Bonner Köpfe: Karl Garbe: Das Faktotum der Bonner Republik

Bonner Köpfe: Karl Garbe : Das Faktotum der Bonner Republik

Für Karl Garbe hat in den letzten Wochen die schönste Zeit des Jahres begonnen. „Jetzt fallen die Blätter von den Bäumen“, sagt der pensionierte Journalist und nickt hinüber zum Wohnzimmerfenster. Von dort sieht man hinter den Kastanienkronen auf den Rhein.

Zusammen mit seiner Frau Christel kann Garbe jetzt auch die Schiffe darauf beobachten. „Hier ist immer etwas los, sagt er. Wer allerdings glaubt, Karl Garbe, der in den 1950er- und 1960er-Jahren als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit in der SPD-Baracke und danach bis 2008 als Chefredakteur verschiedener Zeitschriften wie Esprit, MdB und Kabinett gewissermaßen zu einem Faktotum der Bonner Republik wurde, sei nun geistig auf dem Altenteil angekommen, der täuscht sich gewaltig. Ohne Aufregung, aber dafür mit bisweilen spitzer Ironie kommentiert der 89-Jährige, der morgen von seinem Ortsverein für seine 70-jährige Mitgliedschaft in der SPD geehrt wird, das Schicksal der Gesellschaft – und das seiner Partei.

Die habe verlernt, auf ihre Wähler zu hören. Gerhard Schröder, Wolfgang Clement und Frank-Walter Steinmeier hätten mit ihrer Agendapolitik das Vertrauensverhältnis vieler SPD-Anhänger zerstört. Außerdem würden abweichende Meinungen heute viel zu schnell als populistisch – und damit anrüchig – abgetan. „Hört doch mal auf die Leute“, rät Garbe dagegen und sieht die US-Wahl als mahnendes Beispiel. „Die Trump-Wähler waren doch keine Nazis. Das war die Mitte der Gesellschaft, wenn es die heute noch gibt.“ Auch in Bonn, wo Garbe seit 57 Jahren in seiner Wohnung am Rheinufer wohnt, stört ihn manches, vor allem die Überheblichkeit mancher Amtsträger. „Wir feiern Beethoven, aber pinkeln kann man am Rhein nur an den Bäumen.“

Für Garbe, der als Sohn und Enkel sozialdemokratischer Funktionäre aus dem Ruhrgebiet über eine Beamtenlaufbahn frühzeitig selbst den Weg in die Parteizentrale fand, war ein kritischer Geist trotzdem immer eine Grundbedingung seiner Arbeit. Seinen Gedanken hat er in zwei Dutzend Büchern mit Aphorismen freien Lauf gelassen. Der glücklichste Moment in seiner Parteikarriere sei deshalb gewesen, als Bundeskanzler Willy Brandt sich bei Klaus Schütz, damals Regierender Bürgermeister von Berlin, über ihn beschwerte. Garbe habe Brandt mit seinem Witz die Schau gestohlen.

Der schaurigste Moment war der Wahlabend 2005. Nicht wegen der Niederlage von Rot-Grün, obwohl auch sein eigener Bruder damals im Ruhrgebiet das Direktmandat verlor. Der Auftritt von Gerhard Schröder in der Berliner Runde, als der Angela Merkel arrogant den Wahlsieg absprach, hat Garbe getroffen. „Das war mir unglaublich peinlich.“ Vor zwei Jahren hat Karl Garbe sich einen Brustwirbel gebrochen und damit ein Vierteljahr im Krankenhaus gelegen. „Danach brauchte ich lange, bis ich wieder auf die Füße kam“. Seither fühlt er sich mit dem Rollator am sichersten und geht nur noch kurze Wege. Doch auch den Führerschein hat er noch, obwohl er sein Auto vor einigen Jahren an eine Enkelin verliehen hat. „Verliehen heißt nicht verschenkt“, sagt der Senior verschmitzt, „wer weiß, wann ich doch mal wieder op Jück will.“