Medizinischer Nachwuchs: Landflucht und Landarzt-Mangel

Medizinischer Nachwuchs : Landflucht und Landarzt-Mangel

Bei einer Fortbildungsveranstaltung für angehende Fachärzte für Allgemeinmedizin in Neunkirchen-Seelscheid berichten Betroffene vom Dilemma und den Chancen, eine Praxis fernab des urbanen Raums zu übernehmen. Thomas Kölsch hat zugehört und mitgeschrieben.

Die Landflucht zählt neben dem demografischen Wandel zu den größten sozialstrukturellen Problemen der Gegenwart. Immer mehr Menschen, vor allem junge, zieht es in die Städte oder deren nahen Umkreis, wo das Leben pulsiert, Kultur in all seinen Facetten erlebbar ist, Schulen und Infrastruktur gut ausgebaut sind. Diese Entwicklung zieht sich durch alle Berufsschichten – und natürlich auch durch die Ärzteschaft, die sich zunehmend in den urbanen Zentren konzentriert.

Folge: Die medizinische Versorgung vieler ländlicher Regionen, in denen die Bevölkerung ohnehin immer älter wird, ist massiv bedroht. Viele Landärzte finden keinen Nachfolger, obwohl beziehungsweise weil der Bedarf an einer neuen Generation von Allgemeinmedizinern insgesamt so groß ist wie nie. Denn Hausärzte werden derzeit überall gesucht. Und wer die Wahl hat, meidet die Provinz – und geht lieber in die Stadt.

Tatsächlich ist der Landarztmangel nur eine Folge des Hausärztemangels. Alleine in Nordrhein-Westfalen werden innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre mehr als die Hälfte der etwa 11.000 niedergelassenen Hausärzte in den Ruhestand gehen, pro Jahr sind das rund 450. Dem stehen allerdings nur etwa 200 potenzielle Nachfolger gegenüber, die dementsprechend viele Freiheiten haben – und mehrheitlich an Praxen in den Städten interessiert sind.

Die NRW-Landesregierung hat bereits einen Gesetzentwurf für eine entsprechende Quote für die Medizinerausbildung beschlossen, demzufolge 7,6 Prozent der Studienplätze an Bewerber gehen sollen, die sich im Gegenzug verpflichten, im Anschluss für mindestens zehn Jahre in ländlichen Regionen zu arbeiten. Ob dies jedoch ausreicht, um die strukturellen Probleme zu lösen, sei dahingestellt. Immerhin soll eine entsprechende Tätigkeit eine Berufung und nicht eine Pflichtübung sein. Und nicht jede Praxis ist für einen Interessenten gleich die richtige.

"Es war noch nie so einfach, sich als niedergelassener Arzt zu etablieren"

„Man muss schon sehr genau schauen, ob ein junger Arzt, der sich niederlassen will, und eine Praxis, die auf einen Nachfolger wartet, auch wirklich zusammenpassen“, betont Alexander Konrad von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung für werdende Fachärzte für Allgemeinmedizin in Neunkirchen-Seelscheid. „Die Strukturen müssen stimmen, die Patienten müssen ebenso mitziehen wie das Praxispersonal, und wir versuchen ja auch Mediziner zu finden, die nicht nach ein paar Jahren das Handtuch werfen. Es war noch nie so einfach, sich als niedergelassener Arzt zu etablieren, aber dennoch sollte man sich diese Entscheidung gut überlegen, denn sie bestimmt in der Regel den Rest des eigenen Lebens und das der Familie.“

Konrad zufolge spielen dabei mehrere Faktoren eine immer größere Rolle. „Die Work-Life-Balance ist heute ganz anders als noch vor 30 Jahren“, sagt er, „auch weil die klassischen Familienbilder inzwischen weitgehend überholt sind. Oftmals arbeiten beide Ehepartner und kümmern sich parallel um die Kinder. Vor allem bei Frauen, die statistisch gesehen inzwischen den größeren Anteil des ärztlichen Nachwuchses ausmachen und die nach dem Abschluss ihrer Ausbildung mit Anfang 30 oft über eine Familienplanung nachdenken, führt dies zunehmend zu einem Wunsch nach einer Teilzeit-Lösung, sofern sie sich überhaupt zu der Übernahme einer Praxis entschließen. Daher werden wir 2025 für 100 Versorgungsstellen 110 Ärzte brauchen, was den Hausärztemangel noch verstärkt.“

Gleichzeitig spiele auch der finanzielle Aspekt in die Entscheidung hinein. „Fachärzte verdienen im Schnitt deutlich mehr als Allgemeinmediziner, zumindest auf lange Sicht“, gesteht Konrad. Doch auch letztere können ein durchschnittliches monatliches Nettoeinkommen von 4000 bis 5500 Euro verbuchen – ein Einkommen, von dem viele andere Berufsgruppen nur träumen können.

