Geschenk für Franziskus: Rhöndorfer widmet dem Papst ein Marmor-Kreuz

Geschenk für Franziskus : Rhöndorfer widmet dem Papst ein Marmor-Kreuz

Bildhauer Dirk Wilhelm hatte eine Idee, die er zwei Jahre lang unbeirrt verfolgte: Er schuf ein Kreuz in einer eleganten, aber schlichten Form, die die Persönlichkeit des Papstes spiegeln sollte. Und er reiste in den Vatikan, um es persönlich bei der Generalaudienz zu übergeben.

Diesen Moment wird Dirk Wilhelm nicht vergessen. Er saß „prima fila“, in der ersten Reihe, bei der Generalaudienz des Papstes. Und als der Heilige Vater ihn auf dem Petersplatz erreicht hatte und der Bildhauer aus Rhöndorf ihm das Präsent präsentierte, schaute er Wilhelm begeistert an und meinte: „Das ist ja schön für eine Kirche!“

Papst Franziskus führte „ein kurzes, nahes, menschliches Gespräch“ mit dem Künstler, um ihn dann zu segnen. „Es war ein total inniger, schöner, emotionaler Moment“ mit dem Papst, einem unprätentiösen Menschen, wie Wilhelm sagt.

Zwei Jahre hatte der Bildhauer an dem Kreuz aus Marmor gearbeitet. Auf der Zielgeraden wurde es noch einmal hektisch. Wilhelm reiste mit der Bahn zur Audienz, zu der er durch Vermittlung eines Freundes innerhalb weniger Wochen über den Präfekten des päpstlichen Hauses, Kurienerzbischof Georg Gänswein, die Zusage erhalten hatte.

Mehrfache Zugwechsel, Ausfälle – die Fahrt war eine Odyssee. Ein Taxifahrer chauffierte den Künstler und seine wertvolle Fracht dann die letzten Kilometer quer durch Rom – ehrfürchtig mit Tempo 30 – zum Vatikan und verabschiedete sich mit besten Grüßen „an unseren Vater“.

"Er reichte mir die Hand"

Im Kirchenstaat wurde Wilhelm das Gepäck zunächst abgenommen – zur Audienz brachte ein Vatikan-Bediensteter das 60 Zentimeter hohe Kunstwerk an seinen Platz. Noch zu Hause hatte sich der Bildhauer mit einem Papst-Knigge vorbereitet. „Muss ich niederknien, küsse ich den Ring an seiner Hand?“, seien Fragen gewesen, die ihn bewegten. Es kam anders. „Nein, ich habe ihm nicht die Hand geküsst, er reichte sie mir.“

Die Geschichte seiner Skulptur begann 2016 nach der Lektüre eines Essays über das Kreuz als christliches Symbol in Navid Kermanis Buch „Ungläubiges Staunen“, dem das Kreuz aus Eisen von Karl Schlamminger zugrunde lag. Aber Wilhelm wollte das Kreuz aus einem Stück, ganzheitlich und universell.

Der Wahl-Rhöndorfer arbeitet immer wieder auch im Studio Sem, wo einst Joan Miró und Henry Moore wirkten. Es liegt in Pietrasanta nahe Florenz und nahe an den Marmorbrüchen von Carrara, wo ihm die Cavatori mit Diamantseilen die geeigneten Blöcke für seine Arbeiten herausschneiden.

Die ersten Zeichnungen entstanden im Skizzenblock Wilhelms. „Intuitiv vermerkte ich auf der Zeichnung: 'Für Papst Franziskus'“, so der 49-Jährige. Es sei ihm schon zu diesem Zeitpunkt bewusst gewesen, dass er den Entwurf und ein eventuell später entstehendes Werk Papst Franziskus widmen werde: Die Formensprache des Entwurfs spiegele die Offenheit, die Schlichtheit, das öffentliche Auftreten und die Haltung von Papst Franziskus.

Inspiriert durch die Kunst in Italien

Italien inspirierte ihn schon immer. Auf der Studienfahrt seiner Klasse 1988 war er in Florenz fasziniert von Michelangelos David und den Sklaven. Diese Kunst fand seine höchste Anerkennung und formte den Willen, selbst Bildhauer zu werden.

Seine ehemalige Philosophielehrerin hatte es wohl geahnt. In das Buch über Michelangelo, das sie Wilhelm zum 21. Geburtstag schenkte, schrieb sie: „Augenblicke in Florenz, Rom, Kassel: den Kern herausschälen – Ihr beruflicher Weg; sich Schritt für Schritt in die Tiefe vorarbeiten – Ihre Lebensbahn.“

Manche Dinge müssen ruhen, reifen. So wie die Kreuzskizze. Anfang 2018 war ein Erstentwurf aus transparentem Alabaster fertig – ein Band, das die vier Eckpunkte des Kreuzes verbindet. Der Kreuzungspunkt ist ein Freiraum. Im Frühsommer in Italien machte sich Wilhelm mit Hammer, Meißel und Feile an die Arbeit.

Statuario-Marmor aus den Apuanischen Alpen

Über Wochen haute der deutsche Bildhauer die Kreuzskulptur aus Statuario-Marmor, einem sehr feinkörnigen, weiß bis leicht gelblich schimmernden Material vom Berg Altissimo in den Apuanischen Alpen. Aus diesen Steinbrüchen kam schon Michelangelos Material.

Dabei legte Wilhelm die Proportionen, bezogen auf den „goldenen Schnitt“, zwar neu fest, ohne jedoch den Grundgedanken aufzugeben, das drei Zentimeter dicke Band aus einem Stück Stein zu meißeln. Die elegante, schlichte Form erinnert an die klassische Bildhauerei der frühen Renaissance.

Wilhelm erklärt: „Das Kreuz symbolisiert in seiner bekannten Form eine additive Sichtweise. In der Senkrechten die Verbindung zwischen dem Göttlichen und dem Irdischen, in der Waagerechten die Beziehung zwischen den Menschen vom Ich zum Du. Senkrechte und Waagerechte bilden somit einen Kreuzungspunkt. Durch die Schaffung des Kreuzes in Form eines unendlichen Bandes entsteht eine ganzheitliche verbindende Skulptur. Sie verdeutlicht in ihrer Bandform: Gott schickt seinen Sohn zu den Menschen auf die Erde, wobei dessen Aufforderung zur Nächstenliebe den Menschen wieder zu Gott führt. Ein immerwährender, in sich geschlossener Kreislauf, ein Band, ja, ein Bund Gottes mit den Menschen.“

Ob dieses Werk tatsächlich zum Papst gelangen würde, das wusste der Künstler zunächst nicht. Das Ganzheitliche dieser Idee habe ihn getragen: „Ich habe die Kreuzskulptur klar vor meinem inneren Auge gesehen. Ich habe an die Idee geglaubt. Dieser Glaube versetzt Berge, Steine, macht Formen. Es war mein Auftrag. Dass die Skulptur zum Papst durfte, für den sie gedacht war, das ist wunderbar! Ich habe Papst Franziskus gesagt, dass ich dieses Kreuz für ihn und für eine offene Kirche gemacht habe. Diese Begegnung hat mir Kraft gegeben.“

Der Rosenkranz, den Dirk Wilhelm bei der Audienz vom Papst erhielt, hat einen Ehrenplatz.

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