Syrer in Bonn: Ahmad Koujar durfte nicht in Bonn bleiben

Syrer in Bonn : Ahmad Koujar durfte nicht in Bonn bleiben

Shiraz Youssef lebt in Medinghoven - seit vielen Jahren. Die Syrerin und ihre junge Familie sprechen perfekt Deutsch, sind in die Gemeinde integriert. Sie hilft ehrenamtlich. Sie übersetzt, wenn jemand Hilfe benötigt oder verteilt Kleider an Bedürftige. Ihr Cousin darf nicht nach Bonn.

Ihre Eltern und Geschwister kamen vergangenes Jahr als Kontingentflüchtlinge ebenfalls nach Bonn. Monatelang lebte die achtköpfige Familie in einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung - bis schließlich eine weitere Bleibe für die Eltern gefunden wurde. Die Miete übernahm die evangelische Kirchengemeinde.

Shiraz Cousin Ahmad Koujar lebt auch in Deutschland, allerdings nicht in Bonn. Er wohnt in einer Plattenbausiedlung in Güstrow, einem kleinen Städtchen in Mecklenburg-Vorpommern. Mehr als 600 Kilometer von Bonn entfernt. Für die bunten Fachwerkhäuser, Backsteingotik und das Schloss aus dem 16. Jahrhundert hat Ahmad keine Augen. Der 19-Jährige wäre viel lieber bei seiner Familie in Bonn.

Hier war er schon. Eines Nachts im vergangen März stand Ahmad vor der Tür der Youssefs. Einfach so. "Die Familie hat mich direkt angerufen. Sie wusste überhaupt nicht, was sie mit ihm machen soll", erinnert sich Evelyn Bischoff vom Deutschen Evangelischen Frauenbund. Während sein Onkel als Kontingentflüchtling mit dem Flugzeug nach Deutschland kam, ging Ahmad weitestgehend zu Fuß. Mehr als 3500 Kilometer legte der 19-Jährige zurück. Vier Jahre dauerte die Reise. Ahmad wurde misshandelt, sah andere Flüchtlinge sterben und hatte während der letzten Tagen seiner Reise nichts zu essen. Getrieben von den Hoffnung, seine Familie wiederzusehen.

Ahmad ist kein Kontingentflüchtling. Er floh aus Syrien, weil Nachbarn seinem Vater mitteilten, dass alle jungen Männer ab 15 Jahren von den Soldaten eingezogen werden würden. Aus Angst vor dem Krieg machte er sich auf den Weg und landet in Bonn. "Es war klar, dass er nicht einfach bei den Youssefs bleiben kann. Ich habe der Familie erklärt, dass das illegal ist", sagt Bischoff. "Es gab ja nur zwei Möglichkeiten: Entweder nach Dortmund mit ihm in die Erstaufnahmestelle oder die Familie nimmt sich einen Anwalt."

Kein Geld für Rechtsbeistand

Für einen Rechtsbeistand haben die Youssefs kein Geld. Aber für die Fahrt nach Dortmund. Nach zwei Nächten in Bonn bringt ein Bekannter den 19-Jährigen nach Dortmund. Für 75 Euro. In Ahmads Taschen: nur ein 20-Euro-Schein und ein Handy. Über das Smartphone halten die Youssefs Kontakt zu ihm. Und schon in Dortmund macht er von dem Handy gebrauch. "Hier sind nur Marokkaner", schildert er seiner Familie und weint. Doch in Dortmund bleibt er nicht. Für Ahmad beginnt eine Odyssee durch Deutschland.

"Normalerweise wird bei der Erstaufnahme gefragt, ob es Verwandtschaft in Deutschland gibt. Wir haben natürlich auch Dolmetscher für solche Fälle", sagt Frank Binder von der Ausländerbehörde in Dortmund. "Bei bis zu 1000 Anträgen pro Tag kann natürlich schon mal etwas untergehen."

Statt zurück nach Bonn wird Ahmed nach Unna weitergeschickt. Dort bleibt er zwei Tage. Über Bad Berleburg geht es nach Hamburg und schließlich nach Güstrow. "Nachdem die Menschen in den Notunterkünften angekommen sind, müssen sie die asylrechtlichen Stränge abschließen. Wenn der Asylantrag gestellt ist, werden sie umverteilt", erklärt Christoph Söbbeler von der Bezirksregierung Arnsberg. "Wenn sie nach dem Königssteinerschlüssel verteilt werden, kann es vorkommen, dass ein Flüchtling auch in ein anderes Bundesland kommt."

WG mit vier Syrern

Ahmad wohnt mit vier weiteren Syrern in einer WG. "Dort muss er natürlich auch erst einmal bleiben, bis der Asylantrag durch ist", sagt Bischoff. Theoretisch kann er einen Antrag auf Umverteilung im Sinne der Familienzusammenführung stellen. Die Aussichten auf Erfolg sind indes gering. Denn der Antrag greift laut Bezirksregierung eigentlich nur, wenn die unmittelbare Familie betroffen ist. Also Ehepartner oder Eltern und Kinder.

Ahmad fühlt sich wohl, willkommen ist er in der Stadt allerdings nicht überall. Der Fremdenhass ist in Güstrow ein Thema. Erst Ende Mai gab es Ausschreitungen während einer Kundgebung für Flüchtlingsrechte. Polizei und Experten erkennen eine zunehmende Gewaltbereitschaft der rechten Szene in der kleinen Kreisstadt. Im sozialen Netzwerk machen Gruppen gegen die Flüchtlinge mobil. In zahlreichen Kommentaren wird der Hass gegenüber der neuen Mitbürger ausgedrückt. Ahmad bekommt davon nur wenig mit.

Cousin Murat ist mittlerweile ebenfalls in Bonn angekommen. Der Vater hatte einer Schlepperbande viel Geld bezahlt, damit sie ihn nach Schweden bringt, wo weitere Familienmitglieder leben. In Siegburg wurde der 16-Jährige "ausgesetzt" - ohne Geld, ohne Verpflegung. Ein Araber spricht ihn auf der Straße an - und bringt ihn nach Medinghoven. Mittlerweile kümmert sich das Jugendamt um Murat. Zumindest die kommenden drei Monate darf er in Bonn bleiben. Anders als Ahmad. Er muss warten bis sein Asylgesuch anerkannt wird.

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