Zusammen, aber trotzdem allein: Uraufführung von „Stadt der Fremden“ in der Werkstatt

Zusammen, aber trotzdem allein : Uraufführung von „Stadt der Fremden“ in der Werkstatt

Ein Theaterstück ohne Worte: Die Uraufführung von „Stadt der Fremden“ in der Werkstatt basiert auf ausdrucksstarker Mimik und akzentuierter Körpersprache.

Ohne sich auch nur eines Blickes zu würdigen, laufen die jungen Erwachsenen aneinander vorbei. Sie tänzeln und schleichen, springen und schlurfen, hetzen und stampfen über die Bühne. Der eine stürzt unbeachtet zu Boden, die andere verliert ihr Handy mit einem lauten Krachen, der nächste muss sich vor lauter Erschöpfung für einen Moment hinsetzen.

Elf Personen füllen die Bühne der Werkstatt zusammen, nicht aber gemeinsam aus, denn jeder ist ganz mit sich selbst beschäftigt. Zwischenmenschliche Interaktionen gibt es, wenn überhaupt, nur selten und flüchtig.

Eindrucksvoll gelingt die Uraufführung der Projektentwicklung „Stadt der Fremden“ von Stefan Herrmann. Inspiriert von Peter Handkes Stück „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“, hat der Bonner Regisseur gemeinsam mit Choreografin Sonia Franken ein Schauspiel inszeniert, das auf nonverbaler Kommunikation, auf ausdrucksstarker Mimik und akzentuierter Körpersprache basiert und dabei auf jegliches gesprochene Wort verzichtet.

Das minimalistische Bühnenbild erzeugt eine großstädtische Szenerie der Anonymität. Grelle Neonröhren flackern unter der Decke, die Rückwand besteht aus weißen und roten Kacheln, in der Mitte stehen fünf glänzende Sitze aus dunkelgrauem Kunststoff. Maria Strauch hat mit bewusst gewählten Details die Atmosphäre einer unterirdischen U-Bahn-Station kreiert und einen Raum erschaffen, der sich in ständiger Transformation befindet, weil er vom Kommen und Gehen der unterschiedlichsten Persönlichkeiten geprägt ist.

Es sind Collagen und Skizzen des alltäglichen Miteinanders in jener namensgebenden Stadt der Fremden. Die einzelnen Szenen wandeln sich unaufhörlich, bieten mal eine Hommage an Charlie Chaplins „Lichter der Großstadt“, mal an die rivalisierenden Tänzer aus „West Side Story“.

Grandios dekonstruiert das Ensemble Stereotype und Klischees von Männlichkeit und Weiblichkeit, lässt etwa Chaplin am Ende nicht mit seiner umschwärmten Blumenverkäuferin zusammenkommen und stellt die Momentaufnahme eines streitenden Pärchens gleich zwei Mal mit wechselnden Rollen dar, in denen erst der Mann, dann die Frau als dominierender Part der Beziehung agiert.

Das Stück wirft Fragen ohne Antworten auf, zeigt Probleme ohne Lösungen und changiert zwischen Komik und Tragik.

Doch immer wieder blitzen in diesem pessimistischen Bild einer anonymen Gesellschaft Momente auf, die Empathie und gegenseitiges Verständnis zwischen den hektischen Einzelgängern zeigen. Vielleicht, so deutet das Stück am Ende zaghaft an, lassen sich Machtkämpfe und Egoismus überwinden.

Vielleicht ist ein harmonisches Miteinander möglich. Im Schauspiel des Ensembles aus geflüchteten und in Deutschland aufgewachsenen Jugendlichen (unter anderem Charlotte Geisen, Sarah Reitmeier, Yazdan Bahadauri, Mouhammad Kafouri und Fahad Nyf) gelingen ebendiese wünschenswerte Harmonie und ein außergewöhnliches Zusammenspiel bereits meisterhaft.

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