Russische Präsidentenwahlen: Schlange stehen in Schweinheim

Russische Präsidentenwahlen : Schlange stehen in Schweinheim

Die Abgabe seiner Stimme hatte sich Juri Kazanzew am Sonntag ein gutes Stück einfacher vorgestellt. Der 67 Jahre alte Russe, der inzwischen aber seit 20 Jahren in Deutschland lebt, war am Sonntagmorgen von seinem neuen Heimatort Marsberg im Hochsauerland Richtung Bonn aufgebrochen. Sein Ziel: Das russische Konsulat an der Waldstraße in Schweinheim, wo er rechtzeitig sein Kreuz auf einem Wahlschein für die Präsidentenwahl machen wollte.

Freilich wurden die letzten Meter für Kazanzew "zur Qual", wie er sagte: Angesichts eines unerwartet großen Andrangs hatten die anreisenden Wahlberechtigten mit Staus, Wartezeiten sowie knappen Parkplätzen rund um das Konsulat zu kämpfen. Auch vor dem Konsulat war Geduld gefragt: Die Menschen standen Schlange, um ihre Stimme abzugeben.

Eigentlich hatten die beiden Polizeibeamten, die an der Ecke Venner- und Waldstraße gegen 13 Uhr den Verkehr regelten, Streifendienst gehabt. Doch nun waren sie in Schweinheim "hängen geblieben", wie ein Beamte sagte. Es galt, dem unerwarteten Verkehrsandrang Herr zu werden. Da die Wahlberechtigten zum Teil gleich in Bussen anrückten und es keine Parkplätze mehr an der Waldstraße vor dem russischen Konsulat gab, ließ die Polizei nur noch Anlieger passieren. Für anreisende Wahlberechtigte wie Juri Kazanzew hieß es, irgendwo anders in Schweinheim einen Parkplatz zu ergattern.

Dabei machte er keinen Hehl daraus, dass seine Stimme schon fest reserviert war: Kazanzew wollte den Wahlfavoriten Waldimir Putin wählen: "Präsident Boris Jelzin hat Russland ruiniert hinterlassen und Putin hat es wieder aufgebaut", sagte der Mann aus Sibirien, nachdem er seinen Wagen geparkt und sich auf den rund zehnminütigen Fußweg zum Konsulat gemacht hatte. Putin sei vielleicht nicht so ein Demokrat, wie man sie im Westen kenne. Das sei auch nicht zu erwarten, "weil Russland einen eigenen demokratischen Weg finden muss".

Nicht Putin, sondern Außenseiter Michail Prochorow, einen der so genannten Oligarchen, wollte Olga Friesen wählen. Die 29-jährige Russin, die aus Sankt Petersburg stammt, aber in Saarburg lebt, hatte sich bereits in die lange Schlange vor dem Konsulat eingereiht. Eigentlich hätte sie in Luxemburg wählen sollen. Da Friesen aber "ohnehin auf dem Weg nach Berlin war, habe ich den Abstecher über Bonn genommen". Warum Prochorow? "Er ist noch jung und vielleicht eine gute Alternative." Putin, so die junge Russin, wolle sie auf keinen Fall wählen: "Der wird ja zum Monarchen."

Trotz aller Staus: Der Rettungsverkehr zum nahe gelegenen Waldkrankenhaus war laut Feuerwehr nicht beeinträchtigt.

Mehr von GA BONN