Interview zu Architektur: „Es ist unser aller Aufgabe, uns einzumischen“

Interview zu Architektur : „Es ist unser aller Aufgabe, uns einzumischen“

Die Architekten Benedikt Stahl und Florian Kluge sprechen über die Veranstaltungsreihe „Bonner Orte. Anders. Sehen“ und den Anspruch an Stadtplanung. Am Dienstag ist Auftakt im Frankenbad.

Sehen Architekten Orte anders, oder wie ist der Titel zustande gekommen?

Florian Kluge: Ich glaube schon, dass Architekten einen anderen Blick haben, aber so ist der Titel nicht zustande gekommen. Wir würden gerne mit anderen Augen und mit anderen Menschen auf Bonner Projekte, Bonner Ideen und Bonner Grundstücke schauen. Dazu laden wir Leute ein, die Beispiele außerhalb von Bonn mitbringen, um nicht immer im selben Sud zu kochen. Wenn wir über das Frankenbad diskutieren – und das tun die Bonner ja schon lange – kann man vielleicht etwas aus Städten lernen, die bereits Schwimmbäder umgebaut haben.

Benedikt Stahl: Wobei ich die Sache auch noch anders beleuchten könnte. Ja, Architekten sehen Orte anders. Sie werden dafür ausgebildet, und ich meine nicht nur sehen im Sinne von sehen mit den Augen, sondern im Sinne von wahrnehmen, riechen, hören und erleben. Das macht die Gesamtheit eines Ortes aus. Und wenn man gute Architektur und gute Stadtplanung macht, achtet man genau darauf. Architekten sehen oft nur die Ästhetik eines Ortes oder seiner Architektur. Der Blick des Spezialisten hat leider nicht immer zu tun mit der Sicht der Leute, die in der Nachbarschaft wohnen und die Orte anders nutzen oder beleben wollen als die Fachleute.

Welche Rolle spielt das bei der Ringvorlesung?

Stahl: Wir haben auch danach die Orte ausgesucht, um die es geht. Es ist vielleicht sogar das Kernthema: Wenn ich Stadtplanung mache und denke nicht darüber nach, wie man die Räume lebendig nutzen und erleben kann, dann ist es keine gute Stadtplanung. Da sind zum Beispiel denkmalwürdige oder geschützte Orte wie das Frankenbad. Da ist die Frage: Wie geht man damit um? Die anderen Themen finden wir in den Orten entlang der Straßenbahnlinie 18 oder am Rheinufer, das die Stadt sehr prägt.

Kluge: Wir versuchen, auch in der Lehre immer klarzumachen, dass es kein Widerspruch ist – Ästhetik gegen Nutzen –, und dass das eine das andere nicht ausschließt, sondern dass man beides bedenken muss. In der Mitte steht der Mensch: Wer ist der, der da lebt? Ich glaube, das haben wir sehr schön abgebildet, vom ersten Schwimmer im Frankenbad bis zur Montag-Stiftung, die über gemeinwohlorientierte Immobilien nachdenkt, die nicht nur einem Einzelnen viel Geld bringen, sondern den Menschen nutzen, die dort leben und arbeiten.

Haben Sie schon mal eine Vorlesung in der Straßenbahn gehalten?

Kluge: Noch nie, und ich bin auch noch nicht sicher, wie das wird. Wir können auch scheitern. Aber das macht Alanus aus: Dass wir uns trauen, etwas auszuprobieren. Dass wir uns trauen, unter die Menschen zu gehen. Dass wir uns trauen, aus dieser Hochschule rauszugehen. Wir sind das Gegenteil eines Elfenbeinturms. Wir setzen uns mit dem auseinander, was draußen passiert. Bei meinem Lehrschwerpunkt Prozessmanagement und Prozessarchitektur kann man am Anfang nicht immer wissen, was am Ende rauskommt. Das gilt für die Vorlesung in der Linie 18 auch ein bisschen.

Was macht denn diese offenen Prozesse bei Architektur aus?

Kluge: Man versucht, sie für viele Menschen zu öffnen, um Bürgern, Politikern und allen Beteiligten die Möglichkeit zu geben, sich in diesen Prozess einzubringen. Und zwar am besten so, dass es Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß gar nicht gibt. Es soll nicht diese Front geben, die sich verhärten kann, und Leute, die am Ende nicht mehr miteinander reden. Man kann sich auch Berater von außen holen – wie wir das in dieser Vorlesung jetzt auch tun –, um zum Beispiel zu entwickeln, was aus dem Frankenbad entstehen könnte. Man muss sich trauen, in den Prozess reinzugehen, ohne im Hinterkopf schon eine fertige Lösung zu haben. Wir haben alle eine Meinung, das muss man auch nicht verleugnen. Der Moderator hat aber die Pflicht, neutral zu sein. Die Bürger dürfen ihre Meinung haben, aber sie müssen offen sein, sich einzubringen.

Die Ringvorlesung beginnt am Wasser und endet am Wasser, am Rhein...

