Kommentar zu G9: Für Klarheit sorgen

Kommentar zu G9 : Für Klarheit sorgen

Die meisten Gymnasien in der Region Bonn und Rhein-Sieg wollen zurück zu G9. Die Leitentscheidung ersetzt damit die Leidentscheidun von 2005, meint GA-Redakteur Jörg Manhold.

Die Leitentscheidung ist 2017 gefallen und hat damit die Umsetzung der „Leidentscheidung“ von 2005 revidiert: Die Gymnasien in NRW kehren zur regulären Schulzeit von neun Jahren zurück, nachdem die Gymnasiasten den Lernstoff während der vergangenen zwölf Jahre in einem Parforceritt absolvieren mussten. Gut, dass die Entscheidung jetzt so getroffen wurde.

Wer es am eigenen Leib erlebt hat, wer Kinder auf diesem Weg zu begleiten hatte, weiß: Mit ihnen mochte und möchte man nicht tauschen. Wenig Zeit, viel Stress, kaum Entspannung, wenig Ausgleich. Klar, es gibt auch Schüler, die von G8 profitiert haben, denen der Leistungsdruck nicht geschadet hat. Aber der Eindruck bleibt: Die sind die Ausnahme. Es stimmt aber auch, mit einer Verlängerung der Gymnasialzeit allein ist es nicht getan.

Denn seit 2005 hat sich viel gewandelt in unserer Gesellschaft. Das Thema Inklusion ist dazugekommen. Integration von Flüchtlingen und Nicht-Muttersprachlern wird immer wichtiger. Die Entwicklung der digitalen Welt fordert ihren Tribut. Inhalte werden von den Schülern anders wahrgenommen und verarbeitet. Nicht zuletzt haben sich vielfach die familiären Strukturen gewandelt. Das Prinzip Vater-Mutter-Kind ist nicht mehr zwingend der Regelfall.

All diese Veränderungen muss der neue G9-Lehrplan berücksichtigen. Das ist eine große Herausforderung und zugleich eine große Chance. Die darf nicht ungenutzt bleiben. Die Sparkralle muss sich lockern. Bildung kostet, aber Bildung ist Zukunft. Unsere Zukunft. Dementsprechend müssen die Schulen auch ausgestattet werden. Mit Personal und mit Sachmitteln.

Noch eine Ebene darüber liegt die Diskussion über die Zukunft unseres Schulsystems insgesamt. Das dreigliedrige Konstrukt aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium hat sich wahrnehmbar überlebt. Das zeigen die Zahlen ganz deutlich.

In den vergangenen Jahren sind Gesamtschulen wie Pilze aus dem Boden geschossen und haben insbesondere den Hauptschulen die Existenzberechtigung genommen. Auch Realschulen befinden sich mitten im Überlebenskampf. Und mit der Rückkehr der Gymnasien zu G9 haben sich nun die Vorzeichen insgesamt gedreht. Jetzt könnte den Gesamtschulen das obere Leistungsdrittel abhanden kommen. Denn die Gymnasien werden wieder an Attraktivität gewinnen für alle diejenigen Schüler, die sich gern ein Jahr mehr Zeit geben für ihren Weg zur Hochschulreife.

Um aber eine qualifizierte Entscheidung treffen zu können, müssen Schüler, die in diesem Jahr auf die weiterführende Schule wechseln, schon jetzt wissen, was auf sie zukommt. Ob die Wunschschule tatsächlich G9 anbieten wird, oder ob sie doch bei G8 bleibt. Die Antwort auf diese Frage hat nicht nur einem Werbewert, sondern weitreichende Konsequenzen für die Architektur der Schullandschaft. Die Entscheidung der Gymnasien strahlt aus auf die Gesamtschulen.

Und die Situation dort hat Konsequenzen für Real- und Hauptschulen. Deshalb muss die Landesregierung jetzt schnell für Klarheit an den Gymnasien sorgen und das am besten mit einem durchdachten Konzept für die Zukunft unseres Schulsystems.

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