Ermittler nehmen Telekom ins Visier

Ermittler nehmen Telekom ins Visier

Spitzelaffäre beim Konzern hat einen neuen Höhepunkt erreicht: Staatsanwaltschaft lässt die Unternehmens-Zentrale in Bonn durchsuchen

Bonn. Die ersten Informationen sickerten am Donnerstag gegen zehn Uhr durch: Die Staatsanwaltschaft, so erfuhr der General-Anzeiger, durchsuche soeben die Zentrale der Deutschen Telekom in der Friedrich-Ebert-Allee.

Noch ohne die Öffentlichkeit zu informieren, hatte die Bonner Behörde Ermittlungen in der sogenannten Spitzelaffäre des Konzerns eingeleitet. Keine Überraschung, sagt die Telekom später, schließlich habe man die Staatsanwaltschaft selbst über die Tatsachen informiert. Und dennoch: Mit dem Auftauchen eines vom Bundeskriminalamt unterstützten 50-köpfigen Ermittlerteams hat die Affäre eine neue Dimension.

In den folgenden Stunden am Donnerstag jagt dann ein Gerücht das nächste. Immer neue Details gelangen an die Öffentlichkeit. Die Staatsanwaltschaft bestätigt schließlich, dass sich die Ermittlungen auch gegen den früheren Konzernchef Kai-Uwe Ricke und Ex-Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Zumwinkel richteten.

Die waren einen Tag vorher vom ehemaligen Telekom-Vorstand Heinz Klinkhammer in einer Zeitung schwer belastet worden. Der Vorwurf: Die Sicherheitsabteilung der Telekom habe mit ihrem Wissen Informanten aus dem Konzern und über die Telekom berichtende Journalisten bespitzelt. Beide wiesen den Verdacht zurück.

Gegen aktive Vorstände der Telekom oder Konzernchef René Obermann ermittelt die Staatsanwaltschaft dagegen nicht. Das teilt später der Sprecher der Bonner Staatsanwaltschaft, Fred Apostel, mit. Am Wochenende hatte der Konzern einen Bericht des "Spiegel" bestätigt, mindestens ein Jahr lang die Telefonverbindungen von Führungskräften überwacht zu haben. Diese sollen mit den Telefonnummern von Journalisten abgeglichen worden sein.

In dem Verfahren, so Apostel weiter, gehe es um den Vorwurf der missbräuchlichen Verwendung von Daten und der Verletzung des Post- und Fernmeldegeheimnisses. "Wir ermitteln relativ umfassend, dazu gehören auch Vernehmungen", sagte Apostel. Bei der Durchsuchung seien ihnen alle Räume der Entscheidungsträger zugänglich gemacht worden.

Bereits früher am gestrigen Morgen dürfte den Telekom-Oberen klar geworden sein, dass es kein leichter Tag werden würde. Die Zeitungen "Financial Times Deutschland" (FTD) und die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) waren mit groß aufgemachten Geschichten auf ihren Titelseiten erschienen, die der "Spitzelaffäre" eine neue Dimension geben dürften.

Erstmals gerät dadurch auch Telekom-Chef Obermann unter Druck: Er soll laut SZ im Jahr 2007, als die erste Bespitzelung eines Journalisten bekannt wurde, versucht haben, den Vorgang nach außen zu vertuschen. Die Telekom räumte am Donnerstag ein, dass die betroffene Redaktion damals nicht unterrichtet worden sei.

Das Bild des Aufklärers, das die Telekom in den vergangenen Tagen von ihrem Vorstandsvorsitzenden gemalt hatte, bekommt durch die Veröffentlichung erste Risse. Der Bund als Telekom-Großaktionär steht dennoch zu Obermann.

Auf die Frage, ob die Regierung angesichts der neuen Entwicklungen Grund für Kritik an der Amtsführung von Obermann sehe, antwortete ein Sprecher des Finanzministeriums am Donnerstag: "Nein." Die Regierung sei weiterhin an einer raschen Aufklärung der Affäre interessiert.

Diese dürfte auch ergeben, dass schon weit vor dem von der Telekom eingeräumten Zeitraum zwischen 2005 und 2006 Journalisten und Aufsichtsräte bespitzelt wurden. Nach einem Bericht der FTD wurde bereits im Jahr 2000, also noch unter Vorstandschef Ron Sommer, entsprechende Aufträge erteilt.

Und auch die Methoden gingen nach Angaben des Wirtschaftsblatts deutlich weiter. So sollen von der Telekom beauftragte private Fahnder mit Hilfe von versteckten Kameras versucht haben, einen FTD-Journalisten in seinem Kölner Büro auszuspähen.