Stahl: Ich habe ein sehr spezielles Verhältnis zum Rhein, weil er in meiner Arbeit eine große Rolle spielt. Der erste große Auftrag unseres Düsseldorfer Büros war es, einen Teil des dortigen Rheinufers zu gestalten. Ich habe damals viel darüber gelernt, was es heißt, sich als Planer zurückzunehmen, wenn man solch eine Aufgabe hat. Irgendwann sind wir auf die Idee gekommen: Man muss so wenig wie möglich machen. Das, was Qualität hat, ist längst da: der große Fluss, der in majestätischer Ruhe vor sich hin fließt und den Maßstab vorgibt, und die Stadt, die Silhouette. Jetzt muss man überlegen, was man mit den Räumen am Ufer des Flusses anfangen kann und wie man die Stadt mit dem Fluss verbindet. Wenn man die Perlenkette der Städte und Orte am Rhein abgeht, haben sie immer eine andere Qualität, sind stiller, oder herausfordernder und lebendiger. Der Wechsel macht Spaß.

Was soll im Mittelpunkt der Rheinufergeschichten stehen?

Stahl: Es ist geplant, dass wir Orte am Rhein betrachten und darüber im Bonner Rheinpavillon berichten, auch ein ganz besonderer Ort natürlich. Es geht darum, zu beobachten, was in anderen Städte funktioniert und was nicht. Sind die Treppen manchmal zu groß oder zu viele Kneipen da? Man kann daraus lernen und versuchen, es noch ein bisschen besser zu machen, oder eben etwas sehr Ortstypisches einfließen zu lassen.

Wie bringt man die verschiedenen Vorstellungen zusammen?

Stahl: Die Frage ist: Wem gehört die Stadt? Wer bestimmt eigentlich, wie die Stadt aussieht? Man kann nicht alle gleichberechtigt berücksichtigen. Dann wird es keine lebendige Stadt, weil es nicht kontrastreich genug ist. Es wird ein Brei. Zum Beispiel behandeln wir gerade die Studienaufgabe, den Hertersplatz in Alfter zu gestalten. Die eine Fraktion wünscht sich eine italienische Piazza, die andere wünscht sich ganz viele Parkplätze. Das geht nicht, man muss sich entscheiden. Jetzt ist unsere Aufgabe, zu beleuchten, was für Vor- und Nachteile verschiedene Lösungsansätze hätten.

In dieser Region herrscht starker Druck auf dem Wohnungsmarkt. Wo sich eine Nische auftut, wird möglichst viel Wohnraum draufgequetscht. Wie bereitet man die Architekten von morgen darauf vor?

Kluge: Überall hört man, Köln und Bonn platzen aus allen Nähten, aber in Hürth-Hermülheim steht ein ganzer Bahnhof leer. Ein bisschen laut, aber perfekt angeschlossen. Es gibt noch Potenzial, man braucht aber andere Werkzeuge. Wir hatten eine herausragende Projektarbeit, die sich mit dem Thema bezahlbarer Wohnraum beschäftig hat. Wir brauchen abseits des klassischen sozialen Wohnungsbaus, den es ja fast nicht mehr gibt, neue Modelle. Zum Beispiel einen Rohbau hinzustellen, und handwerklich begabte Menschen können sich ihre Wohnung, ihr Büro oder ihren Laden selbst ausbauen, um Geld zu sparen. Es gibt außerdem zu viele Brachen, die aus spekulativen Gründen leerstehen und irgendwann bebaut werden. In der Zwischenzeit – oft viele Jahre – könnte dort aber jemand wohnen.

Stahl: In der letzten Ringvorlesung hat Referent Roland Gruber gesagt: “Ihr jungen Architekten, wenn ihr Aufgaben sucht, dann geht einfach nur raus vor die Tür, und schon sind sie da.„ Er hat Recht. Die Architekten kümmern sich gerne um große, prominent besetzt Wettbewerbe in den Hauptstädten. Kleine Aufgaben sind überall da. Deshalb haben wir nach dem Vortrag zum Beispiel beschlossen, dass wir uns in diesem Jahr einmal viele Alfterer Projekte vornehmen, die unmittelbar erreichbar und bei Weitem nicht weniger spannend sind.

Sind Architekten vom Designer zum Moderator und Prozessbegleiter geworden?

Kluge: Architekten sollten es werden. Es gibt viele Hochschulen, die nach wie vor ausschließlich den klassischen Entwerfer ausbilden. Das ist eine wichtige Kompetenz, aber Architekten brauchen auch die Werkzeuge, um zu moderieren und Prozesse zu gestalten.

Warum wird so oft Einheitsbrei gebaut?

Stahl: Ich frage mich manchmal: Wieso sind Politiker nicht mutiger und bekennen sich zu ihrer Stadt, anstelle das Tafelsilber zu verkaufen? Da muss man manchmal damit rechnen, dass man weniger Grundstücke an Investoren verkauft. Wenn ein Stück Stadt gebaut wird, das steht für 50 oder 100 Jahre. Es braucht einen guten Bürgermeister und gute Politiker, die sich trauen, Stellung zu beziehen und Dinge auch mal unattraktiv für Investoren zu entscheiden. Das passiert zu selten. Nicht zuletzt ist es aber auch unser aller Aufgabe, uns einzumischen, mitzumachen und Verantwortung zu übernehmen!