Theaterstück überzeugt: "Herbstrasen" in der Bonner Pathologie

Theaterstück überzeugt : "Herbstrasen" in der Bonner Pathologie

„Herbstrasen“ im Bonner Theater Die Pathologie erzählt die Geschichte von Menschen in der Krise. Das Publikum folgt dem unsentimental berührenden Dialog hochkonzentriert.

Die alte Dame hat sich in ihrem Haus in Brooklyn verbarrikadiert. Mit einem kleinen Vorrat an Lebensmitteln und einer Sammlung von brennbaren Flüssigkeiten (Negativentwickler aus der Zeit der Analogfotografie) und dem alten Zippo-Feuerzeug ihres verstorbenen Mannes.

Alexandra will nicht weg aus ihrer vertrauten Umgebung. Sie liebt ihren Baum vor dem Fenster. Ihre beiden erwachsenen Kinder möchten, dass sie in ein Heim für betreutes Wohnen umzieht; sie will jedoch unter keinen Umständen ihre Selbstbestimmtheit aufgeben. Sollte die Polizei auftauchen, weiß sie, was zu tun ist.

Ihrem jüngsten Sohn Chris gelingt es schließlich, auf den Baum zu klettern und durch ein Fenster zu ihr vorzudringen. „Herbstrasen“ („The Velocity of Autumn“) des in Schottland geborenen US-amerikanischen Dramatikers Eric Coble wurde 2014 mit großem Erfolg am Broadway uraufgeführt. Die bekannte Schauspielerin Estelle Parsons erhielt für ihre Darstellung der Alexandra einen Tony Award.

In der intimen Atmosphäre des kleinen Kellertheaters Die Pathologie erlebt man den sensiblen Mutter-Sohn-Dialog quasi hautnah. Maren Pfeiffers Inszenierung setzt auf die unspektakulären Brüche in einer verletzlichen Beziehung, die rund 20 Jahre lang eingefroren war. Im sparsam möblierten schwarzen Bühnenraum reichen dafür ein lederner roter Drehsessel, ein paar Requisiten, weiße Bilder an den Wänden und ein großer Plakataufsteller, auf dem kurz einmal als Projektion das herbstlich entlaubte Baumskelett auftaucht.

Intensiv und unsentimental

Alexandra war eine erfolgreiche Künstlerin, nun sind ihr ihre eigenen Gemälde fremd geworden. Helga Bakowski verkörpert großartig die einsame Intellektuelle, die neben der Familie immer ihr eigenes Leben haben wollte und spürt, wie es ihr unaufhaltsam abhandenkommt. Geradezu beklemmend genau spielt sie die häufiger werdenden Momente, in denen ihr die Gesichtszüge zu entgleiten scheinen und die Wörter im Mund zerfallen. Sie behauptet energisch ihre Metropolen-Arroganz und weiß doch, wie es ist, wenn der Weg zum nächsten Supermarkt nicht nur physisch schwierig wird, sondern auch völlig desorientiert endet.

Mike Weber spielt ebenso intensiv den verlorenen Sohn Chris, der als Künstler scheiterte und sich in der fernen Provinz irgendwie durchschlägt. Zudem schwul, was selbstverständlich toleriert wurde. „Dein Vater hat’s halt nur nicht gemocht, wie beispielsweise Gorgonzola“ – solch ein Satz tut weh und zeigt die emotionale Kälte der alten Familiengeschichte. Chris‘ dramatische Schilderung eines Unfalls, an dem er gar nicht beteiligt war, kippt die Situation. Er will nicht mehr der „überflüssige Mensch“ sein und – trotz der ständigen Handy-Anrufe seiner arrivierten Geschwister – mit seiner Mutter ein feuriges Ende suchen. Die hat indes begriffen, dass es Zeit ist, den wirklichen Baum vor ihrem Haus zu treffen und ihm Lebewohl zu sagen.

Das Publikum bei der ausverkauften Premiere im Theater Die Pathologie folgte dem unsentimental berührenden einstündigen Dialog hochkonzentriert und spendete anhaltenden Beifall.

Nächste Vorstellungen: Samstag, 19. Januar, sowie vom 1. bis 3. Februar, jeweils 20 Uhr. Ticketreservierung unter 02 28/22 23 58 im Restaurant Schumann’s. Spielplaninfos unter www.theaterdiepathologie.de.

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