Rock am Ring: Das Wetter schlägt den Rock

Rock am Ring : Das Wetter schlägt den Rock

Die Musik ist bei der 30. Auflage des Mammutfestivals durch schwere Unwetter und mehr als 70 verletzte Besucher in den Hintergrund getreten.

Schlagzeilen, wie man sie als Veranstalter nicht lesen möchte: Auch im zweiten Jahr am neuen Standort Mendig ist Deutschlands größtes Musikfestival Rock am Ring von schweren Unwettern getroffen worden. Die traurige Bilanz von Freitagabend: 71 Verletzte allein durch Blitzeinschläge, acht davon schwer.

Zwei Menschen mussten reanimiert werden. In einem Fall retteten Besucher einem Fan so das Leben. Schon am Samstagvormittag hatten die Organisatoren allerdings mitgeteilt, dass die meisten Verletzten auf dem Wege der Besserung seien. Der Zustand eines Fans war allerdings auch gestern noch kritisch.

90.000 Besucher waren dem Unwetter schutzlos ausgeliefert

Kurz vor dem Auftritt der Band Tenacious D war am Freitagabend schlagartig eine Gewitterfront über dem Festivalgelände aufgezogen. Zunächst war der Konzertbeginn noch verzögert worden. Als dann aber klar wurde, welche Gefahr heraufzieht, wurde die Show verschoben und an die Zehntausenden Fans vor der Bühne appelliert, sich von allen metallischen Gegenständen wie etwa Wellenbrechern fernzuhalten und möglichst in die Zelte zurückzukehren. Doch egal wo sich die Massen hinbewegten: Die rund 90.000 Menschen waren dem Unwetter auf freier Fläche nahezu schutzlos ausgeliefert. Einige fanden Unterschlupf in den wenigen begehbaren Ständen von Sponsoren, viele suchten Schutz im großen Zelt, in dem die dritte Bühne stand.

Der Sound des Wochenendes war so auf einmal nicht mehr geprägt von lauten Gitarren, sondern von Sirenen und den Rotoren der Rettungshubschrauber, die trotz der Unwetterlage im Minutentakt hinter den zwei großen Bühnen landeten und anschließend die Schwerverletzten abtransportierten. Die Einsätze der Rettungskräfte am Boden gestalteten sich dagegen aus anderen Gründen außerordentlich schwierig, da der Boden durch die anhaltenden Regenfälle der Tage zuvor völlig aufgeweicht war und die Fahrzeuge regelmäßig im Schlamm steckenblieben. Selbst das Gelände rund um die Bühnen glich teilweise einem Acker, der den talentiertesten Landwirt stolz gemacht hätte.

Über die Sozialen Medien kritisierten sehr viele Fans die Informationspolitik der Organisatoren. Erst wenige Minuten vor dem schweren Unwetter hatten diese per Durchsage entsprechende Warnungen ausgesprochen. Allerdings merkte Veranstalter Marek Lieberberg zu Recht an, dass weit im Vorfeld über diverse Kanäle bereits auf mögliche Unwetter hingewiesen wurde. Das Musikprogramm wurde dann gegen 22 Uhr bei ruhiger Wetterlage fortgesetzt. Spekulationen, das Festival könnte abgebrochen werden, wurden von den Veranstaltern stets energisch dementiert.

Die Organisatoren müssen sich höherer Gewalt beugen

Am Samstagnachmittag musste Lieberberg dann aber bekannt geben, dass das Festival unterbrochen werde, da weitere Extremwetterlagen drohten. Die Ereignisse des Vortags hatten, ähnlich wie im Vorjahr, als ein Unwetter mit Blitzeinschlägen für 33 Verletzte gesorgt hatte, Behörden und Politik auf den Plan gerufen. Während das Festivalgelände gesperrt blieb, war auf einer deutlich verspätet gestarteten gemeinsamen Pressekonferenz der Veranstalter sowie Vertretern von Behörden und Politik förmlich zu spüren, dass hinter den Kulissen ein Tauziehen um die Entscheidung stattgefunden hatte, ob das Festival fortgesetzt werden könne oder nicht.

Ergebnis: Die Fans wurden gebeten, sich in ihren Zelten oder Autos in Sicherheit zu bringen und die stündlichen Informationen der Organisatoren abzuwarten. "Uns geht es in erster Linie um die Sicherheit der Menschen", hatte Lieberberg gesagt. Sehr zu seiner und der Freude der vielen Zehntausend Fans, die nicht abgereist waren, gab der Meteorologe auf dem Gelände am Abend grünes Licht für die Fortsetzung des Festivals mit stark komprimiertem Spielplan.

Noch vor dem ersten Auftritt der Band Deftones wandte sich Lieberberg allerdings von der Hauptbühne an die Fans und musste verkünden, dass es keine Spielerlaubnis für den kommenden Tag gebe. "Das stinkt mir, das stinkt euch. Aber das ist höhere Gewalt, der müssen wir uns beugen." Die Verbandsgemeinde Mendig hatte den Abbruch des Festivals verfügt, da durch weitere drohende Unwetter am Sonntag eine Gefahr für Leib und Leben bestand. Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz hatte sich schon auf der Pressekonferenz am Nachmittag für den sofortigen Abbruch des Festivals ausgesprochen.

Ob Rock am Ring nun tatsächlich eine Zukunft in Mendig hat, scheint offen. Zwar hatte Lieberberg am Freitag dem GA bestätigt, dass das Festival auch kommendes Jahr am jetzigen Standort stattfindet. Möglich scheint aber, dass diese Entscheidung nun überdacht wird, nicht zuletzt, weil Mendig bei vielen Fans keine positiven Gefühle mehr auslöst. Am Ende dieses sehr kurzen Rock-am-Ring-Wochenendes steht die Erkenntnis, dass der Rock'n'Roll zwar eine ungeheure Kraft hat. Gegen das Wetter kommt aber selbst er nicht an.

Rock am Ring - Teil 2

Rock am Ring - Tag 1

Unsere Redakteure Moritz Rosenkranz und Andreas Dyck waren für den General Anzeiger vor Ort . Alle Informationen zum Nachlesen im Blog:

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