont, dass sich inzwischen die Reformpolitik von Präsident Emmanuel Macron positiv auf die Wirtschaft auswirke. Zentraler Punkt: auf dem Arbeitsmarkt wurden die Hürden für die Unternehmen bei Entlassungen gesenkt. Das heißt, die Firmen stellen inzwischen schneller mehr Leute ein. So wurden im vergangenen Jahr weit über vier Millionen neue unbefristete Arbeitsverträge unterschrieben – ein Rekord.

Die Folge ist, dass die Arbeitslosigkeit in Frankreich auf den tiefsten Stand seit 2008 gesunken ist. Im zweiten Quartal lag sie bei 8,5 Prozent, im Gegensatz zu 8,7 Prozent zum Jahresanfang, wie das Statistikamt Insee in Paris mitteilte. Damit liegt sie allerdings noch immer noch deutlich über dem deutschen Wert von rund fünf Prozent. Aber dennoch betont Arbeitsministerin Muriel Penicaud: „Die Reformen der Regierung zahlen sich langsam aus für unsere Bürger.“

Die steigende Konsumlaune der Franzosen liegt allerdings nicht nur an den guten Arbeitsmarktdaten. Im Zuge der Proteste der Gelbwesten hat Emmanuel Macron deutlich über zehn Milliarden Euro aus der Staatskasse lockergemacht, um die aufgebrachten Gemüter zu beruhigen. Damit wurden etwa niedere Einkommen entlastet, Renten erhöht und Alleinerziehende bezuschusst. Durch diese Maßnahmen wurde natürlich die Binnennachfrage angekurbelt, allerdings hat der Geldsegen auch einen Haken: der Staat musste dafür weiter Schulden machen. Das heißt, dass in Frankreich die Neuverschuldung statt der geplanten 2,6 Prozent um 3,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen wird – und damit die im EU-Vertrag festgeschriebene Stabilitätsregel verletzt. Laut den Maastricht-Regeln sind maximal drei Prozent des BIP erlaubt. Das brachte Paris einen Rüffel aus Brüssel ein. Doch Emmanuel Macron hat versprochen, dass die Quote im kommenden Jahr wieder auf 2,2 Prozent sinken soll.

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