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Spaziergang mit Melone: Ein Schauspieler hält Beuel die Treue

Spaziergang mit Melone : Ein Schauspieler hält Beuel die Treue

Seit 16 Jahren prägt Jan Herrmann als Schauspieler die Stücke des Jungen Theaters in Bonn. Im Interview erzählt er, was ihn an der Schauspielerei begeistert und warum er nicht beim Fernsehen gelandet ist.

Seit 16 Jahren spielt Jan Herrmann am Jungen Theater Bonn an der Hermannstraße – eine für Schauspieler ungewöhnlich lange Zeit. Was den gebürtigen Schwaben so lange in Bonn hält, was ihn am Theater für die Jugend fasziniert, was ihn überhaupt an der Schauspielerei begeistert und warum er nicht beim Film gelandet ist, darüber hat er sich mit GA-Mitarbeiter Rainer Schmidt unterhalten.

Jan Herrmann, Sie spielen seit gefühlt ewigen Zeiten am Jungen Theater. Wird das nicht langweilig?

Jan Herrmann: Ich hätte nie gedacht, dass ich so lange an einem Haus bleibe, wirklich nie. Und ich bin so lange da, weil es eben nicht langweilig ist, weil kein Tag wie der andere ist. Ich habe hier so viele Rollen, so viele unterschiedliche Figuren gespielt, für die kleinen Theaterbesucher aber auch für die älteren. Ob Hotzenplotz oder Kafka, ob in Oliver Twist den Fagin oder Romeo und Julia, die Bandbreite ist immer sehr groß gewesen, und sie ist es immer noch.

Was ist für Sie eigentlich das Besondere am Jungen Theater?

Herrmann: Als erwachsener Profischauspieler muss man in unserem Haus liefern. Was heißen soll, Du musst gut sein, in kürzester Zeit. Wir widmen den Kinder- und Jugendschauspielern diese Zeit, um ihre Figuren zu finden und zu verinnerlichen. Die Herausforderung ist es, bei der Vielzahl an Vorstellungen, immer wieder auf den Punkt da zu sein. Deshalb wird es definitiv nie langweilig. Ich muss sagen, dass ich dadurch viel gelernt und den Regisseuren, insbesondere Andreas Lachnit und Lajos Wenzel viel zu verdanken habe.

Sind Sie jetzt nicht auf bestimmte Rollen festgelegt?

Herrmann: Nein. Es kommt immer darauf an, was man als Schauspieler daraus macht, denn man kann Rollen verschiedenartig spielen. Ich war beispielsweise lange auf den Antagonisten festgelegt. Frag einen Menschen, den die Gesellschaft für böse hält, ob er sich selber auch für böse hält. Er wird das zu 100 Prozent verneinen. Mit diesem rollenspezifischen Selbstverständnis muss man an die Figur rangehen, um sie mit allen Facetten ihres Charakters zu ergründen.

In wie vielen Stücken spielen Sie derzeit mit?

Herrmann: Neun oder zehn. Außerdem spiele ich in einigen Stücken wie beispielsweise der „Unendlichen Geschichte“ mehrere Rollen. So kommen dann rund 40 Rollen zusammen.

Haben Sie eigentlich alle Texte dafür immer parat?

Herrmann: Eindeutig nein, auf der Bühne ja. Ich muss dazu in der entsprechenden Situation sein. Nicht der Text bestimmt die Handlung, sondern die Handlung bestimmt den Text. Wenn ich auf der Bühne bin, muss ich gar nicht mehr darüber nachdenken. Deshalb lerne ich Dialoge am liebsten mit meinem Spielpartner.

Was ist denn nun die Besonderheit oder die Herausforderung, Stücke für Kinder und Jugendliche zu spielen?

Herrmann: Viele Kollegen sagen, dass es etwas anderes ist, ob man für jugendliches oder erwachsenes Publikum spielt. Ich sage, das ist nichts anderes. Es gibt gutes Theater und es gibt schlechtes Theater, unabhängig von der Zielgruppe. Ob ich nun Theater für Erwachsene mache oder für Kinder, ich mache Theater für Menschen. Für mich gibt es da keinen Unterschied.

Als Sie sich entschieden haben, Schauspieler zu werden, hatten Sie da eine Vorstellung, in welche Richtung Sie gehen wollten?

Herrmann: Ich bin relativ blauäugig Schauspieler geworden und habe damals alles einfach auf mich zukommen lassen, was aus heutiger Sicht sicher etwas naiv war. Während meiner Ausbildung und den ersten Auftritten in Stuttgart habe ich dann bemerkt, dass die Bühne für mich ein faszinierender, ein magischer Ort ist. Kamen dann Anfragen vom Fernsehen, hatte ich immer gerade ein festes Engagement. Wenn man dann solche Anfragen mehrmals aus Zeitgründen ablehnen muss, dann kommen irgendwann auch keine Anfragen mehr. Was ich aber überhaupt nicht schlimm finde, denn mein Herzblut hängt doch sehr am Theater.

Wir müssen noch über Corona sprechen. Welche Auswirkungen hat dieser Lockdown für Sie alle?

Herrmann: Wir haben am Theater Kurzarbeit. Einkommensverluste sollen so weit wie möglich aufgefangen werden, da das Kurzarbeitergeld allein kaum für den Lebensunterhalt reicht. Mit unserem ‚Open Stage’-Projekt versuchen wir, trotz theaterfreier Zeit, Kindern und Jugendlichen ein Stück weit Theater nach Hause zu bringen. Im Übrigen sind wir dankbar und erfreut über die Vielzahl an Spenden und den Zuspruch, den wir aus der Bevölkerung erhalten.

Wenn das Kontaktverbot aufgehoben wird, kann dann das Theater wieder durchstarten?

Herrmann: Wenn uns das erlaubt wird, denke ich ja.

Dafür drücke ich Ihnen und dem Jungen Theater die Daumen.