23. Juni 1963

Vor 50 Jahren besuchte John F. Kennedy Bonn

BONN. An jenem Sonntag, den 23. Juni 1963, ist jede noch so profane Sachstandsmeldung eine begehrte Nachricht. "13.05 Uhr: Standort der Kolonne Höhe Godorf. 13.10 Uhr: Wesseling ist passiert." Dann: "13.17 Uhr: Urfeld ist erreicht." Mit 65 Kilometer in der Stunde nähert sich die Kolonne Bonn.

Der große Augenblick rückt näher. Die Wolkendecke reißt auf, die Sonne scheint vom Himmel. 13.26 Uhr: "Die Leichtmetallwerke sind erreicht. Mister President befindet sich auf Bonner Boden", tickern die Nachrichtenagenturen. Es ist soweit, Feuerwerker Hans Hein steht bereit. Zwei Minuten später: "Alles winkt, Feuerwerker Hein löst den Kanonenschlag.

Zwei Feuerwerkskugeln steigen 120 Meter hoch in den nun strahlend blauen Himmel. Die Flaggen der USA und Deutschlands entfalten sich gerade, als die Kolonne in den Verteilerkreis einbiegt. Voran ein Fernsehwagen mit hohem Gerüst. Schwitzende Männer kurbeln."Bonn im Ausnahmezustand. John Fitzgerald Kennedy, 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, besucht die Hauptstadt.

Und ganz Bonn ist auf den Straßen unterwegs und bereitet dem Präsidenten einen begeisterten Empfang. "Die Menge stürmt die grüne Insel in der Mitte des Verteilerkreises. Die Polizisten sind machtlos", schreibt der GA. Die Bonner sind Besuche hoher Staatsgäste gewohnt, aber Kennedy ist nicht irgendein Besucher. Er ist ein Symbol für eine neue Zeit, für Jugendlichkeit und Aufbruch.

Viele verbinden große Hoffnungen mit ihm, sehen ihn als einen positiven Gegenentwurf zum 87-jährigen Bundeskanzler Konrad Adenauer, mit dem er im offenen Wagen stehend durch Bonn fährt, der Bundeskanzler lachend und "kerzengrade", der eigentlich eher kränkliche Kennedy von einem Korsett gestützt.

[kein Linktext vorhanden]Auch für Wilfried Schumacher, heute Stadtdechant von Bonn, war Kennedy Symbol für eine andere Zukunft. "Als junger Mensch spürte man, dass Adenauer die Vergangenheit ist, Kennedy symbolisierte Aufbruch, Neues, Zukunft und Jugendlichkeit", meint Schumacher.

13 Jahre war er alt und Schüler der Gottfried-Kinkel-Realschule, als der amerikanische Präsident Bonn besuchte. Und auch er stand am Wegesrand und jubelte dem Amerikaner zu. "Ich stand im Bereich Stockenstraße, auf den Marktplatz kam ich nicht mehr, der war voll, das hat mich geärgert", berichtet Schumacher.

Sein Vater Wilhelm Blankenheim, damals Stadtverordneter in Bonn, war näher dran, er stand mit Kennedy auf der Rathaustreppe, wo der Präsident sich in das Goldene Buch der Stadt Bonn eintrug. Warum das Buch golden ist, wollen die amerikanischen Korrespondenten wissen und "Warum ist das Rathaus rosarot?", schreibt der General Anzeiger.

Auf Sonderseiten berichtet er über den Staatsbesuch. "Oberbürgermeister Daniels hieß Kennedy am Fuß der Rathaustreppe willkommen und geleitete ihn die Stufen hinauf. Immer wieder winkte der braungebrannte Präsident, immer wieder schwoll der Jubel an", schreibt der GA. Daniels, natürlich mit Amtskette, dankt dem Präsidenten für die Hilfe Amerikas in Notzeiten.

Und er schenkt dem Präsidenten, wie bei den meisten Staatsbesuchen, Schallplatten von den neun Symphonien Beethovens. 25.000 Bonner stehen auf dem Marktplatz, als Kennedy sich für den begeisterten Empfang bedankt. "Ich grüße Sie", ruft Kennedy den Bonnern zu, allerdings auf Englisch. Den historischen Satz auf Deutsch spart er sich für die heutige Hauptstadt auf.

