"Die Ratten" in den Kammerspielen: Das Theater - ein Sumpf

"Die Ratten" in den Kammerspielen : Das Theater - ein Sumpf

Wer diesen "Ratten"-Abend in den Kammerspielen erlebt hat, dem könnte alle Lust am Stadttheater vergehen. Stefan Preiss als Gerhart Hauptmanns verkrachter Theaterdirektor Harro Hassenreuter schildert da nämlich in einer punkt- und kommalosen Suada, wie wir uns das deutsche Stadttheater vorzustellen haben.

Als Sumpf, als einen Ort, an dem Egozentriker und Einzelkämpfer den Ton angeben, wo Unterdrückung und Stumpfsinn zum Alltag gehören. Und am Ende schmeißen sie dich, den Schauspieler, raus.

Zum Schluss von Lukas Langhoffs Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Berliner Tragikomödie "Die Ratten" projizierte die Technik die Namen der Schauspieler - und ihren zukünftigen Berufsstatus - auf den eisernen Vorhang. Maria Munkert, war zum Beispiel zu lesen, habe die Selma Knobbe verkörpert, die Schauspielerin sei gekündigt zum 31. Juli 2013 und arbeitssuchend ab dem 1. August.

Lukas Langhoff, der mit seiner Bonner Produktion von Ibsens "Volksfeind" 2012 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, wird bei dieser "Ratten"-Produktion ebenso als Autor spürbar wie Gerhart Hauptmann.

Langhoff hat viel von Hauptmanns Text und Personal gestrichen und die entstehenden Leerstellen mit eigenem theatralischen Leben aufgefüllt. Er lässt Komödie à la Langhoff spielen und Tragödie à la Hauptmann.

Irgendwie erinnerte das an das Wort von Hauptmanns Dramatikerkollegen Friedrich Hebbel über das Tragikomische an sich: "Man möchte vor Grausen erstarren, doch die Lachmuskeln zucken zugleich." Langhoffs "Ratten" sind oft zum Lachen, auch vor Albernheiten, wohlfeilem Klamauk und bereits "Volksfeind"-erprobten Bonn-Berlin-Scherzen schreckt er nicht zurück. Besagter Harro Hassenreuter extemporiert übrigens auch über das männliche Glied.

Gerhart Hauptmanns im proletarischen Milieu situiertes, 1911 erstmals gespieltes Stück gehört zu den großen, unverwüstlichen deutschen Dramen des 20. Jahrhunderts. Es gipfelt in einer Katastrophe. Die Frau des Maurerpoliers John kauft einem schwangeren und sitzengelassenen Dienstmädchen das Kind ab und gibt es ihrem ahnungslosen Mann als eigenes aus.

Doch dann will die junge Pauline Piperkarcka ihr Kind wiederhaben; Mord und Selbstmord sind die Folge. Regina Fraas hat für das Ensemble eine Gerüst-Struktur mit Spielflächen geschaffen, eine finster anmutende Szene mit Loft-Charakter. Dort zeigen Susanne Bredehöft (Frau John) und Falilou Seck (Herr John), wie einsam und verlassen sich Eheleute fühlen, deren privates Glück auf Nimmerwiedersehen entschwunden scheint.

Bredehöft als Frau John spielt alles oder nichts, wenn es um ihr Baby geht. Als nichts mehr geht, verabschiedet sie sich mit ersterbender Stimme aus dem Leben. Seck als Maurerpolier ist zu schockierenden Ausbrüchen fähig und zu tieferer Empfindung; eine stabile Stütze ist dieser John seiner Frau aber nicht.

Für die Musik des Abends ist Volkan T. zuständig, er spielt auch den türkisch-schwulen Hausmeister. Die Musik ist ein Trumpf des knapp zweistündigen, pausenlosen Theaterabends in den Kammerspielen. Elmira Bahrami (Walburga) erschafft mit der Geige eine meditative Melancholie, Anastasia Gubareva als Pauline Piperkarcka stimmt ein zu Herzen gehendes Klagelied an. Punk können sie auch, dann bearbeitet Volkan T. seinen Elektrobass.

Zu einem stimmigen Ganzen addieren sich die assoziativ im Raum verteilten Puzzleteile dieser Inszenierung nicht. Darin ähnelt sie Karin Henkels aktueller Kölner Produktion der "Ratten", wo es Kopulations-Gezappel und Slapstick gibt, aber auch Momente tiefster Verlorenheit.

Johanna Wieking verkörperte in Bonn als Alice prallen Wiener Schmäh und schläfrigen Sex-Appeal. Maria Munkert als Selma sah aus, als sei sie vom Leben fies verdroschen worden. Simon Brusis steckte als Erich Spitta in einem Rattenkostüm, es war ein Spiegel des Existenzgefühls des Möchtegern-Schauspielers Spitta. Nico Link als punkig frisierter Bruno hätte eigentlich das Böse, Rattenhafte von Hauptmanns Vision ("Der Mensch erschrickt mir") verkörpern sollen. Doch dieser Bruno blieb harmlos. - Beifall und Buhs in den Kammerspielen.

Info:

Die nächsten Aufführungen: 1., 9., 17. und 23. März. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.