„Tatsächlich kann eine gut funktionierende Praxis, die man übernimmt, wie ein Elfmeter vor einem leeren Tor sein“, sagt der Siegburger Hausarzt, Sportmediziner und Chiropraktiker Richard Beitzen, der mit 68 Jahren so langsam in den Ruhestand gehen möchte. Doch obwohl er genau diese anzubieten hat, hatte er große Probleme, einen Nachfolger zu finden. Es habe zunächst nur wenige Interessenten gegeben, die alle nicht die Richtigen gewesen seien. „Ich bin Arzt mit Leib und Seele und möchte die Versorgung meiner Patienten gewährleistet wissen“, sagt er. „Daher achte ich natürlich sowohl auf eine solide medizinische Ausbildung mit einem ähnlichen Schwerpunkt wie dem meinen als auch auf die richtige Einstellung.“

Das große Einzugsgebiet bringt besondere Herausforderungen mit sich

Sind das Hinderungsgründe für den Nachwuchs? Eher nicht. „Viele Jungmediziner scheuen eher die Verantwortung oder sind unsicher, was etwa die betriebswirtschaftlichen Fragestellungen angeht“, glaubt Beitzen. „Außerdem muss man natürlich grundsätzlich bereit sein, sich für den Rest seines Lebens an einen Ort zu binden. Das ist sicherlich gerade in ländlichen Gegenden sehr schwierig, vor allem wenn die jungen Leute zumindest aus ihrem Studium ein anderes Umfeld gewohnt sind. Wenn Sie zum Beispiel das pulsierende Leben in Köln kennen, warum sollen Sie dann zurück in die Eifel oder auf den Westerwald ziehen? Da müssen Sie schon eine besondere Beziehung zu diesen Gegenden haben.“

Zumal die Arbeit dort aufgrund des großen Einzugsgebiets eines Hausarztes ganz besondere Herausforderungen mit sich bringt. „Zum Beispiel kann es sein, dass man für einen Hausbesuch mit Fahrt und dergleichen eine oder anderthalb Stunden einrechnen muss – und dafür kann man dann 15 Euro abrechnen. Dafür wird es einem aber auch von den Patienten auf eine ganz besondere Weise gedankt. Ich für meinen Teil übe meinen Job seit 33 Jahren mit großer Zufriedenheit aus und habe noch keinen einzigen Tag bereut.“

Immerhin versuchen Bund und Länder inzwischen, dem Ärztemangel auf dem Land zu begegnen. Gleichzeitig sorgen Veranstaltungen wie die des Gesundheitsamtes Rhein-Sieg-Kreis in Neunkirchen-Seelscheid dafür, dass auch das Potenzial der Situation erkannt wird. „Für junge Allgemeinmediziner ist das geradezu eine Luxussituation“, sagt etwa Johannes Just, der vor etwa einem Jahr eine Praxis in Bonn übernommen hat und nun dafür wirbt, dass andere es ihm gleich tun. Und zwar nicht nur in den Metropolen, sondern zum Beispiel auch im Bereich Siegburg/Lohmar, zu dem auch Much und Neunkirchen-Seelscheid gehören.

Alleine in dieser Region sind 20 Ärzte über 60 und somit über kurz oder lang auf der Suche nach einem Nachfolger. Wer damit leben kann, etwa eine halbe Stunde bis Bonn fahren zu müssen, kann hier grundsätzlich aus dem Vollen schöpfen. Gerade jetzt. „Zudem erhält man noch unglaublich günstige Kredite, hat hervorragende Chancen auf eine Niederlassung und ist letztlich als selbständiger Arzt extrem flexibel, was die Ausgestaltung seiner Arbeit angeht“, sagt Just. „Natürlich ist man dann für alles verantwortlich – aber das empfinde ich eigentlich als Vorteil.“

„Derzeit bemühen sich Bund und Länder, entsprechende Anreize zu schaffen“, betont auch Alexander Konrad. „Es wird sicherlich noch ein paar Jahre dauern, bis sich die Situation verbessert, aber ich denke, dass wir auf einem guten Weg sind.“

Mehr von GA BONN