Ausstellung im Haus der Geschichte: Das Museum kann auch Kino

Ausstellung im Haus der Geschichte : Das Museum kann auch Kino

„Inszeniert. Deutsche Geschichte im Spielfilm“ heißt die neue Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte. In sieben Kapiteln werden Filme von der Serie „Holocaust“ bis „Operation Walküre“ und „Das Leben der Anderen“ vorgestellt

Etwas neidisch klingt es schon, wenn der Präsident der Stiftung Haus der Geschichte, Hans Walter Hütter, von der immensen Reichweite des Spielfilms schwärmt, wenn es um die Vermittlung historischer Inhalte geht. Kino und TV schlagen da Buch, Schulunterricht und Museen, klagt Hütter. Und wenn sich ein Museum den Film vornimmt, sich ins Spannungsfeld zwischen Fiktion und Fakten wagt wie jetzt in der Schau „Inszeniert. Deutsche Geschichte im Spielfilm“? Im Haus der Geschichte hat man zwei Jahre lang recherchiert, Filme gesichtet, Dokumente sortiert, Anfragen wie nach Tom Cruises Stauffenberg-Uniform und dem „Bambi“ für den US-Star gestellt – und tritt nun den Beweis an: Das Haus kann auch Kino.

„Inszeniert“ ist eine durchweg begeisternde, berührende und fesselnde Schau mit Blockbusterqualität. Fast sechs Stunden Film gibt es zu bewundern, sieben Großprojektionen, insgesamt 275 Filmbeiträge in 55 Medienstationen. Außerdem präsentiert „Inszeniert“ Dokumente wie den 1979 nicht gesendeten, eher positiven Schluss der viel diskutierten „Holocaust“-Serie und Ausstattungsstücke wie Teile der Zelle von Gudrun Ensslin aus „Der Baader Meinhof Komplex“, die aus dem Originalort in Stammheim kamen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung, deren Entree schon einladend wie ein Kino ist, stehen sieben Themen-Kapitel mit jeweils einem Hauptfilm, der entweder besonders viele Menschen berührte, heftige Debatten auslöste oder das Geschichtsbild entscheidend veränderte – oder alles zusammen, wie die amerikanische TV-Serie „Holocaust“ mit Meryl Streep und James Woods, die nicht nur Millionen Zuschauer verstörte und eine lange Phase des Schweigens über das Thema beendete, sondern – drei Jahrzehnte nach Kriegsende! – einer breiten Bevölkerung die Augen über die Nazi-Gräuel öffnete.

Spannendes Kapitel über den Zweiten Weltkrieg im Film

Mancher US-Bürger erfuhr im Gegenzug erst durch den Stauffenberg-Film „Operation Walküre“ (2009), dass es so etwas wie Widerstand gegen die NS-Diktatur gab. In diesem zweiten Ausstellungskapitel, das wie alle übrigen mit einer Doku-Wand voller historischer Fakten ausgestattet ist, konkurriert Tom Cruise mit dem viel besseren Sebastian Koch in „Stauffenberg“ (2004). Außer Konkurrenz läuft Curd Jürgens als rebellischer Luftwaffengeneral Harras in „Des Teufels General“ (1955. Jürgens' Uniform ist zu sehen und macht seinem Beinamen „normannischer Kleiderschrank“ alle Ehre.

Ungemein spannend ist das Kapitel über den Zweiten Weltkrieg im Film, sind hier doch frühe Ausschnitte zu sehen, die die „Freiwillige Selbstkontrolle“ (FSK) zensierte, weil hier deutsche Soldaten alles andere als edel, heldenhaft und unschuldig gezeigt wurden. Der erfolgreiche TV-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (2013) etwa sendete dann das historisch korrekte Bild von Soldaten, die durchaus auch zu Handlangern der NS-Ideologie mutierten.

Spät erst griff der Spielfilm die Themen Flucht und Vertreibung auf. 1951 wird zum Beispiel das Schicksal des rehäugigen Flüchtlingsmädchens Helga (Sonja Ziemann) in „Grün ist die Heide“ noch in Heimatfilm-Folklore ertränkt, 2007 verkörpert dann Maria Furtwängler im TV-Zweiteiler „Die Flucht“ – Hauptfilm der Abteilung – das Leiden der Vertriebenen, und erlebt die Konflikte im Inland.

Im Wirtschaftswunder der 50er Jahre blühte die Nation auf, gespiegelt von Komödien, die aber auch kritische Töne übrig hatten. Wolfgang Staudtes „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959) wird dann deutlicher. Die meisterhafte, illusionslose Abrechnung mit den 50ern gelingt schließlich Rainer Werner Fassbinder und Hanna Schygulla mit „Die Ehe der Maria Braun“ (1979). Sie zerbricht an den Widersprüchen.

Als Fassbinder seine „Maria“ dreht, ist die cineastische Aufarbeitung des RAF-Terrors voll im Gange, zunächst fast romantisierend und um die Motivation der Täter kreisend wie in „Deutschland im Herbst“ und „Die bleierne Zeit“, später dokumentarisch ernst in „Todesspiel“ und „Der Baader Meinhof Komplex“.

Spannend ist auch das Kapitel über das Ende der DDR geraten, dessen Bandbreite von der Ostalgie in „Sonnenallee“ über die packende Momentaufnahme „Good Bye, Lenin!“ bis zum Oscar-gekrönten Drama „Das Leben der Anderen“ (2006) reicht – mit der unwahrscheinlichen Botschaft, ein Stasi-Mann könne vom Saulus zum Paulus werden, wie Projektleiter Christian Peters anmerkt. Sein Favorit ist der ARD-Mehrteiler „Weissensee“. Nicht der letzte Höhepunkt in „Inszeniert“.

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