Gelesen und notiert: Gitta Edelmann: Himmelsliebe

Gelesen und notiert : Gitta Edelmann: Himmelsliebe

Bonner Autorin mit einem überaus beeindruckenden Was-wäre-wenn-Szenario:

Die demokratische Revolution von 1848/49 hat gesiegt: Preußens Soldaten weigerten sich, auf ihre deutschen Brüder und Schwestern zu schießen, und sind auf die Seite des Volkes übergelaufen. Deutschland und Frankreich haben sich zu einem Bundesstaat vereint, der zweisprachigen "Republik Frankoallemannien" mit der Hauptstadt Straßburg.

Der politische Fortschritt hat auch den wissenschaftlichen befeuert: Drahtloser Funk und Luftschifffahrt treten den Siegeszug an. Frauen haben die (fast) völlige Gleichberechtigung errungen, nur noch ein paar Ewiggestrige wettern dagegen; zum Beispiel ein reaktionärer Hinterbänkler im preußischen Landtag, ein gewisser Otto Bismarck (nicht "von", denn der Adel ist abgeschafft).

Jetzt schreiben wir das Jahr 1880: Kapitänin Alberta Lefort, Seitensteuerfrau Emma Steiner und Kommunikatorin Annie Dupont gehen an Bord des neuen Großluftschiffs "Amour du Ciel / Himmelsliebe". Ziel der Mission ist, einen supergeheimen Solarantrieb zu testen und im friesischen Wattenmeer nach den Ruinen der versunkenen Stadt Rungholt zu suchen - es winkt ein archäologischer Coup wie einst bei Heinrich Schliemanns Troja-Fund. Dabei müssen die Powerfrauen sich nicht nur mit Restbeständen von Machotum bei den männlichen Besatzungsmitgliedern auseinandersetzen, sondern auch mit Sabotage und Spionage - und eines Morgens liegt der Bordmeteorologe erstochen in seiner Kabine...

Schon im Jahr 2017 befasste sich Gitta Edelmann in "Badisches Wiegenlied" mit dem frustrierenden Ende der ersten deutschen Demokratie im 19. Jahrhundert; jetzt setzt die Bonner Autorin dem ein überaus beeindruckendes Was-wäre-wenn-Szenario entgegen.

Die Krimi-Elemente kommen dabei ein wenig kurz weg. Macht aber nichts. Hier ist es das Umfeld, das zählt - die Sorgfalt und Fantasie, mit der Edelmann eine Welt ausmalt, die eben nicht in Richtung dreier deutsch-französischer Kriege abdriftet. Quasi im Vorbeigehen löst sie die leidige Frage, wie sich beide Geschlechter gemeinsam ansprechen lassen, ohne die Sprache mit Binnenmajuskeln und Satzzeichen zu vergewaltigen:

Bei ihr sind Luftschifferinnen und Luftschiffer keine "LuftschifferInnen", -"*innen" oder -"_innen", sondern "Luftschifferi". Die Angehörigen der konkurrierenden Nationen sind "Frankoallemanni", "Briti" und "Russi". Und Frauen und Männer ohne Geschlechter-Vorurteile heißen "Emanzipatori".

Einziges Manko dieses faszinierenden Buches: Es ist zu kurz und endet demzufolge leider mit einem offenen Schluss. Hoffentlich sehen die Verlegeri zwischen Flensburg und Klagenfurt, was sie an dieser Autorin haben, und geben ihr demnächst Gelegenheit, ihr schönes Gedankenexperiment in einer 1000-seitigen Trilogie weiter auszuformen. (piw)

Gmeiner, 279 S., 14 Euro

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