Bonner Politiker-Familie Hupka: Die Geschichte einer Tragödie

Bonner Politiker-Familie Hupka : Die Geschichte einer Tragödie

Ein Urnengrab auf dem Nordfriedhof ist alles, was in Bonn von der einst prominenten Familie des Vertriebenen-Funktionärs Herbert Hupka übriggeblieben ist.

Das Wort "Grabstein" wäre ein unangemessener Euphemismus. Denn das schmucklose steinerne Quadrat misst mal eben 35 mal 35 Zentimeter und ist bündig mit der Grasnarbe in die Wiese gehämmert, damit die Sitzrasenmäher der Friedhofsverwaltung ungehindert darüber hinweg rattern können. Deshalb sollen hier auch keine Blumen oder andere Attribute der Beileidsbezeugung platziert werden.

Inge B. (Name geändert) tut es trotzdem. Das sei sie der Verstorbenen schuldig, sagt sie. Auch heute hat sie Blumen mitgebracht. Hier, auf der Wiese im hintersten Winkel des 27 Hektar großen Bonner Nordfriedhofs, weit weg vom Ehrenmal der Bundesrepublik Deutschland, wo Staatsgäste zu Hauptstadt-Zeiten ihre Kränze niederlegten, bestattet das Ordnungsamt der Stadt Bonn auf kostengünstige Weise jene verstorbenen Bürgerinnen und Bürger, deren Anverwandte sich nicht um das letzte Geleit kümmern können oder kümmern wollen.

"Pflegefreie Reihengräber" heißt das in § 14 Absatz 2a der "Satzung über das Friedhofs- und Begräbniswesen der Bundesstadt Bonn"; im Fachjargon der Bestattungsunternehmer heißt das "Urnengrab pur". Auf dem steinernen Quadrat, das Inge B. und sonst niemand regelmäßig besucht, steht: "Eva Hupka *10.8.1931 +14.8.2012". Mehr nicht.

Das Todesdatum haben die Behörden so festgelegt. Gestorben ist die als Eva Zink geborene und katholisch getaufte Münchnerin wesentlich früher, lange vor ihrem 81. Geburtstag, hat die Rechtsmedizin der Bonner Universität festgestellt. Wochenlang hat sie tot in ihrer Wohnung in der Lessingstraße 26 in der Bonner Südstadt gelegen, bis die Nachbarn in der Erdgeschosswohnung des Gründerzeithauses sich beim Ordnungsamt über den penetranten Geruch aus der ersten Etage beschwerten.

Man liest das immer wieder, dass einsame alte Menschen in ihren Wohnungen sterben, und niemand bemerkt es, weil niemand sie vermisst. Aber Eva Hupka wohnte gar nicht alleine. Sie lebte mit ihrem Sohn Thomas zusammen in der Wohnung, seit ihr Mann Herbert am 24. August 2006 an den Folgen eines Treppensturzes gestorben war.

Thomas Hupka erklärte den vom Ordnungsamt alarmierten Polizeibeamten lakonisch, dass seine Mutter irgendwann während der Fußball-EM gestorben sei. Die begann am 8. Juni und endete am 1. Juli. Die Wohnung in der Lessingstraße befand sich in einem völlig verwahrlosten Zustand, notierten die Beamten unter dem Aktenzeichen 910UJS1126/12.

Das Ergebnis der rechtsmedizinischen Obduktion: keine Anzeichen äußerer Gewalteinwirkung; aber ein Lungenkarzinom, das seit der Diagnose im Jahr 2009 nicht mehr ärztlich behandelt worden war. Lungenkrebs ohne medizinische Betreuung: was für ein schmerzvoller, qualvoller Tod.

Als die Leiche schließlich freigegeben wurde, war Thomas Hupka spurlos verschwunden. Also übernahm das zuständige städtische Ordnungsamt am 17. September vergangenen Jahres die Bestattung. Im Interesse der Kostenübernahme versuchte die Stadtverwaltung, den neuen Aufenthaltsort des Sohnes zu ermitteln. Aber der 53-jährige Thomas Hupka, der schon in der Bonner Lessingstraße nicht ordnungsgemäß gemeldet war, hat sich bis heute auch bei keinem anderen Einwohnermeldeamt Deutschlands registrieren lassen.

Ihren Mann Herbert Hupka, von 1968 bis 2000 Präsident der Landsmannschaft Schlesien und von 1969 bis 1987 Mitglied des Deutschen Bundestages, hatte Eva Hupka nach dessen Tod im August 2006 in München standesgemäß beisetzen lassen, verbunden mit dem Wunsch, ebenfalls in diesem Grab, bei ihrem geliebten Mann, in ihrer geliebten Heimatstadt bestattet zu werden, wenn ihr eines Tages etwas zustoße.

Im München der Nachkriegszeit hatte sie den promovierten Historiker und Germanisten kennengelernt, als der dort als Radiojournalist beim Bayerischen Rundfunk arbeitete. Sein politisches Engagement als Vertriebenenfunktionär und schließlich als Bundestagsabgeordneter erforderte Ende der 60er Jahre den Umzug der Familie nach Bonn.

