GA-Serie "Firmen bei uns": Musikverlag Voggenreiter feiert Jubiläum

GA-Serie "Firmen bei uns" : Musikverlag Voggenreiter feiert Jubiläum

Hier dreht sich alles um Musik: Der Voggenreiter Verlag wurde vor 100 Jahren gegründet. In der langen Firmengeschichte gehört auch dem berühmten Liedermacher Reinhard Mey ein Kapitel.

Willi Millowitsch veröffentlichte hier seine „Thekenlieder“, Reinhard Mey startete seine Karriere in Bonn, Luis Trenker sang Bergweisen und Peter Bursch machte sein „Gitarrenbuch ohne Noten“ zum Welterfolg – der Voggenreiter Verlag ist Musikliebhabern ein Begriff. Vor 100 Jahren wurde das Familienunternehmen in Regensburg gegründet. Heute führen die Brüder Ralph und Charles Voggenreiter den Verlag und Instrumentenhandel in dritter Generation.

Voggenreiter hat seinen Sitz in einer schlichten Halle im Gewerbegebiet von Wachtberg-Villip. In den Lagerregalen stapeln sich die Kartons, gefüllt mit allem, was Musik macht – von der Babyrassel bis zur E-Gitarre. Besonderen Wert legen die Brüder Voggenreiter auf die firmeneigenen Entwicklungen. „16 Soundvarianten!“, sagt Ralph Voggenreiter und schüttelt den „Satellite Shaker“, eine Rassel mit austauschbaren Klangkörpern. Zu den Kunden der Wachtberger zählen Profimusiker aus aller Welt, aber auch Schulen, Spielwaren- und Musikalienhändler sowie Discounter, die Keyboards oder Gitarren als Massenware auf den Markt bringen und dafür Lieferanten mit Branchenkenntnis brauchen.

In den Anfangszeiten spielte die Musik im Unternehmen nur eine Nebenrolle. Verlagsgründer Franz Ludwig Habbel und Ludwig Voggenreiter entwickelten eine Zeitschrift für Pfadfinder und Wandervögel. „Der weiße Ritter“ sollte dem Geist der neuen Jugendbewegung Ausdruck verleihen, einer Abkehr vom militärischen Drill des Ersten Weltkrieges. Damit machen sie sich nicht nur Freunde. Die Regensburger Diözese schimpft Anfang der 20er Jahre über „Ausschreitungen des freien und wilden Wandervogels, der zigeunerhaften Aufführungen zuchtloser Horden von jungen Lümmeln und frühreifen Mädchen“. Ludwig Voggenreiter zieht es für einen beruflichen Neuanfang ins liberalere Berlin, während sein Geschäftspartner in Regensburg bleibt. 1924 steigt Heinrich Voggenreiter in den Verlag seines älteren Bruders ein. 1930 erscheint das Liederbuch „Der Kilometerstein“, das mit seiner Sammlung von „Klotzmärschen, Liedern für die Landstraße, Musik zum Tagesablauf und allerlei Unsinn“ über drei Jahrzehnte hinweg zu einem Bestseller des Verlags wird.

Änderung des Verlagsprogramms

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ändert sich auch das Verlagsprogramm. Voggenreiters Zielgruppe, die Jugendbewegungen, werden aufgelöst und durch die Hitlerjugend ersetzt. Die Nazis kontrollieren die Inhalte aller Verlage. Voggenreiter verdient gut an den Aufträgen der neuen Machthaber mit Werken wie „Pimpf im Dienst“ und Durchhaltepropaganda für die Soldaten an der Front. Während Ludwig mit den neuen Machthabern offen sympathisiert, bleibt Heinrich skeptisch. Das Kriegsende bedeutet auch eine Zäsur für den Verlag. Die Brüder Voggenreiter werden von der Roten Armee gefangen genommen. Ludwig überlebt das Internierungslager nicht. Heinrich beschließt daraufhin, einen Neuanfang im Westen zu wagen. 1949 zieht er mit den restlichen Dokumenten des Verlags nach Bad Godesberg. Der wirtschaftliche Erfolg bleibt zuerst aus. 1958 erhält er vom Verteidigungsministerium den Auftrag, ein „Liederbuch der Bundeswehr“ zusammenzustellen – einerseits eine lukrative Veröffentlichung, andererseits eine Nähe zum Militär, die den Musikverlag in die Kritik seiner 68er Kundschaft rückt. Heinrichs Sohn Ernst übernimmt 1969 den Verlag und setzt auf die aktuellen Musiktrends, gründet das Plattenlabel „Xenophon“. Zu dessen ersten Künstlern zählt der damals unbekannte Liedermacher Reinhard Mey, der bald im Bad Godesberger Verlagshaus ein und aus geht.

Am 17. Dezember 1992 ändert sich für den Verlag und die Familie alles. Der begeisterte Pilot Ernst Voggenreiter stirbt beim Absturz seines Kleinflugzeuges. Seine Söhne Charles und Ralph steigen mit 23 und 25 Jahren weitgehend unvorbereitet ins elterliche Geschäft ein. „Es war ein Sprung ins kalte Wasser“, erinnert sich Ralph Voggenreiter. „Aber die Arbeit musste erledigt werden, und wir hatten keine Zeit, lange nachzudenken.“ Gemeinsam mit erfahrenen Mitarbeitern gelang den Jungunternehmern die Weiterführung des elterlichen Unternehmens. Sie nahmen Instrumente in ihr Programm auf, gewannen Herbert Grönemeyer und Udo Lindenberg als Buchautoren und stiegen ins Spielwarengeschäft ein.

Heute sind die Brüder mit 49 und 51 Jahren nicht nur gemeinsam so alt wie das Unternehmen, sondern auch langjährige Kenner der Branche. „Wir fahren auch mal mit dem Sprinter zum Händler und bauen da ein Regal auf“, sagt Ralph Voggenreiter. Nur so behalte man den Kontakt zum Kunden und dessen Bedürfnissen.

So setzt Voggenreiter 100 Jahre nach seiner Gründung immer stärker auf digitale Konzepte. Flöten und Gitarren für Kinder werden direkt mit Zugang zu einer App verkauft, die den Nachwuchs-Musikern den Gebrauch des Instruments per Computerspiel vermittelt. „Für gute Bücher wird es auch weiter einen Markt geben“, sagt Charles Voggenreiter. „Aber in Zeiten von kostenlosen Youtube-Tutorials müssen wir auch die jüngere Zielgruppe über Lern-Apps erreichen.“ Statt klassischer E-Books erwarteten die Kunden interaktiven Zusatznutzen: „Eltern können sich zum Beispiel mit unseren Apps die Kompositionen ihrer Kinder als Klingelton aufs Handy laden“, sagt Ralph Voggenreiter. Ob die Brüder bei so viel Beschäftigung mit der Musik und einem Lager voller Trommeln, Rasseln, Flöten und Gitarren noch selbst zum Instrument greifen? Beide schütteln den Kopf: „Dafür bleibt einfach keine Zeit.

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