Stadtgeschichte von Rheinbach: Die Facharbeit mahnt zum Gedenken

Stadtgeschichte von Rheinbach : Die Facharbeit mahnt zum Gedenken

Der Rheinbacher Gymnasiast Leonard Gibalowski beschäftigte sich mit dem Schicksal der drei ermordeten ukrainischen Zwangsarbeiter. Sie waren noch keine 18 Jahre alt.

Das Schicksal von drei jungen Männern, die vor 73 Jahren in Rheinbach den Tod gefunden haben, bewegt Leonard Gibalowski (17), Schüler des St. Joseph-Gymnasiums in Rheinbach, derart, dass er dem kaltblütig an einem kalten Januartag 1945 ermordeten Trio seine Facharbeit im Fach Geschichte widmet. Der junge Gymnasiast möchte herausfinden, wie die minderjährigen ukrainischen Zwangsarbeiter, die wegen einer Nichtigkeit zum Tode verurteilt werden, in Rheinbach gelebt haben – und wie die Täter aus den Reihen der Nationalsozialisten zur Rechenschaft gezogen worden sind.

Vis-à-vis von Leonards Schulgebäude existiert seit Oktober vergangenen Jahres im Stadtpark eine Gedenkstätte. Genau an dem Ort, an dem die erschütternde Hinrichtung ohne vorherigen Prozess geschieht. Peter Spaak, Wladislaus Talzschaview und Wladislaw Dedjarew, alle drei unter 18 Jahre alt, werden am 26. Januar 1945 gehängt: Sie waren gesehen worden, beim Trümmerräumen eine Damenstrickjacke und einige Flaschen Wein aus einem zerstörten Haus mitgenommen zu haben. „Das Denkmal im Stadtpark ist mir schon bekannt gewesen und ich habe auch schon das ein oder andere über den Vorfall gehört“, berichtet Leonard Gibalowski bei der Vorstellung der Facharbeit im Rheinbacher Rathaus. „Aber Genaueres dazu habe ich erst durch meine Auseinandersetzung mit dem Thema erfahren.“

Detailliert schildert Gibalowski die letzten Stunden der drei Zwangsarbeiter, die auf drei Bauernhöfen in der Kernstadt arbeiten. Peter Spaak lebt bei der Bauernfamilie Mahlberg an der Pützstraße, Wladislaw Dedjarew ist bei der Bauernfamilie Horst an der Hauptstraße auf Höhe der heutigen Raiffeisenbank untergekommen. Wladislaus Talzschaview arbeitet auf dem Bauernhof Scheben, der an der Polligstraße liegt, wo heute das Glasmuseum steht. Von ihren Dienstherrn erhalten sie den Auftrag, nach Luftangriffen Trümmer zu beseitigen. Nachbarn beobachten, wie das Trio die gefundene Damenstrickjacke und die Weinflaschen in einem Jauchefass am Himmeroder Wall und in einer Dreschmaschine verstecken.

Kallenturm als Gefängnis

Am Mittwoch, 24. Januar, berichtet Peter Spaak dem Landwirt Hubert Mahlberg, bei dem er wohnt, dass Polizeimeister Johannes „Jean“ Schmitz ihn wegen der denunzierenden Anschuldigungen befragt hat. Um 10 Uhr erscheint Hilfspolizist Michael Breuer, um Spaak mit den Worten, dass ihm dies „den Kopf kosten“ könne, abzuführen.

Zusammen mit den beiden anderen Ukrainern kommt der Jugendliche in den Kallenturm, der seit dem 19. Jahrhundert als Gefängnis genutzt wird. Als die Familie Mahlberg den Inhaftierten Essen bringen will, werden sie von Schmitz zurückgewiesen. Sie sollten den „Verbrechern“ nicht helfen, sonst drohen Strafen. Und Schmitz fügte hinzu: „Und wenn es nach mir geht, werden alle drei da, wo sie die Tat vollbracht haben, aufgehängt und bleiben 14 Tage zum Gespött auch hängen.“

Einen Tag später, am Donnerstag, 25. Januar 1945, erfährt die Familie Horst, dass Bürgermeister Josef Wiertz, zugleich Ortsgruppenleiter der NSDAP, und Polizeimeister Schmitz, der stellvertretender NSDAP-Ortsgruppenleiter ist, bereits das Todesurteil über die Drei gefällt haben, ohne dass die Gestapo von dieser Entscheidung wusste. Ein Verfahren habe Schmitz „zu lange gedauert“. Denn: „Wenn die nicht kommen, hänge ich selbst auf.“ Landwirt Mahlberg versucht, Wiertz von der Bestrafung abzuhalten – jedoch ohne Erfolg.

Am Morgen des Freitags, 26. Januar, werden die drei Jugendlichen zu ihrer Hinrichtungsstelle, zur alten Esche im Stadtpark am Gräbbach geführt. Der Galgen entsteht mit einem Balken zwischen Astgabeln der Esche und einem Baum daneben. Die drei jungen Ukrainer stehen mit einem Seil um den Hals auf drei Schemeln, die laut Zeitzeugenaussage Polizeimeister Schmitz wegtritt, um den Tod durch Strangulieren herbeizuführen.

Rund 150 Zwangsarbeiter aus der Umgebung müssen dem schaurigen Schauspiel zur Abschreckung beiwohnen. Wie Gibalowski in seiner Schlussbetrachtung kritisch anmerkt, ist für diese Willkürtat kurz vor Kriegsende keiner der Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen worden. Unbeantwortet bleibt eine rhetorische Frage des 17 Jahre alten Schülers: „Warum haben die Verantwortlichen der Entnazifizierungsverfahren diese anscheinend nur halbherzig geführt? Warum entschieden sich die Richter für die Entlastung der Täter trotz schwerwiegender Vorwürfe?“

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