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Costa Concordia: Rauschendorfer Ehepaar will mit Unglück abschließen

Costa Concordia : Rauschendorfer Ehepaar will mit Unglück abschließen

Kürzlich hat Christine Hammer geträumt, ihr Haus würde evakuiert. Die Gefahrensituation war diffus, sie erinnert sich nicht, ob Feuer oder etwas anderes drohte, spürte nur: Ich muss hier 'raus. In dem Traum regte sich in ihr ein ähnlicher Fluchtinstinkt wie vor fast 60 Tagen auf der Costa Concordia, als sie und ihr Mann sich in der nächtlichen Aktion unverletzt von dem sinkenden Schiff retteten.

Die Nacht zwischen Leben und Tod vor der Insel Giglio am Freitag, 13. Januar, hat sich ins Unterbewusstsein eingegraben. Christine Hammer hatte massive Verspannungen im Rücken, gegen die nun Krankengymnastik hilft. Dazu bekam sie ein leichtes homöopathisches Beruhigungsmittel und Vitamin B verschrieben. Das war's. "Gesundheitlich geht's mir gut, ich schlafe nur schlecht."

Inzwischen engagiert sich Christine Hammer wieder wie eh und je tatkräftig ehrenamtlich für ihre evangelische Kirchengemeinde Thomasberg/Heisterbacherrott, hat unlängst für die Fastenden der Gemeinde eine Woche jeden Mittag Gemüse geschnippelt und frische Brühe gekocht.

Sie hat ihre ehrenamtlichen Mittwochs-Einsätze in der Kinderonkologie der Uniklinik Bonn selbstverständlich wieder aufgenommen, organisiert nun die Seniorenfahrt der Kirchengemeinde im April nach Binz und wird demnächst wieder die Jugendlichen der Norwegen-Freizeit bekochen. "Ich wurde viel zu dem Unglück und allem, was wir erlebt haben, befragt, wir haben viel geredet." Die Freunde aus der Kirchengemeinde taten ihr gut, das war für sie die beste Methode zur Stressbewältigung.

Während des Unglücks ruhig geblieben

Gert Hammer steckt sich derweil in Seelenruhe ein Pfeifchen an. Seine Therapie? "Ich hab' meine Arbeit gemacht", berichtet der 69-Jährige, der sich in der Senioren-Union engagiert. Neben sich auf dem Beistelltischchen im Wohnzimmer mit Blick über die Rauschendorfer Felder liegt dieselbe Pfeifentasche, die er auf der Costa Concordia dabei hatte. Mit nichts als seinen Kleidern am Leib und eben dieser Tasche war Hammer dem Schiffsunglück entronnen. Es müsse viel passieren, ihn aus der Fassung zu bringen, sagt der 69-Jährige.

In der Unglücksnacht blieb er die Ruhe selbst. Dass ihn das Drama emotional relativ unberührt gelassen hat, sieht er als Folge seines früheren Berufsalltags, der bisweilen extrem stressig gewesen sei. Hammer leitete unter anderem als Generalsekretär das Deutsch-Französische Jugendwerk. Gleichwohl ist ihm und seiner Frau vollends bewusst geworden: "Wir alle, die mit heiler Haut davon gekommen sind, haben unglaublich viel Glück gehabt", sagt Christine Hammer. "Ich bin dankbar, dass wir überlebt haben."

Gert Hammer beim Fernsehen gefragt

Als unlängst die "Costa Allegra" vor den Seychellen havarierte, war Gert Hammer abermals gefragter Gesprächspartner, der WDR befragte ihn. Das ZDF-Wissensmagazin Xpress plant Hammers Teilnahme an einer Sendung, in der es um die Optimierung von Sicherheitsvorkehrungen bei Kreuzfahrten geht.

"Sie sind doch die von dem Schiff !", wurden die Eheleute in den vergangenen Wochen häufig von wildfremden Menschen im Alltag angesprochen, nachdem ihr Bild von Zeitungen und Zeitschriften prangte und sie im Fernsehen zu sehen waren.

Der Medienrummel um die glücklich heimgekehrten Rauschendorfer in der zweiten Januarhälfte war enorm: Das Ehepaar empfing bereitwillig Kamerateams des WDR, von RTL und SAT.1 in seinem Haus und stellte sich im Düsseldorfer ZDF-Studio für die Morgensendung "Volle Kanne" zur Verfügung. Ihre Auftritte und Interviews halfen ihnen, das Szenario jener Nacht zu verarbeiten. Besonders profitierten beide nach eigenen Worten von "Beckmann": Dort herrschte "gute Atmosphäre".

All ihre Besitztümer mussten sie zurücklassen. Leid tut es ihm nur um eine alte Krawatte, ein Geschenk seiner Mutter, "daran hingen liebe Erinnerungen". Hammers sind schlichtweg froh, am Leben zu sein. Ein Herzensanliegen ist es ihnen, dass den hilfsbereiten Inselbewohnern von Giglio offiziell gedankt wird, die die Havarierten etwa mit Schuhen und trockenen Hosen versorgten. Im übrigen haben sie das Gefühl: "Wir sind im Alltag angekommen."

Ehepaar will nicht klagen

Eine Klage gegen die Costa-Reederei, wie unlängst von einer Gruppe von Passagieren angestrengt, hat das Ehepaar verworfen und die Entschädigung von 11.000 Euro pro Person akzeptiert. Christine Hammer: "Ich will das abschließen und nicht immer wieder mit dem Unglück konfrontiert werden. Eine Klage macht mich nicht glücklicher."

Dass der teure Fotoapparat, das Fernglas, goldene Manschettenknöpfe, Schmuck, Kleidung und andere Stücke aus ihrem Gepäck unwiederbringlich verloren sind - sei's drum. Christine Hammer: "Ich hab mich nie geärgert, nicht mehr zur Kabine zurückgelaufen zu sein, es ist völlig okay, dass die Klamotten und diese Dinge weg sind."