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Fußball als Forschungsgebiet: Geballtes Wissen

Fußball als Forschungsgebiet : Geballtes Wissen

Fußball interessiert auch als Forschungsgebiet. Wann sich der Schiri einschüchtern lässt. Millionen von Fans fiebern während der EM mit ihrer Mannschaft mit. Auch Forscher haben ein Herz für ihre Mannschaften, aber mitunter interessiert sie etwas völlig anderes, als die Frage, ob Jérôme Boateng wieder aufgestellt wird oder nicht.

Sicherheit: Zum Beispiel die Geografen der Universität Bonn: Seit 2008 arbeiten sie in einem Projekt unter Federführung des Forschungszentrums Jülich an der Entwicklung eines Evakuierungsassistenten für Großveranstaltungsarenen mit. Das vom Bundesministerium für Forschung und Bildung geförderte Forschungsprojekt mit dem Namen Hermes soll die Sicherheit der Fans in großen, multifunktionalen Bauwerken wie auch bei Großveranstaltungen im Freien durch die Erforschung eines Evakuierungsassistenten verbessern. Ziel des Projektes ist es, Echtzeit-Simulationen für bis zu 60 000 Personen durchzuführen und den Einsatzkräften von Polizei, Feuerwehr und Sicherheitsdienst eine Prognose zur Verfügung zu stellen, an welchen Stellen es in den nächsten Minuten zu gefährlichen Stauungen kommen wird.

Das Programm wird seit einem Jahr in der Esprit-Arena in Düsseldorf getestet. Dazu sind 120 Kameras installiert, die die Besucher zählen. Die Computer simulieren dann mögliche Laufwege der Besucher bei Panik. Mit Hilfe des Systems können Auswirkungen einer Massenpanik praktisch bis zu 15 Minuten im Voraus berechnet werden. Die Wege werden auf dem Bildschirm farbig gekennzeichnet: Je stärker das Rot, desto größer ist die Gefahr, dass es an diesen Stellen zu Gedränge und zu Unfällen kommt.

Hermes soll Veranstaltern im Vorfeld zeigen, an welchen Ausgängen es im Evakuierungsfall eng wird, wo mehr Einsatzkräfte postiert werden müssen.

Elfmeter: Auch das Spiel selbst kann Wissenschaftler beschäftigen. Spannend ist nicht nur für den Zuschauer eine Elfmeter-Situation. Dass dieser Zweikampf nicht besonders fair ist, hat der Dortmunder Physiker Metin Tolan nachgewiesen. In seinem Buch "Manchmal gewinnt der Bessere. Die Physik des Fußballspiels" beschreibt er, dass der Schütze immer im Vorteil ist. Das beginnt schon mit der Torfläche. 78 Prozent des Tors hat der Fußballer für seinen Schuss zur Auswahl. Der Torwart kann lediglich rund 22 Prozent abdecken. "Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 25 Prozent, dass der Torwart hält", sagt Tolan.

Die Fans: Die Fans, der zwölfte Mann im Spiel, haben größeren Einfluss auf Schiedsrichterentscheidungen als man denkt. Das zeigt eine eine Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) und der Uni Bonn, in der Wirtschaftswissenschaftler mehr als 3500 Begegnungen unter die Lupe genommen haben. Das Ergebnis: Die Schiris gestanden zurückliegenden Heimteams in Stadien ohne Laufbahn erheblich mehr Nachspielzeit zu. War das Spielfeld durch eine Laufbahn von den Rängen getrennt, war die Nachspielzeit dagegen unabhängig vom Spielergebnis. "Wahrscheinlich ist der Schiedsrichter einem höheren sozialen Druck ausgesetzt, wenn sich die Zuschauer direkt am Spielfeld befinden", so Thomas Dohmen.

Das Sing- und Klatschverhalten der Fans im Stadion hat Musikwissenschaftler wie Georg Brunner von der Pädagogischen Hochschule in Freiburg interessiert. "Grundsätzlich kann man sagen, man singt um seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Und im Stadion möchte man auch Macht ausüben. Auf der einen Seite möchte man den eigenen Verein unterstützen und auf der anderen Seite den gegnerischen Verein demoralisieren", sagt Brunner. Die Klatschrhythmen und Kurzgesänge sind anzutreffen beim Unentschieden oder beim knappen Rückstand. Wenn der Vorsprung dagegen größer sei, gebe es besonders viele Lieder.

Psychologie: Eine kuriose Auswirkung des guten Abschneidens der deutschen Nationalmannschaft haben Wissenschaftler der Universität Bonn festgestellt: Während der letzten Weltmeisterschaft etwa sahen die Menschen in Deutschland der wirtschaftlichen Zukunft deutlich optimistischer entgegen als vorher. Ihre eigene ökonomische Situation beurteilten sie sogar so positiv, als hätten sie knapp 500 Euro mehr in der Tasche als vor der WM.