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Investoren aus dem Reich der Mitte: Keine Angst vor Chinesen

Investoren aus dem Reich der Mitte : Keine Angst vor Chinesen

Ein Unternehmen aus Asien hat den Autozulieferer Boge vor zwei Jahren gekauft. Am Standort Bonn sieht die Entwicklungsabteilung die Zusammenarbeit mit den Eigentümern gelassen. Trotzdem ist man vorsichtig.

Von Ulla Thiede

Die gesamte Halle ist von einem rhythmischen Klopfen erfüllt. Große und kleine Kolben bewegen sich hin und her, hydraulische Flüssigkeiten fließen durch Plastikschläuche unterschiedlichster Größe. Bei Boge Elastmetall in Bad Godesberg testen Maschinen Motor- und Getriebelager für Autos. Es sind Prototypen für die nächste Generation von Fahrzeugen, wichtigste Abnehmer sind Volkswagen und Daimler.

„Sensoren in den Testgeräten stellen die kleinste Materialermüdung fest, dann brechen wir den Test sofort ab und untersuchen, woran das liegt“, erklärt Peter Binner, der die Produktlinie NVH Antriebstechnik und Nutzfahrzeuge leitet. Boge Rubber & Plastics ist der weltweit größte Hersteller von hydraulisch dämpfenden Fahrwerklagern. Die Produkte und besonders die Entwicklungsarbeit sind qualitativ so hochwertig, dass ein chinesisches Staatsunternehmen auf sie aufmerksam wurde. Seit zwei Jahren gehört Boge zu hundert Prozent der Zhuzhou Times New Material Technology Corporation (TMT). Der Konzern baut ebenfalls Fahrzeugkomponenten, die Geräusche und Vibrationen von Motor und Antrieb reduzieren helfen.

Macht man sich bei Boge Sorgen um Know-how-Abschöpfung durch die Chinesen? Gerade erst hat das Bundeswirtschaftsministerium die Übernahme des Chipanlagenbauers Aixtron durch einen chinesischen Investor gestoppt. „Wir sind vorsichtig und versuchen, das Begehren der Chinesen zu kanalisieren“, erklärt Binner. So etwa, wenn die chinesischen Eigentümer „Synergieprojekte“ anbieten. „Komplexe Entwicklungen machen wir weiterhin hier in Bonn“, fügt der Ingenieur Thomas Hansen hinzu, der die Abteilung Simulation leitet. Technologisch hätten die eigenen Entwickler „mehrere Jahre Vorsprung vor den Chinesen. Aber ich rechne damit, dass der Vorsprung immer geringer wird“, räum Hansen ein.

Boge ist ein Musterbeispiel dafür, wie Globalisierung und Digitalisierung die Autoindustrie in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben. Wo früher Werkzeugmechaniker die zweidimensionalen Entwürfe der Ingenieure bauten und mit diesen in der realen Welt weitergeforscht wurde, kann diese Phase am PC mittels Simulation deutlich verkürzt werden.

Trotz der Versuche, sich nicht zu stark in die Karten blicken zu lassen, ist die Zusammenarbeit intensiv. Es gibt deutsch-chinesische Projektteams, die nicht nur entwickeln, sondern dem Kunden eine Rundumbetreuung bieten. 80 Prozent der Kontakte in diesen Teams laufen virtuell ab, zumeist über E-Mails, der Rest persönlich.

„Ich finde nicht, dass die Chinesen uns hineinregieren“, erklärt Hansen. Peter Massury, der das Boge-Technikum leitet, berichtet von Kulturschocks, die in gemischten Teams natürlich vorkämen. So sind es Chinesen nicht gewohnt, wenn Deutsche mit Fragen auf den Punkt kommen wollen. „Am Ende war unser Austausch sehr fruchtbar. Ich empfinde es als Bereicherung“, schildert er seine Erfahrungen von zwei China-Besuchen.

Neben dem technologischen Know-how will der chinesische Eigentümer im Organisationsmanagement dazulernen. Zudem seien sie in der Mitarbeiterführung wenig geschult, berichtet Binner. Er ist überzeugt, dass das Engagement von TMT „mittel- bis langfristig“ orientiert sei. Deshalb schickt der Konzern auch Mitarbeiter an die deutschen Standorte, wo sie intensiv Deutsch lernen.

Weltweit beschäftigt die Boge-Gruppe rund 4000 Menschen, davon 250 in Bonn. Die etwa 60 Mitarbeiter, die noch im hiesigen Gummimischwerk tätig sind, müssen spätestens 2020 ihre Arbeit einstellen. Die Produktion wird in die Slowakei verlagert.

Für die hoch qualifizierten Fachkräfte und Ingenieure in der Entwicklung sieht es besser aus. Auf die Frage, wo er Boge Elastmetall in zehn Jahren sieht, antwortet Binner: Der Bonner Raum sei ein „superguter Standort“.