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Kommentar zum Arbeitsmarkt: Höchste Zeit umzusteuern

Kommentar zum Arbeitsmarkt : Höchste Zeit umzusteuern

Die Tendenz zur Mehrfachbeschäftigung sollte uns mehr als nur „mit Sorge“ umtreiben. Sie ist schlicht das Armutszeugnis einer reichen Gesellschaft. Es ist höchste Zeit, umzusteuern, meint unser Autor.

Es mag sie geben, die Fälle, in denen sich jemand über einen Nebenjob sein Hobby finanziert. Oder sogar seinem Hobby nachgeht und sich damit etwas dazuverdienen kann. Doch die nüchternen Daten sprechen eine andere Sprache: Mehrfachjobber verdienen in der Regel deutlich weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen, die mit einer Arbeitsstelle leben können.

Studien belegen, dass die Mehrheit der Mehrfachbeschäftigten finanzielle Nöte als Ursache angibt. Andere finden keine Vollzeitstelle und sehen sich daher gezwungen, durch Nebenjobs aufzustocken. Das ist ein Problem, das in der englischen Welt mit „working poor“ bezeichnet wird – Menschen, die arm sind, obwohl sie arbeiten.

Diese Entwicklung hat an Fahrt aufgenommen mit den Hartz-Reformen. In den Folgejahren hat sich auch der Niedriglohnsektor ausgeweitet. Seit gut einem Jahrzehnt arbeiten unterhalb der Niedriglohnschwelle konstant rund ein Viertel der Erwerbstätigen. Das birgt gesellschaftliche Sprengkraft. Denn die Zahl der Mehrfachjobber steigt von Jahr zu Jahr. Bald wird jeder zehnte mehr als nur einem Job nachgehen. Das schürt Unsicherheit auch bei Arbeitnehmern, die noch in einem festen Beschäftigungsverhältnis stecken. Und die heutige Arbeitsarmut ist die Altersarmut von morgen.

Die Entwicklung sollte uns mehr als nur „mit Sorge“ umtreiben. Sie ist schlicht das Armutszeugnis einer reichen Gesellschaft. Es ist höchste Zeit, wieder umzusteuern.