Musical kommt ins Pantheon: Wie Sherlock Holmes Köln und Bonn erobert

Musical kommt ins Pantheon : Wie Sherlock Holmes Köln und Bonn erobert

Das Musical „Sherlock Holmes“ mit dem Musiker Richard Bargel in der Titelrolle ist der Renner im Kölner Urania Theater. Im Januar kommt die deutsch-britische Produktion ins Pantheon. Aufgrund der großen Nachfrage gibt es in Bonn einen Zusatztermin.

Vor dem Urania Theater im Kölner Stadtteil Ehrenfeld stehen an manchen Tagen sogar die Leichen Schlange. Zum Beispiel am vergangenen Samstag. Da verharrt die Schauspielerin Susanne Pätzold („Switch“, „Mitternachtsspitzen“) brav im Nieselregen, bis sich die 200 Besucher durchs Foyer geschoben haben. Sie nimmt schließlich in der ersten Reihe Platz und wartet mehr als eine Stunde lang auf ihren kurzen, textlosen Einsatz.

Die Leiche genießt im Urania-Musical „Sherlock Holmes“ einen Sonderstatus. Sie muss nicht viel tun und räumt dafür viel Applaus ab. Das liegt auch daran, dass die Rolle in den bisherigen 14 ausverkauften Vorstellungen durchweg mit regionaler Prominenz besetzt war. Wilfried Schmickler, Hella von Sinnen und auch Rainer Pause zogen sich bislang den Armeemantel aus dem Ersten Weltkrieg über, um hinterrücks erledigt zu werden.

Die Theaterleiter Bettina Montazem und Richard Bargel hatten diesen kuriosen Einfall, der sich zum Selbstläufer entwickelt. „Sherlock Holmes“ ist eine deutsch-britische Produktion. Idee und Konzept stammen von Montazem und Steve Wilson, den Text hat der BBC-Serien-Autor Alan Wilkinson verfasst, die Musik schrieb Steve Nobles. Und Bargel spielt und singt die Titelrolle, eine richtig coole Partie. Die Welturaufführung ging Anfang November über die Bühne.

Zuvor hatten die Produzenten nach eigenen Angaben „4,4 Millionen WhatsApp-Nachrichten, 3920 Tassen Kaffee und 386 Liter Herzblut“ in ihr kühnes Vorhaben investiert. Der Einsatz scheint sich zu amortisieren: Alle bisherigen Shows waren – mit insgesamt 2500 Besuchern – ausverkauft, weitere Termine sind im Angebot und eine Deutschlandtournee in Planung. Das erste Auswärtsspiel findet am 30. Januar im Bonner Pantheon statt. Der Termin ist mittlerweile ausverkauft, eine zweite Vorstellung wird es am 25. Februar (20 Uhr) im Pantheon geben.

Ein komplett neues Kapitel

Der Erfolg lässt sich vielleicht mit dem inhaltlich und auch technisch enorm hohen Anspruch erklären. Das Kölner Musical bleibt zwar konsequent im Rahmen jener Biografie, die der britische Schriftsteller Arthur Conan Doyle seinem Meisterdetektiv Sherlock Holmes ab 1886 auf den Leib geschrieben hat. Doch erzählt wird ein eigenes, komplett neues Kapitel.

Man schreibt das Jahr 1914, Holmes hängt gelangweilt in der Baker Street 221b ab, draußen reden die Leute von Krieg. Dann wird ein französischer Luftfahrtexperte entführt, für den sich auch die Deutschen interessieren. Holmes übernimmt den Fall, der ihn gleichsam mit seiner eigenen amourösen Vergangenheit konfrontiert.

Mehr muss an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur das noch: Die niederländische Tänzerin und Doppelagentin Margaretha Geertruida Zelle (1876-1917), besser bekannt als Mata Hari, ist ebenfalls in den Fall involviert. Die Mexikanerin Kim Goldblatt-Morales tanz und spielt ihre kompakte Rolle mit Bravour. Tanz, Sprechtheater, Gesang, Live-Musik von einer stilistisch sehr variablen Band: „Sherlock Holmes“ trägt die Züge eines Gesamtkunstwerkes, das ganz lässig mit den Elementen spielt. Optische Akzente setzen historische Bild- und Filmprojektionen, die sich auf dem schwarzen Mauerwerk des Kölner Theaterraums besonders gut machen.

Mit ihrer Liebe zum Detail wollen sich die Musicalmacher bewusst abgrenzen und auch absichern. Das Thema Holmes liegt im Trend, das weiß auch Bargel: „Natürlich vergleicht das Publikum unsere Produktion mit der erfolgreichen TV-Serie, die den weltweiten Sherlock-Boom auslöste“, sagt der Hauptdarsteller. In der BBC-Produktion gibt Benedict Cumberbatch den Meisterdetektiv. „Wir mussten etwas Gleichwertiges entgegensetzen, ohne zu kopieren.“

Neben "Sherlock Holmes" auch Kindertheater und Lesungen

Montazem und Bargel hatten sich in den vergangenen zehn Jahren mit ihrem Ensemble auf Tourneeproduktionen spezialisiert. Im Oktober 2017 übernahm das Duo die Leitung im Urania Theater. Die Spielstätte in der Platenstraße 32 war in den 50er Jahren ein Kino, dann Stadtteiltheater und von 1997 bis 2017 Heimat des Arkadas-Theaters.

Im aktuellen Programm findet sich neben „Sherlock Holmes“ ein Mix aus Kindertheater, Musik und Lesungen. Auch seine alte Musik-Talkshow „Talkin‘ Blues“ hat Bargel reanimiert.

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