Gespräch am Wochenende: Pantomime aus Köln stellt Jesus dar

Gespräch am Wochenende : Pantomime aus Köln stellt Jesus dar

Der Pantomime Milan Sládek hält die Kunstform der Pantomime für unterschätzt. Am Freitag, 29. März, zeigt er in Swisttal-Buschhoven eine Performance: den Kreuzweg Jesu.

An fröhliche Musik und Schwarzweißfilme denken wohl viele, wenn sie das Wort Pantomime hören. Dass die Kunstform facettenreicher ist, als sie auf den ersten Blick scheint, zeigt Milan Sládek mit seiner pantomimischen Darstellung des Leidenswegs Jesu Christi. Sládek gilt als Meister seines Fachs. sprach mit ihm über die Kreuzweg-Interpretation, die Zukunft der Pantomime und darüber, wie unterschätzt die Kunstform ist.

Pantomime und der Leidensweg Jesu sind zwei Themen, die zunächst nicht recht zusammen passen wollen. Warum tun Sie das dennoch?

Milan Sládek: Das hat für mich erst auch nicht zusammengepasst. Als ich das Angebot bekommen habe, Jesus in seinem letzten Lebensabschnitt darzustellen, habe ich Nein gesagt. Aber als ich die dazu passende Musik, Marcel Duprés „Le Chemin de la Croix“, gehört habe, war ich begeistert. Die Musik ist sehr narrativ und ausdrucksvoll. Die passenden Bilder dazu haben sich von alleine ergeben. Aber Sie haben Recht: Selbst Priester konnten sich das zunächst nicht vorstellen.

Wie ist die Idee entstanden, den Kreuzweg pantomimisch darzustellen?

Sládek: Die Idee kam vom Düsseldorfer Organisten Wolfgang Abendroth. In drei Monaten Arbeit habe ich dann die Musik dechiffriert und dabei ist eine interessante Geschichte entstanden. Das war vor zehn Jahren. Nach drei Aufführungen dachte ich, dass ich das nie mehr machen möchte, weil ich mir komisch vorkam, mit dieser Geschichte Geld zu verdienen. Aber jemand hat mir gesagt: „Warum denn, auch Johann Sebastian Bach hat mit solchen Geschichten Geld verdient.“

Pantomime wird häufig eher mit Comedy verbunden. Glauben Sie, die Leute unterschätzen die Vielfalt dieser Kunst?

Sládek: So ist es. Man sagt vielleicht, diese Kunst ist altmodisch oder existiert nicht mehr. Ich denke, es ist umgekehrt. Wenn etwa im Theater das Literarische zu stark ist und die Schauspieler nur Darsteller der Texte eines Schriftstellers sind, da ist die Körpersprache wie bei der Pantomime enorm wichtig.

Forscher sagen, dass nur etwa 30 Prozent unserer Kommunikation verbal und 70 Prozent nonverbal geschieht. Das Verbale können wir kontrollieren, das Nonverbale kommt automatisch. Wenn man das kontrollieren möchte, muss man sich selbst sehr gut kennen. Für mich ist Pantomime die reinste schauspielerische Kunst.

Warum sind Sie Pantomime geworden?

Sládek: Ich bin gelernter Holzschnitzer und bei uns in der Schule hatten wir eine kleine Bibliothek. Da gab es ein sehr schönes Buch über den Pantomimen Jean-Gaspard Deburau, der die klassische Bühnenfigur Pierrot im 19. Jahrhundert modernisiert hat. Das hatte ich mir zufällig ausgeliehen und war dann darin verloren.

Deburau war auch wichtig für den Beginn des Stummfilms, er hat zum Beispiel die berühmten Tortenschlachten erfunden. Das erste Mal gesehen habe ich Pantomime im Film „Kinder des Olymp“. Danach war klar, dass es für mich nichts außer dieser Kunst geben wird.

Sie leben in Köln, sind aber häufig auch in Bratislava in der Slowakei. Wie unterscheidet sich das Leben in den beiden Städten?

