Spuren längst vergangener Zeiten: Beueler Eisenbahntrajekt taucht im Rhein wieder auf

Spuren längst vergangener Zeiten : Beueler Eisenbahntrajekt taucht im Rhein wieder auf

Das Niedrigwasser des Rheins offenbart im Beueler Süden die Reste des Eisenbahntrajekts – und keinen Römerhafen, wie zunächst angenommen. Es sind die letzten noch vorhandene Spuren der alten Eisenbahntrasse.

Erst wenige Tage ist es her, da hatte der Rhein bei Bonn mit einem Pegelstand von knapp über 80 Zentimetern seinen Tiefststand erreicht und damit Verborgenes freigelegt, was nicht nur die Sprengmittelräumdienste und Schatzsucher, sondern auch die Archäologen vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) sowie der Bonner Universität auf Trab hielt. Manch aufmerksamer Spaziergänger meldete seine Beobachtungen. So auch Peter Schachtschabel, der sich mit einem Foto an den General-Anzeiger wandte. Sein erster Gedanke: Bei den Holzpfeilern, die da plötzlich knapp oberhalb der Südbrücke aus dem Wasser ragten,könnte es sich um Überreste römischer Artefakte handeln.

Zwischen Rheinkilometer 652 und der Südbrücke tauchte bei Niedrigwasser die Formation von Holzpfosten auf. Über einen vermeintlichen Römerhafen unterhalb des Drachenfelses war vor Jahren bereits im benachbarten Königswinter ein Gelehrtenstreit entbrannt – der allerdings zuungunsten des antiken Bauwerks ausging. Gab es ein solches hingegen womöglich nahe Oberkassel? „Der Rhein war ja bekanntlich ein Grenzfluss, und die Römer patrouillierten hier per Schiff“, so Schachtschabel. Und es sei ja bekannt, dass Holz unter Wasser deutlich langsamer verrotte. Anlass genug, sich an Ort und Stelle ein Bild von den in regelmäßiger Abfolge eingerammten Holzpfählen zu machen.

Trupp von Archäologen nutzt Niedrigwasser

Manuela Mirschenz leitet als Archäologin das Forschungsprojekt „Der Rhein als europäische Verkehrsachse“ der Universität Bonn und beschäftigt sich im Rahmen interdisziplinären Vorgehens mit „Häfen von der Römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter“. Das Foto von Peter Schachtschabel sei „ganz großartig“, so die Fachfrau. Aufgrund des Niedrigwassers war bereits ein Trupp von Archäologen des Amts für Boden- und Denkmalpflege um Christoph Keller am Rhein unterwegs und konnte dabei auch noch die Pfahlreihe bei Kilometer 652 untersuchen, bevor sie wieder im Rheinwasser verschwand. Mit einem Abgleich durch das LVR-Informationssystem „Kultur, Landschaft, Digital“ (www.kuladig.de), einer Datenbank über historische Kulturlandschaften im Rheinland, musste Keller die These des Lesers aber widerlegen: Nach Aussage des Experten zeigt sein Foto die letzten noch vorhandene Spuren einer alten Eisenbahntrasse, die über den Rhein führte. „Doch nur weil das Fundstück eine andere Epoche betrifft, ist es nicht weniger interessant“, so Mirschenz. 1856 hatte die Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft die Genehmigung für den Bau einer linksrheinischen Bahnstrecke von Bonn nach Bingerbrück erhalten.

Es war die Fortsetzung der Strecke der ehemaligen Bonn-Cölner Eisenbahn, die bereits 1855 bis Rolandswerth eröffnet worden war. Die Eisenbahngesellschaft sollte die Konzession für eine angestrebte rechtsrheinische Eisenbahntrasse nur erhalten, wenn sie sich zu einer Abzweigung nach Bonn mittels Trajekt (Eisenbahnfährverbindung) zum Anschluss an die linksrheinische Eisenbahn bereit erklärte. Die Fährverbindung war je nach Wasserstand bis zu 560 Meter lang und lag schräg zum Rhein. Die Seile waren auf der Oberkasseler Seite fest verankert und endeten auf der Bonner Seite in Spannhäusern. Sie lagen durch ihr Eigengewicht auf dem Grund des Rheins und behinderten somit nicht die Schifffahrt.

Weil die Lokomotiven zu schwer für die Flussüberquerung waren, drückten sie die Züge auf die Fähren und blieben am Ufer zurück. 1919 wurde der Fährbetrieb eingestellt. Auf der rechten Rheinseite ist die Eisenbahntrasse im Gelände noch ablesbar. Der Ende der 1950er Jahre als Werft genutzte Trajektkopf ist in der halbkreisförmigen Uferausmauerung aus Basalt zu erkennen. Der linksrheinische Anleger wird erst wieder bei einem nächsten extremen Niedrigwasser zu besichtigen sein.

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