Pantoprazol und Co.: Wie Tablette gegen Sodbrennen dem Körper schaden kann

Pantoprazol und Co. : Wie Tablette gegen Sodbrennen dem Körper schaden kann

Der Gebrauch von sogenannten Protonenpumpenhemmern nimmt zu. Für Menschen, die unter Sodbrennen leiden, sind sie als Löscher des Feuers in der Speiseröhre häufig unverzichtbar geworden. Doch Mediziner raten zu einem kritischeren Umgang.

Protonenpumpenhemmer sind vorbildliche Medikamente. Sie tun genau das, was sie tun sollen. Der Magen drückt und brennt, die Magensäure fließt in die Speiseröhre zurück und verursacht Sodbrennen? Eine Tablette genügt – und spätestens nach einer Stunde herrscht angenehme Ruhe in Brust und Bauch. Das Brennen, das viele Menschen wie Feuer in ihrer Speiseröhre wahrnehmen, ist weg.

Protonenpumpenhemmer sind auch unter dem Namen Protonenpumpen-inhibitoren, kurz PPI, bekannt. Man nennt sie umgangssprachlich Magensäureblocker oder einfach Magenschutz. Das klingt freundlich-fürsorglich und gar nicht nach einem Mittel, das massiv in den natürlichen Verdauungsprozess eingreift. Die magensaftresistenten Tabletten werden über den Dünndarm im Blut aufgenommen, der Wirkstoff landet bei den Zellen in der Magenschleimhaut, die die Magensäure produzieren. Und genau die wird blockiert. Der Magensaft enthält dann weniger Säure und ist weniger aggressiv.

Ein Mechanismus, den offenbar viele Menschen schätzen: Nach Angaben des aktuellen Arzneimittelverordnungs-reports hat sich die Zahl der Verordnungen in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht und lag 2015 bei rund 3,7 Milliarden definierten Tagesdosen (DDD, daily defined dose). Die Barmer Krankenkasse teilte mit, dass die Ärzte etwa in Baden-Württemberg mehr Magensäureblocker verschreiben: 2015 bekamen 126.900 Patienten ein Rezept dafür, 2011 waren es nur 108.700 – eine Steigerung um 17 Prozent. Hinzu kommen die Mittel, die frei verkäuflich über den Ladentisch gehen. Von den sechs in Deutschland zugelassenen Wirkstoffen sind drei rezeptfrei: Omeprazol, Pantoprazol und Esomeprazol.

„Ich habe den Eindruck, dass die Blocker zu häufig, zu schnell und vor allem zu langfristig genommen werden“, sagt jedoch Robert Thimme, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum Freiburg. „Dabei gilt wie immer in der Medizin: Weniger ist mehr. Jedes Medikament hat Nebenwirkungen, auch dieses.“ Die bekannten sind: Durchfall und Blähungen. Erst seit einiger Zeit allerdings mehren sich die Hinweise, dass die Magensäure-blocker mehr Nebenwirkungen haben könnten als bislang gedacht. So ist ein saures Milieu im Magen unter anderem für die Aufnahme einiger Vitamine und Mineralstoffe wichtig. Zum Beispiel für den Kalziumhaushalt.

Medikamente blockieren Kalziumaufnahme

Wer regelmäßig säurehemmende Medikamente nimmt, blockiert damit auch die Aufnahme von Kalzium aus der Nahrung. Der Körper holt sich dieses Erd-alkalimetall dann von dort, wo er es eigentlich dringend braucht: aus den Knochen. Auch Vitamin D braucht die Magensäure, um vom Körper optimal aufgenommen zu werden. Ein Mangel an diesen beiden Stoffen kann Osteoporose – den Knochenschwund – begünstigen. Vor Jahren schon haben US-amerikanische Wissenschaftler im Fachjournal JAMA zudem gezeigt, dass zu wenig Magensäure zu einem Vitamin-B12-Mangel führen kann.

