Einzelhandel in Bonn: Kioske als beliebte Alternative zu Supermärkten

Einzelhandel in Bonn : Kioske als beliebte Alternative zu Supermärkten

Kioske sind vor allem in der Bonner Altstadt eine beliebte Alternative zu den Supermärkten. Dort schauen alle vorbei - vom Obdachlosen bis zum Richter.

„Zweimal die zwölf, zweimal die 16, zweimal die 24, bitte.“ Mit flinken Bewegungen befüllt Sezgin Aksoy eine Plastiktüte mit Süßigkeiten. In nummerierten Behältern warten diese auf Abnehmer. „Service ist alles“, sagt der 40-Jährige, nachdem er die junge Frau in Sportklamotten und mit einer Yogamatte auf dem Rücken bedient hat. Kurz vor 22 Uhr, zwischen Kunden, die Eis und Bier kaufen, erzählt Aksoy in seinem Kiosk von seinem Alltag.

Seit 15 Jahren führen Aksoy, sein Bruder Ali und ihr Schwager den kleinen Laden in der Altstadt – einen der ältesten in Bonn. „Zu uns kommen sie alle, vom Obdachlosen bis zum Richter“, sagt Aksoy. Und das, obwohl es um die Ecke an der Heerstraße, keine 300 Meter weiter, einen Supermarkt gibt, der Schokoriegel, Bier und Eis nicht nur günstiger, sondern von Montag bis Samstag auch bis 22 Uhr anbietet. „Aber hier ist das Bier kalt und man kennt sich“, sagt Arno Kalle.

Das merkt man schon bei der Begrüßung. „Und, wie geht's?“, fragt Aksoy. Kalle berichtet kurz von seinem Tag im Büro. Der 40-Jährige kauft seit mehr als sieben Jahren sein Feierabendbier am Kiosk. Ein Stammkunde – wie die meisten. Unter der Woche bis 2 Uhr, am Wochenende bis 3 Uhr sind die Brüder und der Schwager für Kunden da.

Nach dem nordrhein-westfälischen Ladenöffnungsgesetz gelten Kioske mit ihren unterschiedlichen Waren als Mischbetriebe. „Soweit in einem Kiosk Waren zum Mitnehmen verkauft werden, unterliegen sie den Ladenöffnungszeiten“, sagt Moritz Mais, Sprecher des Wirtschaftsministeriums. Weil aber für verschiedene Waren jeweils unterschiedliche Ladenöffnungszeiten gelten, sei für jede Ware oder Leistung im Einzelfall zu prüfen, zu welchen Zeiten sie an Kunden abgegeben werden darf. Unkomplizierter wird es, wenn Kioskbesitzer eine Art Ausschank betreiben, Kunden ihr Bier oder ihren heißen Kaffee gleich an Ort und Stelle genießen können. Dann nämlich gilt laut Ministerium das Gaststättengesetz. „In seiner Eigenschaft als Gastwirt darf ein Kioskbetreiber dann außerhalb der Sperrzeit Getränke und zubereitete Speisen aus seinem Betrieb, Flaschenbier, alkoholfreie Getränke sowie Tabak- und Süßwaren zum alsbaldigen Verzehr an jedermann über die Straße, also zum Mitnehmen, abgeben“, erläutert Mais.

Flexible Öffnungszeiten am Wochenende

Vor dem Kiosk von Tehitara Tadjoudire in der Rathausgasse versammeln sich an diesem Werktag schon am frühen Abend junge Männer, um gemeinsam zu trinken und zu rauchen. Drinnen weist der Kioskbetreiber einen Jugendlichen ab, der zu der Bierflasche in seiner Hand keinen passenden Personalausweis vorlegen kann. „Du bist nicht alt genug“, verdeutlicht der Mann, der in Togo geboren ist. Nach kurzer Diskussion greift der Jugendliche zu einem Energydrink. Bis 22 Uhr öffnet Tadjoudire unter der Woche. Freitags und am Wochenende, erzählt er, gestalte er seine Öffnungszeiten flexibel: „Kommt drauf an, was los ist.“ Sonntags öffne er seinen Laden allerdings erst, nachdem er aus der Kirche zurückgekehrt sei. „So lange müssen sich die Kunden gedulden.“ Dann aber ist häufig viel los. Denn gerade am Sonntag, wenn kein Supermarkt geöffnet hat, sind die Kioske für Milch, Aufstrich und Tiefkühl-Pizza eine beliebte Bezugsquelle.

Während es in Berlin rund 1000 Spätkaufe gibt – von Einheimischen liebevoll „Späti“ abgekürzt – sind sie in Bonn rar. Kioske, auch „Büdchen“ genannt, gibt es geballt nur in der Altstadt. „Noch findet das Leben hier auf der Straße statt“, sagt Kersten Krekeler. Der 37-Jährige kauft im Kiosk an der Breite Straße eine Packung Zigaretten. Für ihn sind Kioske Kulturgut. Krekeler ist in der Altstadt aufgewachsen, mittlerweile arbeitet er nur noch hier. „Wo ich jetzt wohne, in der Äußeren Nordstadt, gibt es keinen Kiosk.“ Ein Problem, findet der Bonner: „Wir brauchen absolut mehr Kioske. Die Supermärkte haben ja auch irgendwann zu.“

Supermärkte, die bis 24 Uhr geöffnet haben, sind in Bonn allerdings längst keine Seltenheit mehr. Mehrere Rewe-Märkte haben so lange geöffnet; einige Filialen von Rewe To Go mit ihrem Sortiment an Getränken und warmen Snacks sogar rund um die Uhr. „Die verdrängen uns, Kioske werden dadurch aussterben“, meint Sezgin Aksoy. Den „Speck“, also den meisten Umsatz, mache er als Kioskbetreiber im Sommer. Jugendliche und junge Erwachsene kommen dann, um sich mit Getränken, Eis und Snacks für laue Abende mit Freunden auszustatten.

Gölül Iskender, Mitarbeiter im Mc.Kiosk an der Breite Straße, sieht noch ein anderes Problem: „Immer mehr Wohnungen werden saniert und zusammengelegt. Die Bewohner sind Beschäftigte, die gehen einkaufen.“ Weil immer weniger Studenten im Viertel leben würden, hätte der Kiosk schon seine Öffnungszeiten verkürzt. Seine ideale Kundschaft verkörpert Maria Schmidt. Die 36 Jahre alte Studentin wählt aus den auf neun Kühlschränke verteilten 110 Biersorten eine polnische aus. Auch andere, etwa Bier aus Thailand und verschiedene Craftbiere, habe sie schon probiert. „Ich wohne gleich um die Ecke. Wenn ich Lust auf Bier oder Schokolade habe, komme ich hierher“, sagt sie.

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