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Soziales Engagement in Bonn: Wenn man nicht mehr weiter weiß

Soziales Engagement in Bonn : Wenn man nicht mehr weiter weiß

Der Verein Familienkreis Bonn feiert sein zehnjähriges Bestehen am Donnerstag, 6. Oktober, ab 15.30 Uhr im Kunstverein. Doch was tut der Verein? Eine Alleinerziehende erzählt, wie ihr Alltag mit Hilfe des Familienkreises wieder Struktur bekam.

Auf den ersten Blick wirkt Anna-Maria Baum (Name geändert) richtig tough. Eindringlich redet die alleinerziehende Mutter auf ihren behinderten sechsjährigen Sohn ein. Den Jüngeren, den Zweijährigen, wiegt sie auf dem Schoß.

„Wissen Sie, mein Mann ist tödlich verunglückt. Da ist für mich die Welt zusammengebrochen. Ich wusste nicht ein noch aus“, erzählt die 31-Jährige. Man ahnt, was die junge Witwe in den letzten Monaten hinter sich hat. Sie blieb mit ihren Kindern mutterseelenallein zurück. Die eigenen Eltern wohnen weit weg. Alle bürokratischen Dinge des Alltags hatte ihr Mann erledigt. Baum: „Ich musste erst mal begreifen, dass er nicht mehr wiederkommt. Und ich musste unser Leben völlig neu ordnen. Ich stand wie vor einer Wand.“

Hilfe aus aussichtsloser Situation

Anna-Maria Baums Stimme zittert plötzlich. Die herumzappelnden Jungs spüren, dass auch sie jetzt besser schweigen. Allein hätte sie das nie geschafft, sagt sie fast unhörbar. Glücklicherweise habe ihr jemand die Telefonnummer der „Frühen Hilfen Bonn“ in die Hand gedrückt. Das sei das Beste gewesen, was ihr habe passieren können: der erste Anruf beim Familienkreis, der sofort auf ihre scheinbar aussichtslose Situation einging.

„Und dann habe ich einen Hausbesuch bei Frau Baum gemacht“, erzählt Jutta Oster im Kontaktbüro des Vereins Familienkreis. Ihre Aufgabe sei es, erst einmal die Lage zu sondieren, zu schauen, wo genau Hilfsbedarf besteht. Baum hatte nach dem Realschulabschluss nur für ihren Mann, einen Selbstständigen ohne Absicherung, gearbeitet. Ohne ihren Mann fasste sie jetzt in der Branche kaum mehr Fuß.

Ehrenamtliche Elternhelferin setzt sich ein

Eine Alleinerziehende, die nur von Rücklagen und Kindergeld über den Tag kam, ohne Kindergartenplätze, ohne Chance auf dem Arbeitsmarkt: „Ein Fall für die frühen Hilfen“, sagt Anja Henkel, die Familienkreis-Geschäftsführerin. Und dann kam die ehrenamtliche Elternhelferin Elke Peckert ins Spiel.

Ihre Qualifikation? Sie ist Juristin, selbst Mutter dreier erwachsener Kinder und vom Familienkreis fortgebildet für Fälle wie den von Anna-Maria Baum. „Wir haben uns erst einmal Nahziele gesetzt“, berichtet Peckert sachlich: Die Kinder kamen in verschiedenen Gruppen einer Tagesstätte unter. In Sachen Existenzsicherung fand Peckert heraus, dass die junge Mutter Anspruch auf einen Unterhaltszuschuss und Betreuungsgeld für das behinderte Kind hat. Die Chancen beim Arbeitsamt wurden ausgelotet, die Berechtigung für eine Mutter-Kind-Kur eingeholt.

Berater mit großen Herzen

„Sie hat mir geholfen, alle nötigen Formulare auszufüllen. Sie hat in mein Leben wieder Struktur gebracht. Ich bin ihr unendlich dankbar“, schwärmt Baum. Jetzt in der Kur hat sie Zeit, erstmals auch Trauerarbeit für ihren Mann zu leisten.

Danach wollen die Frauen die nächsten Ziele angehen: einen Ausbildungsplatz für die Witwe suchen oder eine Möglichkeit zu arbeiten. Sie wolle auf keinen Fall, dass das Amt ihr Leben finanziert, sonst bröckle ihr die Tapete von der Wand, meint Baum. Klirrend fällt ein Glas zu Boden. Die Jungs haben Unsinn angestellt.

Baum schafft stöhnend die zurückgelassenen Scherben fort. „Es ist purer Stress mit den Dreien, aber sie ist eine tolle Frau, die ihren Weg finden wird“, hat die Helferin im Vorgespräch gesagt. Die junge Mutter gibt das Kompliment zurück: „Frau Peckert ist Spitze. Und sie hat ein unheimlich großes Herz.“