Sládek: Das erste Mal bin ich 1965 in Köln gewesen. Da habe ich schon eine gewisse Ähnlichkeit festgestellt. Hier haben wir den Rhein, in Bratislava die Donau. Beide sind alte Städte mit viel Geschichte. Köln ist eine sehr lebenslustige und lockere Stadt und das hat mich sehr an Bratislava erinnert. Es war also kein Problem für mich umzusiedeln.

Was macht einen guten Pantomimen aus?

Sládek: Ein griechischer Schriftsteller hat mal geschrieben, dass ein Pantomime Talent haben, beweglich wie ein Tänzer sein und sich in Philosophie, Geschichte und Religion auskennen muss. Und er muss hübsch sein. Also dieser letzte Punkt, da bin ich mir bei mir nicht so sicher (lacht).

Es ist eine Kunst, bei der man sich ständig entwickeln und offen für neue Erkenntnisse sein muss. Körpersprache ist natürlich wichtig. Ich habe schon Manager und einen Dirigenten unterrichtet und gezeigt, wie sie sich bewegen sollten. Für mich spielt auch bildliche Kunst eine große Rolle: Auf der Bühne fühle ich mich wie eine Statue in Bewegung.

Sie sind mit Ihrer Kunst auf der ganzen Welt aufgetreten. Gab es einen Ort, der Sie besonders begeistert hat?

Sládek: Nachdem ich 1976 ein Festival hier organisiert hatte, hat mich das Goethe-Institut angesprochen. Dadurch konnte ich meine Kunst in vielen Ländern zeigen. Da habe ich gesehen, dass gut gemachte Pantomime auf der ganzen Welt sehr populär ist. Fasziniert haben mich zum Beispiel die indischen Tänze. Dann kam ich nach Indonesien und dieses Land hat mich verzaubert.

Die traditionellen indonesischen Maskentänze sind eigentlich reine Pantomime, sie stellen auch Geschichten dar. Ich habe dort auch unterrichtet und daraus ist eine Pantomimegruppe entstanden. Einer der Gründer der Gruppe ist ein berühmter Schauspieler geworden und hat gesagt, seine Inspiration kommt von mir. Was mich sehr gefreut hat ist, dass sie nicht meine Kopien waren, sondern eigene Stile entwickelt haben.

Hat die Pantomime eine Zukunft?

Sládek: Hätten alle Picasso imitiert, dann hätten wir nur Picasso. Wenn man einmal sieht, wie jemand eine Wand darstellt ist man begeistert, aber ein zweites Mal ist man schon gelangweilt. Ich hatte keine Angst vor Kombinationen mit anderen Theatergattungen.

Ich liebe zum Beispiel Puppentheater oder Maskenspiel. Als ich in Seoul den Figaro inszeniert habe, habe ich mich entschlossen, Puppen hinzuzufügen. Man muss die Zuschauer immer überraschen. Es gibt immer noch viele Möglichkeiten darzustellen, dass die Pantomime eine sehr breite Kunst ist.

Warum sollten sich die Menschen Pantomime anschauen?

Sládek: Ich merke, dass die Leute wirklich begeistert nach Hause gehen. Es ist nicht nur eine passive Betrachtung. Die Zuschauer beteiligen sich mit ihren Erfahrungen an dem, was sie auf der Bühne sehen. Es ist sehr intensiv. Es passiert ganz viel zwischen dem Pantomimen und dem Publikum; das ist faszinierend.

Nach den Kreuzweg-Aufführungen kommen die Leute sich teilweise mit Tränen in den Augen bedanken oder auch mit einem Lächeln, weil man ihnen vielleicht irgendwie Hoffnung gibt. Pantomime ist eine Kombination aus Rationalem und Emotionalem.

Sie sind 81 Jahre alt. Wie lange möchten Sie noch auf der Bühne stehen? Das ist doch körperlich durchaus anstrengend.

Sládek: Ist es! Ich weiß nicht wie lange noch, aber es macht mir immer noch Spaß. Ich bin selber eigentlich ziemlich kritisch. Es ist nicht so, dass ich die Bühne nicht verlassen kann, aber ich entdecke immer noch neue Möglichkeiten und sehe, dass die Zuschauer immer noch sehr gut mitgehen. Es ist abhängig davon, wie sich die Situation entwickelt.

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