1. News
  2. Wirtschaft
  3. Überregional

Glyphosat-Prozesse: Ende mit Schrecken bei Bayer in Sicht

Glyphosat-Prozesse : Ende mit Schrecken bei Bayer in Sicht

In Leverkusen keimt Hoffnung auf: Kann sich der Konzern durch Zahlung von zehn Milliarden Dollar mit den Klägern in den Glyphosat-Prozessen einigen?

In Leverkusen keimt Hoffnung auf: Bayer könnte den Rechtsstreit um den Unkrautvernichter Glyphosat endlich beilegen, wenn auch für satte zehn Milliarden Dollar beilegen. Kläger-Anwälte diskutieren mit dem Konzern über entsprechende Vereinbarungen, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Insider. In einigen Diskussionen hätten Bayer-Anwälte gesagt, man werde acht Milliarden für die Lösung der aktuellen Fälle beiseite legen und zwei Milliarden für künftige Klagen reservieren. Die Bayer-Aktie sprang zeitweise um vier Prozent auf fast 77 Euro hoch. Seit der Übernahme des US-Konzerns Monsant o, zu dessen Kassenschlagern der Unkrautvernichter gehört, war die Bayer-Aktie zeitweise um 40 Prozent auf 52 Euro gefallen.

„Eine Einigung im Rechtsstreit wäre ein Befreiungsschlag für Bayer und verringert die Unsicherheit in den USA enorm“, sagt Ingo Speich, Manager des einflussreichen Deka-Fonds, unserer Redaktion. Bayer gehe das Thema seit der Hauptversammlung aktiv an, was den Kapitalmarkt freue. Eine Einigung von unter zehn Milliarden Dollar würde sicher von den Anlegern begrüßt, sagt auch Markus Manns, Fondsmanager bei Union Investment, einem Großaktionär von Bayer. „Dann könnte sich Bayer wieder auf das Tagesgeschäft konzentrieren.“ Wichtiger als eine schnelle Einigung sei aber eine gute Einigung, betonte Manns.

Auch der Konzern äußerte sich vorsichtig: „Die Mediation wird gewissenhaft und zielorientiert fortgesetzt, um eine Lösung unter der Aufsicht von Ken Feinberg auszuloten. Es gibt auch keine Gewissheit oder einen Zeitplan für eine umfassende Lösung“, erklärte ein Sprecher.

Ken Feinberg ist der amerikanische Staranwalt, der versucht, das „große Puzzle“, wie er es nennt, zu lösen. Der 74-Jährige hatte schon die Entschädigungen für die Opfer der Terroranschläge vom 11. September und der BP-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko organisiert. Auch für deutsche Konzerne war er im Einsatz: Feinberg war an Vergleichen beim VW-Dieselskandal beteiligt. Nun soll er als Mediator den Streit zwischen Tausenden Krebskranken und dem Leverkusener Konzern lösen. „Ich bin verhalten optimistisch, dass wir den Vergleich eher früher als später haben werden“, hatte Feinberg unlängst dem „Handelsblatt“ auf die Frage gesagt, ob binnen eines Monats mit einer Einigung zu rechnen sei.

Kläger machen Roundup für ihre Krebserkrankung verantwortlich

Die Zahl der Kläger ist gewaltig: Bayer nannte zuletzt 42.700. Feinberg hatte von 75.000 bis 85.000 Klagen gesprochen, sich dann aber korrigiert: Das seien nicht alles „echte Klagen“. Bayer betont nun, es seien „deutlich unter 50.000“. Die Kläger machen Roundup, wie das glyphosathaltige Mittel im Handel heißt, für ihre Krebserkrankung verantwortlich und werfen Monsanto vor, nicht ausreichend vor Gefahren gewarnt zu haben. Bayer betont dagegen, bei sachgerechter Anwendung sei das Mittel sicher.

Doch die Klagewelle bindet enorme Kräfte und liegt wie Blei auf der Aktie. Deshalb dürfte auch der Konzern großes Interesse an einem Ende mit Schrecken haben. Auf der Hauptversammlung 2019 hatten die Aktionäre Bayer-Chef Werner Baumann die Entlastung verweigert, weil sie das Krisenmanagement für schlecht hielten.

Seit Herbst 2018, als Bayer den US-Konzern für 59 Milliarden Euro kaufte, ist die Klagewelle angeschwollen. Die ersten drei Prozesse in den USA hatte Bayer verloren und wurde zu Schadenersatzzahlungen verurteilt. Bayer hat Berufung eingelegt. Zuletzt erhielt Bayer Unterstützung vom US-Umweltamt EPA, das Glyphosat nicht als krebserregend einstufte. Mit einer Vergleichssumme von zehn Milliarden käme Bayer noch glimpflich davon. Beobachter waren von 20 Milliarden Dollar ausgegangen. Die Schwierigkeit für Bayer besteht darin, einen Vergleich zu schließen, der auch künftige Klagen verhindert. Baumann hatte erklärt, dass Bayer nur einem Ergebnis zustimmen werde, das wirtschaftlich sinnvoll ist und die Verfahrens zu einem Abschluss bringe.