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Museumsmeilenfest in Bonn: Lindenstraßen-Erfinder bei Bonner Talkrunde

Museumsmeilenfest in Bonn : Lindenstraßen-Erfinder bei Bonner Talkrunde

Die "Lindenstraße" ist seit 30 Jahren ein fiktionales Abbild der deutschen Gesellschaft. Am Sonntag waren nun Erfinder und Produzent Hans W. Geißendörfer anlässlich des Museumsmeilenfests zu Gast im Haus der Geschichte.

Familienkrisen, Jugendprobleme, Extremismus, Existenzgründungen und -ängste, Krankheit, Leben und Tod: Die "Lindenstraße" ist seit 30 Jahren ein fiktionales Abbild der deutschen Gesellschaft, ein Mikrokosmos im Serien-Format, in dem sich viele Befindlichkeiten der Bundesrepublik widerspiegeln.

Am Sonntag waren nun Erfinder und Produzent Hans W. Geißendörfer sowie vier Schauspieler anlässlich des Museumsmeilenfests zu Gast im Haus der Geschichte, um in zwei Talkrunden mit Blick auf die beiden Sonderausstellungen "Immer bunter. Einwanderungsland Deutschland" und "Schamlos? Sexualmoral im Wandel" von ihren Erfahrungen zu berichten. Und um auf die eigene Historie zurückzublicken.

Tatsächlich irritierte es zunächst ein wenig, dass beim Migrations-Thema mit Hermes Hodolides (in der Lindenstraße Vasily Sarikakis) eigentlich nur ein Schauspieler saß, der in der Serie mit entsprechenden Problemen zu kämpfen hatte.

Amorn Surangkanjanajai (Gung Pham Kien) hätte man noch auf dem Podium erwartet, oder vielleicht Erkan Gündüz (Murat Dagdelen) - stattdessen nahm mit Irene Fischer (Anna Ziegler) eine Dame Platz, die weniger wegen ihrer Rolle als vielmehr wegen ihrer langjährigen Tätigkeit als Drehbuchautorin einiges zu sagen hatte.

Zusammen mit Geißendörfer plauderte sie ein wenig aus dem Nähkästchen und gewährte einen kleinen Einblick in die Entstehung mancher zuvor gezeigter Szenen, während Hodolides, der im Alter von 22 Jahren nach Deutschland kam, schon allein aufgrund seiner Biografie etwas konkreter wurde.

"Ich habe mich hier eigentlich sehr schnell wohlgefühlt und meine zweite Heimat gefunden", sagte er. "Und das trotz so mancher negativer Erfahrungen."

Im "Sex-Talk" ging es dann noch einmal zur Sache. Claus Vinçon (Georg "Käthe" Eschweiler) und Sybille Waury (als Tanja Schildknecht hat sie Beziehungen zu Männern und Frauen gleichermaßen) verwiesen zwar auf einen deutlichen Wandel in der Sexualmoral, stellten aber zugleich eine neuerdings wieder zunehmende Prüderie fest.

Das Zeigen von Homosexualität sei wieder verpönt - und auch die Reaktionen mancher Politiker etwa auf die Ehe für alle spreche Bände, wie Vinçon bemerkte.

Geißendörfer sah dies jedoch weniger als einen zunehmenden Konservatismus als vielmehr eine Reaktion auf zu viel Freiheit, die manchen Menschen im Inneren suspekt sei. Dabei sei jede Einschränkung gerade in der Sexualität tabu. "Liebe ist ein Geschenk, unabhängig vom Geschlecht der jeweiligen Partner", sagte er.

Doch genau diese werde momentan weder vom Gesetz noch der Regierung geachtet, monierte Vinçon. Dafür gäbe es eben die "Lindenstraße". "Ich wünsche mir ja, dass in Zukunft Schwule im Alter gezeigt werden, vielleicht auch eine kleine Regenbogenfamilie. Das fehlt eigentlich noch."

Kurz gefragt

Die "Lindenstraße" ist ein Spiegel der Gesellschaft - das ist zumindest der Anspruch, den die dienstälteste deutsche ARD-Fernsehserie seit nunmehr 30 Jahren pflegt. Beim Besuch im Haus der Geschichte sprach Maximilian Mühlens mit Produzent Hans W. Geißendörfer.

Was fasziniert die deutschen Fernsehzuschauer an einer Serie, die nicht Helden zeigt, sondern Menschen von nebenan?
Hans W. Geißendörfer: Eigentlich genau das. Ich hab ja die Hoffnung, dass die Faszination entsteht, weil die Leute verstehen, dass wir sie ernst nehmen. Unsere Geschichten haben einen hohen Wahrhaftigkeitsanspruch.

Beim Thema Homosexualität war die "Lindenstraße" wegweisend: 1987 zeigte sie als erste deutsche Fernsehserie einen gleichgeschlechtlichen Kuss. Was für Reaktionen erfahren Sie heute?
Geißendörfer: Fast keine negativen mehr. Die schönsten kommen aus der Schwulen- und Lesbenszene, die mir einen großen Respekt entgegenbringen und sagen, wenn ich nicht Ende der 80er Jahre Homosexuelle als genau dieselben Menschen behandelt hättest wie jeden anderen auch, dann wären wir möglicherweise heute noch lange nicht so weit, wie wir heute sind.

Gab es derartige Zwischenfälle auch mit Blick auf die Migranten- und Rassismus-Thematik, die ja immer wieder angesprochen wird?
Geißendörfer: Meine persönliche Erfahrung ist, die Reaktion gegen Multikulti ist wesentlich heftiger als gegen Schwule. Das sind Leute, die organisiert sind und auch schon mal zum Knüppel fassen. Die waren damals und sind auch heute versteckt da - der ein oder andere Schauspieler musste das schon mal erleben. Es ist eine geringe Zahl, aber diese Menschen sind bösartiger und hinterlistiger als ein homophober Priester je sein könnte.

Wie begegnen Sie der Gefahr, dass all die großen und kleinen Tragödien schnell mal ausarten?
Geißendörfer: Alles wird ganz eng an einer Biografie erzählt. Else Kling als linke Kommunistin, das hätte keiner geglaubt. Tanja Schildknecht dagegen ist von der Grundkonzeption her bisexuell, und wir haben jetzt gesagt, sie ist eigentlich Lesbe und will das auch leben. Die Frage ist immer, wie kriege ich einen sozialpolitischen Aspekt so verkauft, dass die Liberalisierung glaubwürdig oder sogar nacherlebbar wird.