Medizin: Kampf gegen Cholera und Krankenhauskeime in Bonn

Medizin : Kampf gegen Cholera und Krankenhauskeime in Bonn

Legionellen ausgerechnet an der Uni – für Professor Martin Exner ist der viel diskutierte Vorfall auf dem Dach eines Institutsgebäudes der Uni Bonn an der Wegelerstraße vor rund fünf Wochen ein Zeichen für die starke Relevanz seiner Wissenschaft für die Gesellschaft.

An der Uni Bonn wurden bei einer routinemäßigen Kühlwasseruntersuchung erhöhte Konzentrationen der Krankheitserreger Legionellen festgestellt. Später teilte das Nationale Referenzlabor für Legionellen in Dresden dann aber ausdrücklich mit, dass die Bonner Legionellen-Stämme nicht gefährlich gewesen seien.

Durchgeführt hatte diese Kontrolle des Kühlwassers das Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit des Uniklinikums Bonn. Exner ist der Direktor dieses Instituts, das an diesem Freitag mit geladenen Gästen sein 125-jähriges Bestehen feiert. Die Pflicht zu regelmäßigen Untersuchungen von Verdunstungskühlanlagen geht laut Exner auf die Arbeit und damit die Geschichte des Bonner Instituts zurück.

Der Professor und sein Team hatten nach dem verheerenden Legionellen-Ausbruch vom Winter 2009/2010 in Ulm mit sechs Toten und vielen Erkrankten ein Gutachten darüber verfasst. Die Experten entdeckten Versäumnisse bei Wartungs-, Reinigungs- und Kontrollmaßnahmen an der Quelle der Epidemie, einem Rückkühlwerk, von wo aus die Legionellen in die Luft geraten waren und von vielen Menschen eingeatmet wurden.

Daraufhin forderte Exner in einem Memorandum, Verdunstungskühlanlagen in einem Kataster zu erfassen und sie regelmäßig hygienisch-mikrobiologisch auf Legionellen zu untersuchen. Jahre später, 2017, trat die Kontrollpflicht mit der 42. Immissionsschutzverordnung in Kraft. "Das nennen wir Risikoregulierung – heute das wichtigste Therapeutikum des Hygienikers", sagt Exner. Derartige Vorschriften zu Kontrollen gebe es in vielen anderen europäischen Ländern bis heute nicht.

Das Institut sieht sich in der Tradition Robert Kochs

Dramatische Ereignisse lagen dem Beginn des Bonner Hygiene-Instituts zugrunde, das inzwischen zu den größten in Deutschland zählt. Die Einrichtung eines eigenen Lehrstuhls für Hygiene im Jahr 1894 war auch eine Reaktion auf den Cholera-Ausbruch in Hamburg zwei Jahre zuvor, mit über 16.000 Erkrankungen und weit über 8000 Toten.

Diese Epidemie belegte zum einen überzeugend die Bedeutung des Schutzes und der strikten Trennung von Trinkwasser und bakteriell kontaminiertem Abwasser. "Zum anderen zeigte sie auch die Notwendigkeit, eigenständige hygienische Untersuchungen an Universitäten durchführen zu können, gleichzeitig zu forschen und das Fach Hygiene fest in die Lehre für Medizinstudenten zu integrieren", so Exner.

Robert Koch, der mit seinen Forschungen zum Erreger der Cholera damals maßgeblich zur Kontrolle der Epidemie in Hamburg beigetragen hatte, war gleichzeitig auch derjenige, der die Gründung von Hygiene-Instituten an deutschen Universitäten propagierte. "Mit der Verbesserung der Lebensbedingungen in den entwickelten Ländern kam es im 20. Jahrhundert zu einer drastischen Reduktion der Sterblichkeit und einer kontinuierlichen Zunahme der Lebenserwartung um 30 bis 35 Jahre", sagt Exner.

Ein Porträt Robert Kochs, der selbst 1885 zum Gründungsdirektor des Hygiene-Instituts der Universität Berlin berufen worden war, hängt in Exners Arbeitszimmer auf dem Venusberg. Der Bonner Wissenschaftler sieht sich mit seinem Institut in der Tradition Kochs: "Für ihn wie für uns war und ist das Ziel der Hygiene, den Menschen eine lebensaufbauende, lebenserhaltende und lebensfördernde Umwelt zu sichern."

In seiner Festrede am Freitag wird Exner auch das dunkelste Kapitel seines Fachs streifen, nämlich die sogenannte Rassenhygiene. „Während der NS-Zeit haben Mediziner unter diesem mit der Hygiene assoziierten Schlagwort eine Einteilung von Menschen in “erhaltenswertes Leben„ und “lebensuntaugliches Leben„ eingeteilt“, so der 68-Jährige. Das habe man bisher im Fach Hygiene noch nicht ausreichend aufgearbeitet.

Die Infektionskrankheiten schienen besiegt – das war ein Irrtum

Exner selbst erhielt seine Berufung auf den Bonner Lehrstuhl 1994 und blickt auf 41 Jahre in der Hygiene zurück. 1978, so erinnert sich der Wissenschaftler an seine Anfangszeit als Assistenzarzt auf dem Venusberg, war man nach Ausrottung der Pocken der euphorischen Überzeugung, dass die Infektionskrankheiten besiegt seien. Bald aber mussten die Mediziner erkennen, dass sie sich geirrt hatten. Es traten neue Infektionskrankheiten auf – SARS (Schweres Akutes Atemwegssyndrom), HIV, Legionellosen und virale hämorrhagische Fieber wie Ebola.

Zudem wurden der Anstieg der sogenannten nosokomialen, also im Krankenhaus erworbenen, Infektionen mit zum Teil tödlichem Verlauf und die Zunahme der Resistenzen gegen Antibiotika immer gravierender. "Das hat uns bescheidener werden lassen", so Exner. Und es hat dazu geführt, dass neben der Prävention und Kontrolle von umweltbedingten Erkrankungen weitere Schwerpunkte, wie zum Beispiel die Krankenhaushygiene, als eigene Abteilungen am Institut etabliert wurden. Heute befassen sich die Mitarbeiter national sowie international in Forschung, Lehre und angewandter Hygiene unter anderem mit Fragen der Wirksamkeit von Desinfektionsverfahren.

Hinzu kommen Untersuchungen zu dem Vorkommen von antibiotikaresistenten Erregern in der Umwelt. Zusammen mit Geografen der Uni erarbeitet das Institut auch regelmäßig eine Übersicht über Gebiete, in denen besondere Erkrankungen – zum Beispiel trinkwasserbedingte Infektionen – auftreten. Und bei ihrer Feldforschung in afrikanischen Staaten untersuchen die Wissenschaftler auch derzeit noch die Ausbrüche und Übertragungen von Infektionskrankheiten durch kontaminiertes Trinkwasser.

Seine Zeit in der Hygiene und vor allem der Irrtum, die Infektionskrankheiten ein für allemal besiegt zu haben, ließen folgendes Diktum des amerikanischen Historikers und Schriftstellers Daniel Boorstin (1914-2004) zu Exners Credo werden: "Das größte Hindernis zur Erkenntnis ist nicht Ignoranz, sondern die Illusion, dass wir schon alles wissen." Diesen Satz will er auch an seine Studenten weitergeben und bringt ihn deswegen regelmäßig in seinen Vorlesungen.

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