Sohn Thomas legte sein Abitur am Beethoven-Gymnasium ab. Bald galt der Student als hoffnungsvolles Nachwuchstalent der Bonner Christdemokraten, wurde 1986 erneut in den Vorstand des Kreisverbandes gewählt - obwohl der Bonner CDU-Chef Alo Hauser nur vier Jahre zuvor, beim Parteitag im Mai 1982, als dem JU-Vorsitzenden Wahlmanipulation in der Jungen Union vorgeworfen wurde, öffentlich verkündete: "Thomas Hupka hat sich parteischädigend verhalten."

Die Parteischädigung erreichte vier Jahre später ungeahnte Ausmaße, als Thomas Hupka im August 1986 verhaftet wurde. Der 26-Jährige hatte den Briefkopf sowie die Unterschrift des damaligen CDU-Bundesgeschäftsführers Peter Radunski gefälscht und auf diesem Weg das Konto der Bundespartei um 120.000 Mark erleichtert. Das Geld ließ er sich von einem Kurierfahrer der Kölner Hausbank der Christdemokraten in ein Königswinterer Hotel liefern und öffnete die Zimmertür splitterfasernackt - in der Hoffnung, durch den Überraschungseffekt könne sich der Kurier später als Zeuge nicht an das Gesicht des Betrügers erinnern.

Weitere Ergebnisse der Ermittlungen: Der 26-jährige Student lebte über seinen finanziellen Verhältnissen auf großem Fuße, unterhielt mehrere Wohnsitze unter anderem in Unkel und Buschhoven, gab sich als Generalsekretär diverser, von ihm selbst gegründeter Gesellschaften aus, gab als Verlagssitz seiner Zeitschrift namens "Bonner Themen" die elterliche Wohnung in der Lessingstraße an - und war bis zur Halskrause bei insgesamt zehn Banken verschuldet.

Der redegewandte Angeklagte wurde vom Bonner Landgericht wegen Betrugs und Urkundenfälschung zu 15 Monaten Freiheitsentzug verurteilt. "Trotz großer Bedenken" setzte das Gericht die Haft zur Bewährung aus - wohl auch, so schilderten Prozessbeobachter, weil der prominente Vater inständig um Milde bat und den entstandenen Schaden bereits vollständig beglichen hatte.

Nur zwei Jahre später wurde Thomas Hupka von gleich mehreren deutschen Justizbehörden per Haftbefehl gesucht - und landete schließlich wegen Betruges im Gefängnis. "Das hat dem Herrn Doktor Hupka das Herz gebrochen", erinnert sich Inge B. "Aber die Eva Hupka hielt immer zu ihrem Sohn, ihrem einzigen Kind. Sie nahm ihn immer in Schutz. Sie war eben ein sehr liebenswürdiger und weichherziger Mensch."

Inge B. hatte 16 Jahre lang, seit 1972, als Schreibkraft und Sekretärin für den Bundestagsabgeordneten Herbert Hupka gearbeitet. "Er war geradlinig, aufrecht, sehr streng und verlangte viel, auch von sich selbst", schildert sie ihren einstigen Arbeitgeber.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag traf sich Herbert Hupka mit seinen ehemaligen Mitarbeitern regelmäßig zum Stammtisch in Bonner Gaststätten. Nach seinem Tod 2006 legte die Witwe großen Wert darauf, diese Tradition fortzusetzen.

Umso erstaunter war Inge B., als zum vereinbarten Treffen bald nach Eva Hupkas 80. Geburtstag im August 2011 nicht das Geburtstagskind, sondern Sohn Thomas erschien, den Blumenstrauß entgegennahm und ohne Angaben von Gründen, aber auch ohne jegliche Gefühlsregung mitteilte, dass seine Mutter nicht komme.

Eva Hupka erschien nie wieder zu diesen Treffen. Ein Jahr lang versuchten Inge B. und andere vergeblich, die Witwe ihres ehemaligen Chefs zu erreichen. Aber der Sohn wimmelte alle Kontaktversuche beharrlich ab.

Nur durch einen Zufall erfuhr Inge B. im Lauf des Herbstes 2012, dass Eva Hupka inzwischen gestorben war. Das ging auch der Landsmannschaft Schlesien so: Im Sommer 2012 erschien dort Thomas Hupka zu einem Fest im Haus Schlesien in Königswinter-Heisterbacherrott und nahm fröhlich die guten Wünsche für Eva Hupka entgegen - wohl wissend, dass seine Mutter da schon tot in der gemeinsamen Wohnung lag.

Inge B. wandte sich in diesem Frühjahr in ihrer Not an den General-Anzeiger, der ihr riet, ihre Beobachtungen seit dem 80. Geburtstag im Sommer 2011 unbedingt der Polizei mitzuteilen.

Kürzlich wurde sie von einem Bonner Kripobeamten befragt. Der sagte ihr am Ende der Befragung, ihre Aussage sei nicht geeignet, weitere Ermittlungen auszulösen. Man sähe deshalb auch keinerlei Veranlassung, nach Thomas Hupka zu suchen.

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