Premiere am Kölner Schauspiel: Großer Applaus für „Rückkehr nach Reims“

Premiere am Kölner Schauspiel : Großer Applaus für „Rückkehr nach Reims“

Regisseur Thomas Jonigk stellt die Bühnenfassung von Didier Eribons Bestseller im Kölner Depot 2 zur Diskussion.

Nehmen, umdrehen, auffächern, auspreisen, weitergeben. Zu fünft sitzen sie am Fließband, streng durchchoreographiert bereiten sie im Takt einer metallenen Musik Exemplare von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ für den Versand vor. Nach einem Aufstand gegen diese unmenschlichen Bedingungen findet sich das Quintett an seinem Arbeitsplatz wieder, der Takt ist angezogen worden. Es ist der ironische Höhepunkt in Thomas Jonigks Bühnenfassung von Eribons Buch, die jetzt im Depot 2 Premiere feierte.

In seiner Abhandlung aus dem Jahr 2009 (deutsch 2016), hatte sich der französische Philosoph und Soziologe mit seinen proletarischen Wurzeln auseinandergesetzt – und seiner Scham darüber, warum er sie in seinem neuen intellektuellen Umfeld verleugnet und den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen hatte. Als linker Student heroisierte er zwar den „Arbeiter“, für seine nicht zuletzt für ihn schuftenden Eltern empfindet er aber Abscheu. Auch weil sie statt wie früher kommunistisch später den Front National wählten.

Dass Thomas Jonigk nun seinerseits Arbeiter für Eribons Bücher schuften und an der Maloche verzweifeln lässt, ist ein vortrefflicher Clou. Ansonsten setzt der Regisseur, der am Schauspiel Köln schon Bölls „Ansichten eines Clowns“ erfolgreich für die Bühne bearbeitet hatte, auf Werktreue und lässt sein Darstellerensemble das Buch (in Auszügen) Wort für Wort vortragen. Doch das entpuppt sich als das Hauptproblem des Abends.

Denn Eribon gibt den Eltern keine eigene Stimme. Es ist der auktoriale Erzähler, der Berichte anderer in seiner eigenen Sprache wiedergibt und bewertet. Und so reden seine Eltern, ihres Zeichens Hilfsarbeiter und Putzfrau, auch auf der Bühne über weite Strecken nicht, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Jörg Ratjen und Sabine Orléans dürfen sich zwar mal anständig fetzen, aber meistens präsentieren sie die Satzkaskaden wie edles Geschirr auf einem Tablett, bisweilen mit dem abfälligen Gestus, dass sie zwar wissen, dass das Porzellan teuer war, aber dessen Wert nicht anerkennen.

Den größten Teil der Hauptfigur Eribon übernimmt Nicki von Tempelhoff. Doch sein Didier scheint unsicher, zu fahrig, zu linkisch für den souveränen Intellektuellen, als der sich der Autor im Buch präsentiert. Ihm zur Seite stehen zwei jüngere Alter Egos, mit dem schlaksig-verkopften Nicolas Lehni und dem durchtrainiert-virilen Justus Maier verkörpern sie die Wunschvorstellung des schwulen Eribon, schlau und sexy sein zu wollen.

Denn auch wenn Ausgangspunkt die Auseinandersetzung mit der Herkunft ist, kehrt Eribon immer wieder zu seiner Sexualität zurück: das Schwulsein, von dem er immer geglaubt hatte, dass es der Grund für den Bruch mit seinem Zuhause gewesen sei.

Jonigk folgt hier der Vorlage und beendet das Stück mit dem Monolog über „Reims als die Stadt der Beleidigung“, in dem Eribon/von Tempelhoff über die Beschimpfungen, die er als junger Mann anhören musste, referiert. Und dass er einen Satz von Sartre zu seinem Lebensmotto erhoben habe: „Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.“

Letztlich sorgt die Darstellerriege für einen ansehenswerten Theaterabend. Da singt Jörg Ratjen Jacques Brels „Amsterdam“ mit einem neuen homophob-rassistischen Text, Sabine Orléans brilliert zwischen unsicherem Mädchen und mütterlichem Berserker. Und Nicki vom Tempelhoff hält die Fäden, die er als Eribon spinnt und die bei ihm wieder zusammenlaufen, souverän in seiner Hand. Für das Trio fiel der ohnehin große Premierenapplaus noch einmal stärker aus.

Weitere Vorstellungen am 21., 22. und 27. Januar.

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