Kennedy trägt sich in das Goldene Buch ein. Nach ihm werde das noch die Präsidenten Richard Nixon (26.2.1969), Jimmy Carter (14.7.1978) und Bill Clinton am 20. Juni 1999 machen. Ein Mann ist auf der Rathaustreppe mit dabei, als Kennedy sich in das Buch einträgt: Heinz Engels, damals Fotograf für den General Anzeiger. "Ich durfte nah ran, weil ich die Bodyguards kannte", erinnert sich Engels.

Den Personenschutz übernahmen damals noch Bonner Polizeikräfte, die Männer vom 14. Kriminalkommissariat, "14 K" nennt Engels sie nur. Anstrengend sei es gewesen, sich in der Hitze durch die Menschenmenge zu drängen, immer neben dem Auto her und immer wieder weggeschubst zu werden.

Engels drückt auch auf den Auslöser, als Kennedy am Stern Kino vorbeifährt, wo er sich nach dem Filmplakat für "Patrouillenboot PT 109" umdreht, die "Wahre Geschichte von Leutnant John F. Kennedy", wie das Plakat verspricht. Eine kleine Aufmerksamkeit für den hohen Gast.

Vom Marktplatz geht es nach Bad Godesberg, dort begrüßt der Präsident in Plittersdorf die amerikanischen Botschaftsangehörigen. "Etwas abgespannt" habe Kennedy an der Residenz des US-Gesandten seinen "luftigen Standplatz im offenen Wagen" verlassen, schreibt der Reporter.

Kennedys Schwester Eunice Shriver besuchte derweil ein Heim für geistig und körperlich behinderte Kinder in Graurheindorf. Beim "Herrenessen" im Palais Schaumburg gab es dann am Abend Forelle, Schwalbennestersuppe und Ente. In Zweierreihen Hand in Hand machen sich auch die Erzieherinnen und Kinder des Katholischen Kindergartens Plittersdorf an diesem 23. Juni auf den Weg, um dem Präsidenten mit kleinen Stars & Stripes Papierfähnchen zuzujubeln.

Mit dabei ist Cem Akalin, heute Reporter des General Anzeigers. "Wir sind im Tross hingelaufen, ich glaube da hin, wo heute die Kennedyallee ist", erzählt Akalin. An viel erinnert er sich nicht. "Aber an eins erinnere ich mich: Ich muss so beeindruckt gewesen sein, dass ich richtig geheult habe, als ich hörte, dass er erschossen wurde."

Wenige Monate nach seinem Besuch in Bonn stirbt Kennedy nach dem Attentat in Dallas. Er saß in einem offenen Auto, als er erschossen wurde. Dass ein amerikanischer Präsident im offenen Wagen durch eine Menschenmenge fährt, Pressefotografen wegen guter Kontakte zur Polizei unmittelbar an ihn rankommen oder Zeitungen im Vorfeld des Besuchs minuziös Zeitplan und Besuchsprogramm veröffentlichen, das alles ist heute undenkbar.

Was von Kennedys Besuch bleibt, ist ein Stück des roten Teppichs, der damals anlässlich seines Besuchs auf dem Köln-Bonner Flughafen ausgerollt wurde, und den man sich heute im Haus der Geschichte ansehen kann. Und eine Rheinbrücke, die zu Ehren des amerikanischen Präsidenten seinen Namen trägt.

"Das Vermächtnis seines Bonner Besuchs im Sommer 1963 sollte nicht nur in der nachträglichen Benennung der mittleren der drei Rheinbrücken bestehen, sondern vielmehr in dem klaren Bekenntnis beider Seiten zur amerikanisch-deutschen Partnerschaft - ungeachtet aller welt- und europapolitischen Veränderungen", sagt Professor Volker Kronenberg, Politikwissenschaftler an der Uni Bonn.

"Dass Kennedy politisch nicht nur ein ,Berliner' sondern ebenso ein ,Bonner', ein Deutscher, sein wollte, symbolisierte sein Besuch des Regierungssitzes am Rhein. Das Fremdeln mit Konrad Adenauer wurde durch eine jubelnde Bonner Bevölkerung wettgemacht."