Längste Murmelbahn der Welt: Um 9.55 Uhr steht der Rekord im Aloisiuskolleg

Längste Murmelbahn der Welt : Um 9.55 Uhr steht der Rekord im Aloisiuskolleg

Nein, so ein Weltrekordversuch ist kein Kinderspiel. Davon zeugen am Montagmorgen nicht nur die Kamerateams, die Fotografen und der streng dreinblickende Notar, sondern auch die Schüler, die in Trauben hinter dem Absperrband das Geschehen im Foyer des Aloisiuskollegs gespannt verfolgen. Wir die Murmel den mehrere hundert Meter langen Weg ohne Zwischenfälle rollen?

Gemeinsam mit 22 Schülern der Unter- und Mittelstufe und weiteren Kollegen haben die Physiklehrer Woto Kress und Mario Haunhorst in den Wochen zuvor das Treppenhaus in die mit 260 Metern längste Murmelbahn der Welt verwandelt. Doch: Wird sie heute auch funktionieren? Das ist am ersten Morgen nach den Osterferien am Ako die alles beherrschende Frage.

"Viel Arbeit, Begeisterungsfähigkeit und ganz viel Ausdauer" bescheinigt Schulleiter Manfred Sieburg der Projektgruppe vor dem Start. Was Sieburg da noch nicht weiß: Es ist vor allem die Ausdauer, die den Beteiligten am Tag des Finales noch einmal in hohem Maße abverlangt wird.

Zunächst aber flitzt Schülerin Benita Ehm frohgemut zum Startpunkt, kaum hat sie die Murmel von Rektor Pater Johannes Siebner übernommen. Der erste Versuch nimmt seinen Lauf. Und jedes Mal entfährt den Zuschauern ein kleiner Aufschrei der Erleichterung, wenn die Kugel wieder einmal eine kritische Stelle passiert hat.

Die Bahn ist vollständig aus Holz: Getragen wird die Konstruktion von einem Gerüst aus Dielenbrettern. Die eigentliche Bahnführung der Kugel erfolgt über Eckprofile - "Nordland Esche", wie das Etikett aus dem Baumarkt verrät. Kniffelig wird es vor allem an den Ecken, wo die Kugel im rechten Winkel die Richtung ändert, von einem Bahnstück auf das darunter Liegende fällt und dort durch ein eingesetztes Winkelholz neuen Schwung erfährt.

"Ein Dreivierteljahr haben wir an den Einzelteilen gearbeitet. Das Zusammenbasteln hat besonders viel Spaß gemacht", sagen die Sextaner Leo Roth, Ludwig Fischer und Hendrik Gnad. Da ist die Kugel bereits einmal liegen geblieben, ein anderes Mal ist sie aus der Bahn gesprungen. "Beim letzten Testlauf heute Morgen hat alles tadellos geklappt", schüttelt Sechstklässler Justus Dorsel den Kopf.

Am Morgen hatte noch frische Luft das Treppenhaus erfüllt, in aller Stille und Konzentration nahm die Murmel da ihren Weg. Jetzt sorgen Sonnenschein und rund 100 Schüler, Gäste und Medienvertreter für andere klimatische Bedingungen. Eine Veränderung, die das Holz offenbar nicht so leicht verzeiht. "Hände weg vom Geländer", ruft ein Lehrer fast schon flehentlich, während sich bereits die ersten Medienvertreter in die fachlichen Gespräche einklinken.

Doch es hilft nichts: Auch zwei weitere Versuche gehen daneben, und das äußerst knapp: Einen Meter vor der magischen 216-Meter-Marke, die den Weltrekord bedeutet, bleibt die Kugel in einem der schwierigen Übergänge hängen. Dass die meisten der Kinder bereits halb die Arme zum Jubel in die Höhe gereckt haben, macht die Enttäuschung nur noch schlimmer. "Das gibt es doch nicht", entfährt es Physiklehrer Mario Haunhorst, der sogleich die neuralgischen Stellen aufs Neue untersucht.

Auch Rektor und Schulleiter sind längst Mitwirkende in dem quirligen Geschehen geworden. Einzig Albert Rabl, der eigens bestellte Notar, wahrt im Auf und Ab der Gefühle die stoische Ruhe und blickt unverwandt in die Holzkonstruktion hinab. Um 9.55 Uhr erfüllt dann doch der ersehnte Jubel die Flure. Jetzt wissen es auch jene, die es bereits in den Unterricht zog: Das ludus ligneus funktioniert, die längste Murmelbahn der Welt, sie steht am Ako. Und ein Weltrekord ist kein Kinderspiel.