Weitere mögliche Nebenwirkungen der PPI sind eine Veränderung der Darmflora. Es gibt auch Hinweise darauf, dass sie das Demenz-Risiko erhöhen. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass bei langfristiger Einnahme von Magensäureblockern die Rate an Darminfektionen mit Erregern wie Clostridium difficile oder Campylobacter zugenommen hat. „Hier muss man jedoch betonen: Bei vielen der vermuteten Nebenwirkungen ist die Studienlage bislang noch dürftig und teils auch widersprüchlich“, sagt der Gastroenterologe Christian Trautwein von der Uniklinik Aachen, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).

Gesicherte Erkenntnisse gebe es bislang kaum – es brauche weitere Studien, um die aktuellen Hinweise zu belegen oder zu widerlegen. „Es wäre falsch, die Magensäureblocker jetzt zu verteufeln, schließlich sind sie oft hilfreiche und hochwirksame Medikamente. Allerdings sollte der Umgang damit weitaus kritischer geschehen als bisher“, sagt Trautwein. Gerade bei der Diagnose Reizmagen oder Sodbrennen verschrieben Ärzte die PPI derzeit noch sehr rasch, ein langsames Umdenken findet gerade erst statt.

Ein Teufelskreis namens Hypersekretion

„Bei einigen Indikationen ist klar, dass Säureblocker richtig und wichtig sind“, sagt der Freiburger Uni-Mediziner Robert Thimme. „Dazu gehören eine stressbedingte Gastritis, die Einnahme von starken Schmerzmitteln oder die ein- bis zweiwöchige Therapie gegen den Keim Helicobacter pylori.“ Für eine durchgehende Einnahme jedoch bestehe fast nie ein Grund. Spätestens nach drei Monaten sollte man den Magenschutz hinterfragen.

„Bei Sodbrennen zum Beispiel wirkt Pantozol hervorragend“, sagt Thimme, „aber es gibt immer auch andere Therapieansätze. Kleinere Mengen essen, darauf achten, dass die Mahlzeiten nicht schwer und fettreich sind, das Rauchen und den Alkohol reduzieren – damit bekämpft man das Sodbrennen oft ebenso erfolgreich. Aber es ist halt ein bisschen anstrengender, als vor dem Essen die Tablette einzuwerfen.“

Die oft gehörte Behauptung, Magensäureblocker würden abhängig machen, mildert Robert Thimme ab: „Von Sucht würde ich nicht unbedingt sprechen, aber es tritt fraglos ein gewisser Gewöhnungseffekt ein – und der Gedanke, man brauche dieses Medikament.“ Das liegt auch an einem bestimmten Effekt, der beim Absetzen der Blocker auftritt, der sogenannten Hypersekretion. In den ersten Tagen kann es zu einer überschießenden Magensäureproduktion kommen, der Patient hat wieder Magenschmerzen oder Sodbrennen – und greift erneut zur schnell lindernden Tablette. Um diesen Teufelskreis zu verhindern, empfehlen Fachärzte ein sanftes Ausschleichen des Wirkstoffs.

Dass die Zahl der eingenommenen Magensäureblocker auch bei jungen Menschen – besonders bei den 20- bis 29-Jährigen – massiv gestiegen ist, führen Medinizer auf eine generell gestiegene Bereitschaft, Medikamente zu nehmen, und einen hektischen Alltag zurück. „Eine leichte Gastritis ist heute fast schon ein Normalbefund bei jungen Leuten“, sagt Thimme. Stress, berufliche Anspannung, viel Kaffee und viele Zigaretten, große, fettreiche Mahlzeiten – das schlägt den Menschen auf den Magen. Und kaum auf den Geldbeutel. Der Patentschutz für die PPI ist längst abgelaufen, 100 Tabletten kosten etwa 30 Euro – und versprechen ein Vierteljahr lang Ruhe. „Ich empfehle, wann immer möglich, erst einmal die anderen Therapieansätze zu diskutieren. Vor allem bei jungen Leuten“, sagt Robert Thimme. „Der Säureblocker sollte nicht automatisch das erste Mittel der Wahl sein.“

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